Handball

Handball-EM - Vom Außerirdischen zum Normalo: Andreas Wolff so schwach wie noch nie

Für Andreas Wolff läuft die EM 2020 nicht wie gewünscht.

Die EM 2020 war und ist nicht das Turnier von Andreas Wolff. Statistisch ist der Torhüter so schlecht wie noch nie im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Ein Teil des Problems könnte sein übertriebener Ehrgeiz sein.

Mal ließ er sich gar nicht blicken, mal flitzte er unaufhaltsam durch die Mixed Zone. Ob in Trondheim oder in Wien, Andreas Wolff entzog sich während der EM auffallend häufig den Fragen der deutschen Medienvertreter.

Stellte sich der Torhüter doch einmal, wie nach dem Sieg gegen Österreich im dritten Spiel der Hauptrunde, lächelte er gequält und lobte lieber seinen Kollegen Jogi Bitter, als über seine eigene Leistung zu sprechen.

Wolffs Unzufriedenheit mit sich selbst war in diesen Momenten förmlich greifbar. Ausgerechnet er, der in großartiger Form zu sein schien und sich so gewissenhaft mit Extraschichten auf das Turnier in Norwegen, Schweden und Österreich vorbereitet hatte, rief seine Leistung zu selten ab.

Mehr noch: Es ist bis dato das statistisch schlechteste Turnier, das der 28-Jährige, der im Sommer vom THW Kiel zum polnischen Spitzenklub Vive Kielce gewechselt ist, in seiner bisherigen Nationalmannschaftskarriere spielt.

Wolff statistisch so schlecht wie noch nie

Nach der heldenhaften EM 2016 in Polen (36 Prozent gehaltene Bälle) mit der Gala im Finale gegen Spanien, starken Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 (37 Prozent) und der für ihn persönlich ebenfalls überragenden WM 2017 in Frankreich (43 Prozent), lief es nicht mehr konstant rund.

Bei der EM 2018 in Kroatien (34 Prozent) und der Heim-WM 2019 (35 Prozent) war Wolff zwar statistisch nicht viel schlechter, hatte aber von Spiel zu Spiel teilweise enorme Leistungsschwankungen. Im vergangenen Jahr bekam er beispielsweise ausgerechnet im Halbfinale gegen Norwegen so gut wie keinen Ball zu packen.

Und 2020? Der gebürtige Euskirchener zeigte starke Partien gegen die Niederlande (39 Prozent), Weißrussland (35 Prozent) und Kroatien (34 Prozent), stand dafür aber gegen Spanien (6 Prozent), Lettland (0 Prozent) und Österreich (18 Prozent) ziemlich neben sich. Gegen Tschechien kam er gar nicht mehr zum Einsatz.

Im EM-Gesamtranking belegt Wolff mit 29 Prozent abgewehrter Würfe und durchschnittlich 6,6 Paraden pro Partie gerade einmal den 17. Platz. Für einen Torhüter wie Wolff, der höchste Ansprüche an sich selbst stellt und auch vor der EM forsche Ziele ("Meine persönliche Zielvorgabe ist es, das Turnier zu gewinnen") formuliert hat, ist das natürlich viel zu wenig.

Wolff: "Emotional und physisch nicht auf der Höhe"

"Wolff hat den Anspruch an sich, ein Weltklasse-Mann zu sein. Es gehört zur wirklichen Weltklasse dazu, sich einerseits im Spiel nach 45 schlechten Minuten für 15 gute Minuten aufzurappeln und andererseits in einem Turnier nach unterdurchschnittlichen Spielen sich wieder zu guten oder sehr guten Leistungen aufzuschwingen. Das kann man von Wolff auch erwarten", sagte Torhüter-Legende Andreas Thiel während der EM im Interview mit SPOX.

Thiel sprach damit einen Punkt an, bei dem sich der manchmal übertrieben ehrgeizige Wolff definitiv noch verbessern kann. Läuft es bei ihm nicht, wirkt er häufig schnell wie ein Häufchen Elend und hadert zu sehr mit sich selbst, anstatt sich an Kleinigkeiten nach oben zu ziehen.

