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Handball - Bob Hanning im Interview: "Der Hass gegen mich trifft nur die Dartsscheibe"

Für Bob Hanning ist das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele sehr wichtig.

Am Wochenende steht für die deutsche Handball-Nationalmannschaft das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele in Tokio auf dem Programm. DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat im Interview mit SPOX die enorme Bedeutung des Events in Berlin unterstrichen.

Der 53-Jährige sprach außerdem über die Arbeit von Bundestrainer Alfred Gislason und die Beschimpfungen, die Hendrik Pekeler nach seinem WM-Verzicht über sich ergehen lassen musste. Hanning erklärte zudem, mit welchem Trick er selbst Hassnachrichten von sich fernhält.

Herr Hanning, wie würden Sie das beschreiben, was am Wochenende für den deutschen Handball auf dem Spiel steht?

Bob Hanning: Rein sportlich und nur auf die Nationalmannschaft bezogen muss man es so einschätzen, dass es eine schwierige Aufgabe wird. Diese Aufgabe können wir aber optimistisch angehen, weil wir die Qualität haben, mit Druck umzugehen. Wir werden es schaffen, uns zu finden und das Ticket zu lösen. Neben der rein sportlichen Situation um das DHB-Team betrachte ich die Bedeutung des kommenden Wochenendes aber sehr vielschichtig. Es geht nicht nur um den sportlichen Erfolg und die Teilnahme an den Olympischen Spielen, die für jeden Sportler das Größte ist. Ich sehe das auch gesellschaftspolitisch, das ist für mich ein ganz wesentliches Thema.

Was meinen Sie damit?

Hanning: Derzeit treiben aufgrund der Coronasituation über sieben Millionen Kinder keinen Sport, die das normalerweise tun würden. Der Handball liegt in Sachen Nachwuchs seit einem Jahr vollkommen brach, was dazu führt, dass die Vereine viele Mitglieder verlieren. Gleiches gilt für quasi alle anderen Mannschaftssportarten. Wenn man im Handball in einem Verein in einer Altersklasse zehn oder elf Kinder hat und drei oder vier davon hören auf, dann gehen ganze Mannschaften verloren. Deshalb ist es für die Sportart in den nächsten Wochen und Monaten wichtig, zumindest eine gewisse Präsenz zu haben. Ich drücke darum nicht nur uns, sondern allen Mannschaftssportarten in Deutschland die Daumen, dass sie die Olympia-Qualifikation schaffen. Das ist für den gesamten Sport überlebenswichtig und das beschäftigt mich wirklich ganz, ganz extrem. Es geht also um viel mehr als um die reine Frage, ob wir diesmal an den Olympischen Spielen teilnehmen oder nicht.

Wie groß ist in diesem Zusammenhang die Befürchtung, dass die Olympischen Spiele womöglich überhaupt nicht stattfinden und damit auch die sportliche Qualifikation mehr oder weniger wertlos wäre?

Hanning: Ich bin sehr optimistisch, dass die Olympischen Spiele stattfinden werden. Viele Seiten haben ein Interesse daran und es ist ja auch sportpolitisch gewünscht. Außerdem habe ich absolutes Vertrauen in die Maßnahmen in Tokio. Die werden so gut sein, dass es eine sichere Veranstaltung wird. Obendrein gehe ich davon aus, dass man bis zum Juli in Sachen Impfungen einen großen Schritt vorangekommen sein wird.

Sie werden in diesem Jahr Ihr Amt als DHB-Vizepräsident niederlegen. Wie sehr wird das anstehende Quali-Turnier und dann auch die Olympischen Spiele das persönliche Fazit beeinflussen, das Sie über Ihre gesamte DHB-Zeit ziehen werden? Schließlich sind Sie vom Ziel Olympia-Medaille nicht abgewichen.

Hanning: Ich mache mir ganz ehrlich derzeit keinen einzigen Gedanken um mich oder darum, wie irgendein persönliches Fazit ausfallen könnte. Mein einziger Wunsch ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Nur so viel zu Ihrer Frage: Wir haben vor acht Jahren damit angefangen, dem DHB eine neue Gestalt zu verpassen, also ihn zu professionalisieren. Ich erinnere mich beispielsweise noch gut, wie wir anfangs die Werbung bei Spielen auf Holzbanden angetackert haben. Wir haben uns gegen Teams wie Montenegro nicht durchgesetzt, waren deshalb für Welt- und Europameisterschaften nicht sportlich qualifiziert. Da sieht man also doch eine Entwicklung. Aber alles das spielt jetzt wie gesagt überhaupt keine Rolle. Es geht nun einzig und allein um unsere Sportart und wir alle sollten dieses Ziel konstruktiv und positiv in Angriff nehmen.

