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Handball - Christian Schwarzer: "Es besteht die große Gefahr, dass uns eine ganze Generation wegbricht"

Christian Schwarzer wurde mit Deutschland Welt- und Europameister.

Die Corona-Krise setzt dem deutschen Handball gehörig zu. Bei SPOX äußert sich Welt- und Europameister Christian "Blacky" Schwarzer zu den jüngsten Vorkommnissen rund um das DHB-Team, die geplante WM in Ägypten und die Schwierigkeiten im Jugendbereich.

Was befürchtet wurde, ist eingetreten: Wie der DHB am Mittwochvormittag bekanntgegeben hat, wurde nach den beiden EM-Qualifikationsspielen der deutschen Nationalmannschaft gegen Bosnien-Herzegowina (25:21) und in Estland (35:23) neben Torhüter Jogi Bitter mit Rückraumspieler Marian Michalczik ein weiterer Akteur positiv auf das Coronavirus getestet.

Die Folge: Helle Aufregung in der Bundesliga. Das für Mittwochabend angesetzte HBL-Topspiel zwischen der SG Flensburg-Handewitt und der MT Melsungen wurde wie auch die für Donnerstag geplanten Partien des THW Kiel gegen die Füchse Berlin und der TSV Hannover-Burgdorf gegen Frisch Auf Göppingen abgesagt.

War es - wie bereits von einigen Seiten im Vorfeld kritisiert - fahrlässig, die Länderspiele auszutragen? Sollte man zum Schutz der Vereine aktuell nicht komplett auf Partien der Nationalteams verzichten?

"Das ist eine ganz schwierige Situation, ein zweischneidiges Schwert. Ein Richtig oder Falsch gibt es hier nicht", sagte Christian Schwarzer im Gespräch mit SPOX: "Ich bin natürlich der Meinung, dass man den Sport weiterleben lassen muss. Die Frage ist aber immer, unter welchen Voraussetzungen das Ganze stattfindet. Fakt ist: Jetzt haben die Vereine die Arschkarte gezogen und positiv getestete Spieler zurückbekommen."

Dabei gehe es den HBL-Klubs ohnehin bereits aufgrund des Zuschauerverbots finanziell schlecht. "Selbst Vereinen wie dem THW Kiel oder den Rhein-Neckar Löwen, die in der Vergangenheit finanziell immer sehr gut aufgestellt waren, steht das Wasser wirklich bis zum Hals. Wahrscheinlich gilt das für 99 Prozent der Vereine", schätzt er.

Schwarzer: Man kann dem DHB keinen Vorwurf machen

Einen Vorwurf könne man dem Deutschen Handballbund deshalb aber nicht machen, findet "Blacky". "Da den richtigen Weg zu finden, ist schwierig. Man darf natürlich grundsätzlich nichts gegen Menschenleben aufwiegen. Aber ehrlicherweise hat das Ganze auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Sport ist ein Wirtschaftszweig, an dem wie zum Beispiel auch in der Gastronomie oder der Reisebranche, viele Arbeitsplätze dranhängen. Unter gewissen Bedingungen muss der Sport wie gesagt weiterleben, und da gehören für mich auch Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft dazu", sagte der Weltmeister von 2007.

Selbstverständlich müsse man dabei immer die Entwicklung der Infektionszahlen, die Auslastung der Intensivbetten und was sonst noch alles dazugehört im Blick haben, meint Schwarzer.

Schwarzer: WM in Ägypten "schwierig"

Die Austragung der im Januar geplanten WM in Ägypten hält der frühere Kreisläufer derweil "aus jetziger Sicht für schwierig". Trotz der Abstellungspflicht sollten nach Einschätzung Schwarzers dabei auch die Vereine ein Wörtchen mitreden dürfen, weil diese im Endeffekt die Profis bezahlen.

"Ich gehe davon aus, dass man da alles tun wird, um die bestmöglichen Rahmenbedingungen für eine WM in Ägypten zu schaffen", ist sich der 318-malige Nationalspieler dennoch sicher. Für ihn stelle sich fernab der gesundheitsgefährdenden Lage allerdings die Frage, ob es für den Handball grundsätzlich überhaupt Sinn ergebe, Geisterspiele in Ägypten auszutragen.

Andererseits erinnerte sich Schwarzer, dass bei der WM 1999 in Kairo auch ohne Corona kaum Zuschauer anwesend gewesen seien: "Damals wurden Soldaten in bunten Anzügen in die Halle gebracht, damit wenigstens etwas los war." Ähnliche Bilder hatte es übrigens auch bei der WM 2015 in Katar gegeben, als die Hallen fast ausnahmslos leer blieben.

Schwarzer: "Eine ganze Generation droht wegzubrechen"

Die Corona-Situation und die daraus resultierenden Maßnahmen gefährden laut Schwarzer vor allem die Nachwuchsarbeit enorm. "Blacky" weiß von seiner Arbeit als Jugendkoordinator des Handball-Verbands Saar genau, wovon er spricht.

"Die große Gefahr, die ich sehe, ist, dass dem Sport insgesamt und damit auch dem Handball eine ganze Generation wegbricht, die im Endeffekt ein Jahr lang kaum Sport machen konnte und keine Wettkämpfe hatte", so der frühere Profi des FC Barcelona.

Bis mindestens Ende November ist es sämtlichen Amateursportlern verboten, ein gemeinschaftliches Training zu absolvieren. Im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr oder auch zur Situation im Sommer, als man im Freien trainieren konnte, sei es nun viel schwieriger.

"Ich versuche den Jugendlichen natürlich Hinweise zu geben, welche Übungen sie zu Hause machen können. Aber man darf nicht vergessen, dass längst nicht jedes Kind zu Hause die Rahmenbedingungen hat, um dort überhaupt Übungen zu machen. Nicht jeder hat einen Garten, nicht jeder hat ein großes Wohnzimmer. Die Voraussetzungen sind total unterschiedlich. Wir versuchen, den Kindern individuelle Hilfestellungen zu geben", so Schwarzer.

Schwarzer lobt DOSB-Boss Hörmann: "Überragend"

Die Handball-Legende äußerte zudem leise Kritik an der Politik. "Ich würde mir wünschen, dass der Sport im Jugendbereich von der Politik ein bisschen mehr berücksichtigt werden würde. Gesundheit, Sozialverhalten - der Sport fördert so viele wichtige Dinge bei Jugendlichen."

In diesem Zusammenhang betonte er die gute Arbeit von DOSB-Boss Alfons Hörmann, der die Öffnung von Sportstätten forderte. "Ich finde es überragend, wie er Stellung für den Sport bezieht", sagte der Europameister von 2004.

Dass Sport derzeit nicht erlaubt ist, sei auch für Trainer "unbefriedigend", erklärte Schwarzer und beschrieb die Reaktionen von Jugendlichen, als Anfang November der Trainingsbetrieb erneut eingestellt werden musste: "Die haben dich teilweise mit Tränen in den Augen angeschaut, sodass du fast mitweinen musstest."

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