Das räumte der 1,98-Meter-Mann nach dem Spiel gegen Österreich, als er wegen seiner schwachen Vorstellung früh auf die Bank gesetzt wurde und Bitter die Kohlen aus dem Feuer holen musste, indirekt selbst ein. "Ich war emotional und physisch nicht auf der Höhe nach dem Aus gegen Kroatien und bin froh, dass Jogi so eine fantastische Leistung gezeigt hat. Es tut einfach weh, das Halbfinale zu verpassen", hatte Wolff im Podcast Kreis Ab erklärt.

Leistungen beim EM-Coup 2016 für Wolff "eine Bürde"

Ein weiteres Problem ist bei Wolff zugegebenermaßen die öffentliche Erwartungshaltung. Seit dem EM-Coup von Polen wird er an den damals teilweise fast schon außerirdischen Leistungen gemessen. So werden gute Leistungen schnell zu durchschnittlichen und durchschnittliche schnell zu schlechten.

"Das ist eine große Bürde. Das war international im Prinzip sein erstes großes Turnier und da hat er gleich herausragend gehalten. Als Einstieg ist das für einen jungen Torhüter eigentlich ein Traum. Aber seither wird er daran gemessen. Die Erwartungshaltung scheint zu sein, dass er einfach halten muss. Punkt", sagte der frühere Nationaltorhüter Carsten Lichtlein bei SPOX.

Dass Wolff in Kielce konstant gut hält, wird in Deutschland ohnehin lediglich von Handball-Freaks wahrgenommen. Dabei hat Wolff beim polnischen Champions-League-Klub bereits nach wenigen Monaten ein großartiges Standing.

"Wenn ich nochmal die Champions League gewinnen möchte, dann geht das nur mit Wolff. Er ist der einzige Schlüssel dazu", sagte sein Coach Talant Dujshebaev und ernannte den mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichneten Wolff direkt zum Kapitän.

Bitter verhält sich Wolff gegenüber absolut loyal

Im Deutschland-Trikot unter Bundestrainer Christian Prokop, der ebenfalls voll auf Wolff setzt, konnte er das Vertrauen zuletzt zu oft nicht wie gewünscht zurückzahlen. Glücklicherweise ist Bitter dabei, der mit 40 Paraden und 35 Prozent gehaltener Bälle im EM-Gesamtranking aktuell Platz zwei belegt.

Der Keeper vom TVB Stuttgart ist ein äußerst loyaler Typ, der seine aktuell deutlich bessere Performance im Vergleich zu Wolff niemals herausstreichen würde. "Insgesamt haben wir das gut gemacht", betonte Bitter nach der Partie gegen Tschechien das "Wir" auf die Torhüterleistungen angesprochen im Gespräch mit SPOX: "In der Vorrunde hatten wir noch unsere Probleme, was allerdings auch daran lag, dass wir sehr viele Würfe auf das Tor bekommen haben. Die Hauptrunde hätte dann aber gar nicht besser laufen können."

Wolff und Bitter auch das Duo für die Olympia-Quali

Logischerweise setzt Prokop auch beim so wichtigen Olympia-Qualifikationsturnier im April in Berlin auf das Duo Wolff/Bitter. Das ließ jedenfalls Bob Hanning durchblicken.

"Die Frage im Vorfeld war, welches Duo vermeintlich am besten zusammenpasst und welches Duo die beste Perspektive hat. Nun stehen wir vor einer Olympia-Quali und das heißt, dass es dabei nicht um eine langfristige Perspektive geht", meinte Hanning und spielte damit auch darauf an, dass Bitter bereits 37 Jahre alt ist.

Und der DHB-Vizepräsident ergänzte: "Wolff war als Nummer 1 gesetzt und dann ging es nur noch darum, ob er besser mit Dario Quenstedt oder Jogi Bitter zusammenpasst. Hintenheraus, als Silvio Heinevetter sich verletzt hatte, gab es ja keine andere Entscheidung mehr. Wer gewinnt dir das Spiel in solchen Situationen eher? Gegen Spanien hat es nicht funktioniert. Sonst hat man aber gesehen, dass es sportlich und menschlich passt."

Bleibt zu hoffen, dass Bitter mit seinem Charakter und seiner Persönlichkeit dabei helfen kann, Wolff schnell wieder zu Höchstleistungen zu treiben. Vielleicht ja schon am Samstag in Stockholm beim Spiel um Platz fünf gegen Portugal.

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