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Handball

Handball-WM - DHB-Gegner Kap Verde: Wie Corona den Traum von Ivo Santos zerstörte

Ivo Santos hätte eigentlich für Kap Verde bei der WM spielen sollen.

Von Kap Verde über Benfica Lissabon und Graz nach Solingen: Der Karriereweg von Ivo Santos hat es in sich. Eigentlich hätte der 28-Jährige bei der WM in Ägypten für sein Heimatland im kurz vor der Absage stehenden Spiel gegen Deutschland auflaufen sollen. Doch ein positiver Coronatest zerstörte alle Träume. Bei SPOX sprach Santos über sein Leben und die jüngsten Vorkommnisse.

Himmel und Hölle liegen im Leben manchmal verdammt eng beisammen. Im Fall von Ivo Santos ließ ein positiver Coronatest einen eigentlich nie für möglich gehaltenen Lebenstraum kurz vor der Erfüllung wie eine Seifenblase platzen.

Anstatt mit der Nationalmannschaft Kap Verdes in Ägypten einen sporthistorischen Moment in der Geschichte seines afrikanischen Heimatlandes zu erleben - erstmals ist der Inselstaat in einer Mannschaftssportart für eine Weltmeisterschaft qualifiziert -, sitzt der 28-Jährige in Portugal in einem Hotel, in dem sich das Team seit Weihnachten auf den großen Moment vorbereitet hatte, in Quarantäne.

"Es tut mir leid. Ich konnte einfach nicht sprechen, habe Zeit für mich gebraucht. Das ist alles so hart für mich, es ist so traurig. Ich und meine Mitspieler, die hier festsitzen, sind am Boden zerstört", sagte Santos am späten Freitagabend, nachdem er zwei Tage lang eine Anfrage unbeantwortet gelassen hatte, mit niedergeschlagener Stimme im Gespräch mit SPOX.

Santos: "Die Menschen in der Heimat sind so stolz auf uns"

Es tut weh, den Kreisläufer und Abwehrspezialisten so zu hören. Erst recht, wenn man jene Stimme in den Ohren hat, die nur zwei Tage vor den ersten Meldungen über Coronainfektionen im Team der "Blauen Haie" noch vor Euphorie nur so sprudelte.

"Die Menschen in der Heimat sind so stolz auf uns. Mein Telefon steht nicht mehr still, ich bekomme eine Nachricht nach der anderen. Von uns hätte es doch niemand für möglich gehalten, dass wir tatsächlich mal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. Das ist unfassbar groß, für mich ein Traum, fast schon surreal", hatte Santos erklärt.

Und weiter: "Fußball und Basketball sind die Hauptsportarten in Kap Verde. Aber durch die geschaffte WM-Quali wird der Handball derzeit groß. Unsere Spieler stehen in Portugal, Spanien, Frankreich, Rumänien und Deutschland unter Vertrag."

Das Handball-Märchen des 570 Kilometer vor der Westküste Afrikas im Zentralatlantik gelegenen Inselstaats beinhaltet viele besondere Geschichten. Santos' Lebensweg gehört aus deutscher Sicht definitiv dazu, denn sie führte ihn letztlich bis nach Nordrhein-Westfalen, genauer gesagt nach Solingen, wo er mittlerweile lebt.

Santos' Weg: Benfica, Graz und Bergischer HC

Santos wurde in Praia, der auf der Insel Santiago gelegenen Hauptstadt von Kap Verde geboren. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute wuchs er in ordentlichen Verhältnissen auf. "Mir hat nie etwas gefehlt, mir wurden fast alle Möglichkeiten eröffnet", so der Nationalspieler.

Irgendwann wurde der Zwei-Meter-Mann von einem Talentspäher entdeckt, der eine U16-Auswahl für ein internationales Turnier in Brasilien zusammenstellen sollte. Es war der Funke, der seine Begeisterung für Handball entfachte.

