Handball

Handball-EM - Florian Kehrmann im Interview: "Da gibt es keine Ausreden mehr"

Florian Kehrmann ist derzeit Trainer beim TBV Lemgo.

Die deutsche Nationalmannschaft spielt bei der EM 2020 um den fünften Platz. Vor der Partie in Stockholm gegen Portugal (Sa., 16 Uhr im LIVETICKER) hat Florian Kehrmann im Interview mit SPOX sein Turnier-Fazit gezogen.

Der Weltmeister von 2007 und aktuelle Trainer des TBV Lemgo findet, dass das DHB-Team nicht nur aufgrund der verletzungsbedingten Ausfälle Probleme hat. Für die anstehende Olympia-Qualifikation hat der 42-Jährige eine klare Erwartungshaltung.

Herr Kehrmann, es gab viele Diskussionen, ob Platz fünf oder sechs als Ergebnis für die deutsche Nationalmannschaft okay ist oder nicht. Wie schätzen Sie das Abschneiden ein?

Florian Kehrmann: Man muss das von zwei Seiten sehen. Eigentlich hatte man durch die Auslosung sehr gute Chancen, das Halbfinale zu erreichen, weil die Hauptrundengruppe der deutschen Mannschaft deutlich einfacher war als die Hauptrundengruppe in Malmö. Andererseits darf man die Ausfälle, die wir hatten, natürlich nicht vergessen. Meiner Meinung nach wäre das Halbfinale aber trotzdem möglich gewesen. Dass es jetzt knapp nicht gereicht hat, ist wirklich schade. Das sollte uns aber Ansporn genug sein, es beim nächsten großen Turnier besser zu machen.

Sie fanden es also grundsätzlich richtig, dass die DHB-Führung und die Mannschaft selbst trotz der vielen Verletzten am Ziel Halbfinale festgehalten haben?

Kehrmann: Wie gesagt: Meiner Meinung nach wäre das mit dieser Mannschaft auch möglich gewesen. Fast jede Nation hatte schließlich ein paar Ausfälle zu verkraften, nicht nur Deutschland. In den vergangenen Jahren hat es uns doch auch stark gemacht, dass wir in der Lage waren, Ausfälle zu kompensieren. Natürlich waren die Ausfälle ein Grund für das Verpassen des Halbfinales, das will ich gar nicht infrage stellen. Aber es lag sicher nicht nur daran.

Kehrmann: "Uns hat ein Chef im Angriff gefehlt"

Welche Probleme gab es noch?

Kehrmann: Wir haben insgesamt im Angriff nicht konsequent genug gespielt. Das hat uns genauso gefehlt wie auch ein Chef im Angriff. Einer, der wirklich die Fäden in der Hand hält. Hat man so einen Spieler nicht, wird das gegen eine Topnation letztlich zum Problem.

Man kann sich keinen Mikkel Hansen backen und man kann niemandem die Chefrolle aufs Auge drücken. Wie löst man also dieses Problem?

Kehrmann: Das stimmt schon, man kann sich solche Leute nicht backen und nicht wünschen. Wir haben nun einmal Spieler im Rückraum, die zwar teilweise gar nicht mal mehr die Jüngsten, dafür aber noch nicht so erfahren auf internationalem Terrain sind. Die müssen sich entwickeln. Im letzten Turnier war es meiner Meinung nach Fabian Wiede, der im Angriff der Kopf der Mannschaft war und die entscheidenden Situationen gesucht hat. Aber wenn Wiede fehlt, dann müssen andere in die Bresche springen. Das ist leider nicht wirklich passiert.

Welche Spieler sind Ihnen denn während der EM positiv aufgefallen im deutschen Team?

Kehrmann: Timo Kastening ist als No Name auf internationaler Bühne ins Turnier gegangen und hat seine Sache sehr gut gemacht. Das konnte man auf diese Art und Weise nicht erwarten. Auch Hendrik Pekeler war insgesamt eine sehr positive Erscheinung. Er hatte - was früher ja häufig sein Manko war - eine starke Abschlussquote. Außerdem war er natürlich ganz klar der Abwehrchef und hauptverantwortlich dafür, dass die Abwehr im Laufe des Turniers immer besser geworden ist. Jogi Bitter war selbstverständlich auch positiv, wobei man das eigentlich gar nicht erwähnen muss. Das, was er gezeigt hat, war zu 100 Prozent das, was ich ihm schon vor dem Turnier zugetraut habe. Insgesamt haben wir auf der Torhüterposition kein Problem, auch wenn wir gegen Spanien keine gute Torhüterleistung hatten. Gegen Kroatien war dafür Andreas Wolff sehr, sehr gut. Das war im Verbund mit der Abwehr unter dem Strich eine gute Leistung.

Wobei es während der Vorrunde gerade auch in der Abwehr nicht gut lief. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass in Trondheim die für das DHB-Team so wichtigen Emotionen gefehlt haben und in Wien plötzlich da waren?

Kehrmann: Da kann ich nur eine kurze Antwort geben: Nein!

Im April steht das Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin auf dem Programm. Was würde es für den deutschen Handball bedeuten, es nicht zu den Olympischen Spielen in Tokio zu schaffen?

Kehrmann: "Die Olympia-Qualifikation ist das Mindestziel"

Kehrmann: Die Olympia-Qualifikation ist das Mindestziel. Es nicht zu schaffen, wäre eine Katastrophe. Es muss alles reingesteckt werden in dieses Qualiturnier, da gibt es keine Ausreden mehr. Wir spielen vor eigenem Publikum und müssen das es einfach schaffen. In Tokio muss es dann das Ziel sein, ins Halbfinale zu kommen.

Sehen sie den DHB vom Spielermaterial her eigentlich gut für die nächsten Jahre aufgestellt?

Kehrmann: Wir haben einen guten Kader beisammen mit sehr guten Jungs, die jetzt erst in ihr bestes Handballer-Alter kommen. Und es gibt auch richtig gute Talente, die nachkommen. Was das Spielermaterial angeht, ist mir also nicht bange. Aber wir müssen trotz allem jetzt endlich mal den Bock umstoßen und mal wieder - nicht nur bei einer Heim-WM mit den eigenen Fans im Rücken - das Halbfinale schaffen. Ich bin der Meinung, dass wir in den letzten Turnieren mehr hätten erreichen können.

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