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Boxen

"Man muss ein richtiger Mann sein"

Von Interview: Stefan Maurer
Im September 2008 gewann Marco Huck gegen Jean Marc Monrose den EM-Gürtel
© Getty

Marco Huck kämpft im Gerry Weber Stadion in Halle/Westfalen um den Cruisergewichts-Titel der WBO. Mit SPOX spricht er über seinen Gegner Victor Emilio Ramirez, seine Taktik, seine Erfolge als Kickboxer, die glückliche Kindheit in Novi Pazar und die Flucht der Familie nach Deutschland.

SPOX: Marco Huck, Sie kämpfen in Halle um den WBO-Weltmeistertitel im Cruisergewicht. Wie schätzen Sie Ihren Gegner Victor Emilio Ramirez ein?

Marco Huck: Er ist ein sehr starker Boxer und nicht umsonst Weltmeister. Ich musste im Training wirklich Vollgas geben, damit ich ihn jetzt hoffentlich schlagen kann. Ich gehe an meine Grenzen und habe mein ganzes Leben auf diese Chance ausgerichtet. Da er der Titelverteidiger ist, sehen viele Experten ihn als Favoriten, aber mein Ziel ist es natürlich trotzdem, den Gürtel um die Hüften zu tragen.

SPOX: Außerhalb der Box-Welt sind Sie noch recht unbekannt. Was würde der WM-Titel daran ändern?

Huck: Den Europameistertitel zu holen, war schon eine große Sache, aber ein WM-Gürtel kann das Leben eines Menschen mit einem Schlag verändern. Wichtig ist es dann, den Titel so lange wie möglich zu verteidigen.

SPOX: Zuerst einmal müssen Sie den Titel erringen. Haben Sie sich schon eine Taktik zurechtgelegt?

Huck: Ich werde den Stier bei den Hörnern packen und von der ersten Sekunde an hellwach sein. Mein Ziel muss es sein, dass er überhaupt nicht zur Entfaltung kommt, ich muss ihm meinen Stil aufdrängen. Und das auch über zwölf Runden, wenn es nötig ist. Sollte das nicht klappen, habe ich sicherlich noch einen Plan B in der Tasche.

SPOX: Können Sie den Plan B erläutern?

Huck: Nein, der wird nicht verraten.

SPOX: Ursprünglich war ja Boxen auch Ihr Plan B: Sie waren Weltmeister im Kickboxen - hilft Ihnen das noch heute im Ring?

Huck: Durch das Kickboxen habe ich die nötige Härte für das Boxen. Insofern war es eine gute Erfahrung für mich. Außerdem dient mir das Kickboxen als Beispiel: Das, was ich dort erreicht habe, will ich auch im Boxen erreichen. Das ist aber sehr viel schwerer, weil die Leistungsdichte im Boxen viel größer ist. Diese Tatsache zwingt mich dazu, hart an mir zu arbeiten, um Erfolg zu haben.

SPOX: Sie sprechen von der nötigen Härte: Hat die Ihnen auch geholfen, 2008 sechs Runden mit gebrochenem Kiefer zu überstehen? War das sehr schmerzhaft?

Huck: Oh ja, das war sehr schmerzhaft. Man muss ein richtiger Mann sein, um mit dieser Situation umzugehen. Aber die Belohnung war der Sieg. Der lässt einen den Schmerz erst einmal vergessen.

SPOX: Schmerzen sind in beiden Sportarten an der Tagesordnung, aber wo liegen die Unterschiede? Mal abgesehen davon, dass Sie die Beine nicht mehr benutzen dürfen.

Huck: Die Unterschiede sind tatsächlich nicht so groß. Als Kickboxer war ich kein Profi. Heute als Berufsboxer kann ich mich voll und ganz auf den Sport konzentrieren und deshalb viel intensiver trainieren.

SPOX: Warum kam der Wechsel zum Boxen? Wie verlief Ihre Amateurkarriere?

Huck: Mit dem WM-Titel im Kickboxen war ich ganz oben angekommen. Mehr ging nicht. Das war das Ende der Entwicklung. Deshalb habe ich nach einer neuen Herausforderung gesucht und das Boxen gefunden. Nach ein paar sehr erfolgreichen Amateurkämpfen kam dann schon der Wechsel ins Profilager.

SPOX: Vor dem Boxen und Kickboxen stand die Flucht nach Deutschland in Ihrer Kindheit. Wie haben Sie die Kinderjahre im ehemaligen Jugoslawien, im Sandzak von Novi Pazar erlebt?

Huck: Genau so, wie eine Kindheit sein soll. Ich wuchs behütet in einem sehr familiär geprägten Umfeld auf und war umgeben von vielen Freunden. Als ich acht Jahre alt war, haben wir den Sandzak verlassen und sind nach Bielefeld gezogen.

SPOX: Warum sind Sie mit Ihren Eltern nach Deutschland gekommen? Sind Sie vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen?

Huck: Das kann man so sagen. Es gab zu dieser Zeit schon kriegerische Handlungen. Mein Vater hat damals entschieden, dass das Risiko für unsere Familie zu groß wird. Folglich entschloss er sich, mit uns das Land zu verlassen.

SPOX: War die "Reise" nach Deutschland schwierig?

Huck: Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Das Auswandern war abenteuerlich. Mit dieser Geschichte könnte man ein ganzes Buch füllen.

SPOX: Jugoslawien war ein Vielvölker-Staat - Sie sind bosniakischer Herkunft. Können Sie das erklären? Das ist den Wenigsten in Deutschland ein Begriff.

Huck: Es ist schwer, das zu beschreiben. Die Bosniaken sind eine Art Minderheit, die heute in alle Staaten des ehemaligen Jugoslawien verstreut ist. Die Region, in der ich geboren wurde, liegt heute in Serbien.

SPOX: Nach der Flucht: Welche Schwierigkeiten mussten Sie in Deutschland bewältigen?

Huck: Ich war ein Kind. Als Kind hat man es überall leicht, deshalb würde ich nicht sagen, dass es für mich persönlich schwer war. Nach drei Monaten konnte ich schon relativ gut Deutsch sprechen. Das hat vieles weiter vereinfacht. Meine Eltern haben mich dann oft zu Behördengängen mitgenommen, damit ich für sie übersetzen konnte.

SPOX: Sehen Sie sich nach 16 Jahren in Deutschland heute als Deutscher?

Huck: Eigentlich stellt sich diese Frage für mich überhaupt nicht. Ich lebe hier, also ist Deutschland meine Heimat. Natürlich vergisst kein Mensch jemals seine Wurzeln, aber ich habe den größten Teil meines Lebens in Deutschland verbracht und fühle mich deshalb hier zuhause.

SPOX: Der Titelgewinn wäre der Endpunkt einer langen Reise. Wie geht es weiter? Was können wir von einem Weltmeister Marco Huck erwarten?

Huck: Damit werde ich mich erst beschäftigen, wenn ich den Titel errungen habe. Derzeit gilt meine ganze Konzentration dem Kampf und meinem Gegner. Ich bin heiß und hoffe, dass sich die harte Vorbereitung auszahlen wird.

Huck gelingt Titelverteidigung gegen Rusal

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