Nach dem Highschool-Abschluss zog es Santos nach Portugal, wo er später Sport auf Lehramt studierte. Er wurde in die Nachwuchsabteilung von Benfica Lissabon aufgenommen und nach drei Jahren in die erste Mannschaft der Männer hochgezogen.

Nach insgesamt sieben Jahren in Portugal und drei Jahren bei den Benfica-Profis, von denen er zwei auf Leihbasis für Belenenses Lissabon verbrachte, wechselte Santos nach Österreich. Dort war er eine Saison für den Zweitligisten HIB Handball Graz aktiv, ehe es weiter nach Deutschland ging.

Über den Drittligisten Leichlinger TV landete der 28-Jährige schließlich beim Bergischen HC. Für die Zweitvertretung des Bundesligisten aus Wuppertal und Solingen spielt Santos mittlerweile im dritten Jahr in der Oberliga.

Santos und sein Teilzeitjob im Verpackungsbereich

Da sich auf diesem Niveau nicht genügend Geld verdienen lässt, um davon zu leben, muss Santos einer geregelten Arbeit in Teilzeit nachgehen. Bei der eng mit dem BHC verbundenen Deinzer GmbH ist der Mann aus Kap Verde im Verpackungsbereich tätig. Fünfmal die Woche, jeweils fünf Stunden.

Laut Thilo Becher aus der Deinzer-Vertriebsleitung sei Santos "ein sehr engagierter und zuverlässiger Mitarbeiter, der sich sehr schnell in unser Team integriert hat".

Irgendwann würde er gerne als Sportlehrer in Deutschland arbeiten. "Aber momentan kann ich das nicht machen. Ich liebe Handball zu sehr, um mich komplett auf einen anderen Beruf zu konzentrieren", so Santos.

Ivo Santos: "Ich bewundere Uwe Gensheimer"

Diese Liebe hätte mit der WM-Teilnahme und vor allem dem Spiel gegen Deutschland ihre Krönung erfahren sollen. Die Aufstockung der WM von 24 auf 32 Teilnehmer und der fünfte Platz bei der Afrikameisterschaft 2020 in Tunesien hätten es ermöglicht.

"Ich bewundere Uwe Gensheimer, Paul Drux und Patrick Wiencek, der ja leider nicht dabei ist. Gegen Deutschland zu spielen, wäre für mich so speziell gewesen", sagte Santos. Doch dann kam Corona. Mehrere Spieler, darunter Santos, konnten aufgrund positiver Testergebnisse nicht nach Ägypten fliegen.

Kurz nach der Ankunft des restlichen Trosses wurden weitere Fälle offiziell. Trotzdem spielte Kap Verde am Freitagabend sein Auftaktspiel gegen Ungarn und schlug sich mit nur elf Spielern im Kader bei der 27:34-Niederlage mehr als beachtlich.

"Ich bin stolz auf meine Jungs, dass sie sich so teuer geschlagen haben. Sie haben gekämpft und Charakter gezeigt, einfach unglaublich. Das Spiel gegen Deutschland wird allerdings noch härter", sagte Santos.

Partie zwischen Cap Verde und DHB vor Absage

Ginge es nach dem deutschen Torhüter Jogi Bitter, würde diese Partie erst gar nicht stattfinden. "Ich finde es schwierig. Aus meiner ganz persönlichen Sicht ist das fahrlässig, dass sie spielen", sagte Bitter und bezeichnete die Partien mit kapverdischer Beteiligung als "verantwortungslos": "Das ist ein zu großes Risiko für das Turnier."

Bundestrainer Alfred Gislason sieht es ähnlich: "Natürlich macht uns das Sorgen. Man muss hoffen, dass es wirklich so ist, dass keiner infektiös sein kann."

Mittlerweile deutet tatsächlich alles daraufhin, dass das Duell abgesagt wird. Beim Team von Kap Verde sind weitere Coronafälle aufgetaucht. Santos hätte die Partie ohnehin nur in seiner Quarantäne in Portugal im Fernsehen verfolgen können. Sein Traum ist längst geplatzt.

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