Hanning: "Gislason hilft uns in dieser schwierigen Zeit sehr"

Das gilt für Alfred Gislason ganz bestimmt. Man merkt dem von seinem Naturell her eher etwas unterkühlten Isländer in jeder Sekunde an, wie viel Lust er auf den Job beim DHB hat und wie groß sein Stolz ist, Bundestrainer sein zu dürfen. Teilen Sie diesen Eindruck?

Hanning: Voll und ganz. Wir wollten Alfred ja bereits vor einigen Jahren zum Bundestrainer machen, als er allerdings gerade einen neuen Vertrag beim THW Kiel unterschrieben hatte. Jetzt ist dieser Traum, Bundestrainer zu sein, für ihn Wirklichkeit geworden. Seine Routine und sein Wissen darüber, wie Erfolg funktioniert, helfen dem DHB an sich und natürlich besonders der Mannschaft gerade in dieser schwierigen Zeit sehr.

Trotzdem war die WM in Ägypten mit dem zwölften Platz keine Erfolgsgeschichte. Muss man befürchten, dass bei einem Verpassen der Olympischen Spiele auch an Gislason Kritik aufkommen würde?

Hanning: Ich habe keine Lust und keine Zeit dafür, mich mit Szenarien zu beschäftigen, was eventuell sein könnte. Fakt ist: Ich habe großes Vertrauen in den Trainer und die Mannschaft und bin fest davon überzeugt, dass wir sportlich erfolgreich sein werden. Alle freuen sich, jeder ist total motiviert und heiß.

Grund zum Optimismus bietet die Tatsache, dass anders als bei der WM beispielsweise Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold dabei sein werden. Pekeler warnte allerdings davor, das Kieler Trio als Heilsbringer zu sehen. Sind gerade Pekeler und Wiencek aber nicht doch irgendwie genau das?

Hanning: Pekeler ist mit seinen Qualitäten in Angriff und Abwehr natürlich einer der entscheidenden Unterschiedsspieler, die wir im deutschen Handball haben. Das ist gar keine Frage. Spieler wie Pekeler und auch Wiencek können durch ihre Leistung und auch durch ihre Fähigkeit, Mitspieler mitzureißen, besondere Dinge in Gang setzen. Gleichzeitig bin ich aber zu 100 Prozent bei Pekeler, wenn er sich nicht als Heilsbringer sieht. Ich warne davor, nach dem Motto "jetzt mach du mal" vorzugehen. Das wird nicht funktionieren. Ein Team besteht aus 16 Spielern und die Verantwortung muss sich auf mehrere Schultern verteilen. Es geht nur über den Zusammenhalt, über das Team.

Olympia-Qualifikation: Der Spielplan im Überblick

DatumNation 1Nation 2
Freitag, 12.03.2021, 15.15 UhrDeutschlandSchweden
Freitag, 12.03.2021, 17.45 UhrAlgerienSlowenien
Samstag, 13.03.2021, 15.35 UhrDeutschlandSlowenien
Samstag, 13.03.2021, 18 UhrSchwedenAlgerien
Sonntag, 14.03.2021, 15.45 UhrAlgerienDeutschland
Sonntag, 14.03.2021, 18.15 UhrSchwedenSlowenien

Hanning: "Das gilt es natürlich zu verurteilen"

Vor der WM in Ägypten sorgte Andreas Wolff für Aufregung, weil er eben beispielsweise Pekeler und Wiencek dafür kritisierte, dass sie aus persönlichen Gründen nicht an der Weltmeisterschaft teilgenommen haben. Wurde dieser Zwist noch einmal aufgearbeitet?

Hanning: Nein, und das war auch gar nicht notwendig. Wir sind alles erwachsene Menschen, die wissen was sie zu tun haben. Nämlich sich auf den Sport und die anstehende Olympia-Quali zu konzentrieren.

Pekeler berichtete anschließend von heftigen Beschimpfungen weit unterhalb der Gürtellinie in den sozialen Medien. Unter anderem wurde er als "Vaterlandsverräter" verunglimpft. Solchen Attacken sehen sich viele Menschen ausgesetzt, die in der Öffentlichkeit stehen. Haben auch Sie bereits mit Hassnachrichten Erfahrungen gemacht?

Hanning: Das passiert gerade in der Anonymität der sozialen Medien leider immer wieder mal und das gilt es natürlich zu verurteilen. Wenn man wie ich dazu bereit ist, öffentlich kontrovers zu diskutieren und nicht immer mit dem Strom zu schwimmen, dann muss man heutzutage damit leben und es einfach aushalten, teilweise angefeindet zu werden. Ich habe für mich einen Weg oder einen kleinen psychologischen Trick gefunden, um damit umzugehen.

Wie sieht dieser Trick aus?

Hanning: Bei mir zu Hause hängt eine Dartsscheibe. Ich stelle mir, wenn ich unter der Gürtellinie angefeindet werde, vor, dass dieser Hass nicht mich, sondern ausschließlich diese Dartsscheibe trifft. Mich als Person können nur Freunde treffen und verletzen, keine Fremden.

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