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Fussball

Energie Cottbus: Der Ball fällt nicht weit vom Fuß

Von Matthias Faidt
Ganz Cottbus feiert die Bayern-Bezwinger: Franklin Bittencourt trägt Leonardo auf den Schultern
© Imago

Der eine war Publikumsliebling, der andere brachte es zum Nationalspieler, gemeinsam schlugen sie Bayern München. Bei Energie Cottbus erinnern ihre Namen an längstvergangene Erstligapartys. Nun kehren Bittencourt und Kobylanski auf die Fußballbühne zurück.

Sind die alle verrückt? Wo seine großen, dunklen Augen auch hinblicken: Alle singen, jubeln und tanzen. Über 20.000 Menschen, die ihren Emotionen freien Lauf lassen. Vor elf Jahren herrschte Ausnahmezustand in der Lausitz.

Die Namenlosen von Energie Cottbus hatten gerade eben Bayern München besiegt. Gleich im ersten Aufeinandertreffen hatten sie die großen Bayern geschlagen. Genau diese Bayern, gegen die es in den elf darauffolgenden Partien zehn Niederlagen und beachtliche 33 Gegentore setzen würde.

An diesem Tag prallten die Münchner aber hilflos an Eduard Geyers Abwehrriegel ab - eine Sensation. Während sich Oliver Kahn, Mehmet Scholl und Giovane Elber in die Kabine flüchteten, zog die feiernde Meute vor die Fankurve. Ganz vorne dabei: Franklin Bittencourt.

Mit verstohlenem Blick und Comic-Socken

Auf seinen Schultern thront Leonardo. Der kleine Bub mit Comic-Socken und blauem Pullover klammert sich mit seinen Händen an ein Heft. Das wilde Treiben rund um den Vater war dem Sechsjährigen offensichtlich nicht ganz geheuer.

Heute wird der 17-Jährige selbst im Stadion der Freundschaft gefeiert. Seit Jahresbeginn darf er bei den Profis trainieren. Beim 3:1- Erfolg gegen den MSV Duisburg gab er dann am 30. Spieltag der vergangenen Saison sein Debüt. Für seinen Vater, der dem Klub als Jugendtrainer erhalten blieb, einfach "ein überragendes Gefühl, wenn der Sohn einmal für den gleichen Verein, für die gleichen Fans aufläuft".

Franklin will sein Vorbild sein. Der Strafraumspieler, der in 84 Spielen 21 Tore für Energie erzielte. Der Junior ist schneller, kommt über die Außen und aus der Tiefe. In drei Zweitliga-Partien schenkte ihm Trainer Pele Wollitz bislang das Vertrauen. Die Vorbereitung auf die neue Saison verlief so gut, dass Leonardo beim Auftakt gegen Dresden (Fr., 18 Uhr im LIVE-TICKER) ein Kandidat für die erste Elf ist.

Dabei spielt er eigentlich noch für die U 19. Dort erzielte Leo in den ersten sieben Bundesliga-Partien acht Treffer. Das Team holte 14 von 21 möglichen Punkten. Von diesem Lauf zehrte Energie die restliche Saison. Fern ab der Abstiegsränge erreichte die Mannschaft von Vasile Miriuta, in der auch dessen Sohn Marco spielt, den zehnten Tabellenplatz.

Die väterlichen Stollenabdrücke

Das Talent erkannten die Eltern schon mit zwei Jahren. "Es war von Anfang an klar, dass auch Leo Fußball spielen will", erklärt der stolze Vater gegenüber SPOX. Er hat Spaß am Fußball und behält auch die Lockerheit, wenn es mal ernst wird.

Im November 2009 wurde Leo zum Energie-Nachwuchsspieler des Monats gewählt. Knapp vor einem Freund: Martin, dem Sohn von Andrzej Kobylanski, mit dem er früher noch auf den Cottbuser Straßen kickte.

Kobylanski senior wurde damals beim legendären Bayern-Triumph in der Schlussphase eingewechselt. Er sollte für schnelle Entlastungsangriffe sorgen und hatte sogar eine Großchance auf dem Fuß. Doch der polnische Nationalspieler vergab sie.

Martin wäre das womöglich nicht passiert. "Der hat einen ausgeprägten Torriecher, steht immer an der richtigen Stelle und ist eiskalt vor dem Kasten", sagt Detlef Wohlfahrt zu SPOX. Er betreute Martin und Leonardo beim Talenttraining im Nachwuchsleistungszentrum des Landesverbandes Brandenburg.

Im Alleingang zum Klassenerhalt

Kobylanksi junior sicherte den B-Junioren fast im Alleingang den Klassenerhalt in der Bundesliga. Eigentlich spielt er bereits eine Jugend höher, doch als die Lage immer prekärer wurde, half er aus. Das Ergebnis waren zwölf Treffer in den letzten neun Spielen und Cottbus erreichte das rettende Ufer.

Gefördert werden die beiden an der Lausitzer Sportschule. Leo besucht die 11. Klasse des Gymnasiums. Seinem Vater ist die Ausbildung wichtig: "Durch die Reisen mit der Nationalmannschaft war die Zeit zum Lernen manchmal knapp." Aber mit Hilfe des Vereins und der Schule sollte das Abitur klappen.

Die Begabung der beiden Nachwuchs-Talente blieb auch der Konkurrenz nicht verborgen. Energie verlängerte deshalb die Verträge: Bei Martin bis 2013, Leo sogar bis 2014. Für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung.

Lieber Energie als Real

"Natürlich träumt jedes Kind von Real Madrid oder dem FC Barcelona, aber sein Lieblingsverein ist Cottbus", sagt sein Vater. Franklin sieht ihn auch auf dem richtigen Weg: "Wenn er auf dem am Boden bleibt, hat er eine große Zukunft als Fußballer."

Technisch ist Leo den meisten Gleichaltrigen überlegen. Wohlfahrt erinnert sich noch gerne an den U-16-Länderpokal in Duisburg und besonders an einen Fallrückzieher, "den nur er so verwandeln kann".

Manchmal musste ihn der Trainer zur Seite nehmen und erklären, wie er seine individuelle Stärke am besten für die Mannschaft einsetzt. Doch das brasilianische Blut in seinen Adern konnte auch der Jugend-Coach nicht bändigen: "Leo ist auf alles geil, was mit Fußball zu tun hat."

Bei Martin hing der Kopf dagegen manchmal tief zwischen den Schultern, wenn er in die falsche Trainingsgruppe musste. Er brauchte schon mal einen Anschub von Wohlfahrt: "Manchmal musste Martin sein Temperament eben suchen." Doch dann arbeitete er wieder zielstrebig an seinen Zielen.

Intuitiv, beidfüssig und kreativ

Leo ist inzwischen fester Bestandteil der U-18-Nationalmannschaft (acht Einsätze). Die offensive Konkurrenz in seinem Jahrgang ist groß: Schalkes Julian Draxler und Club-Stürmer Markus Mendler dürfen schon im Oberhaus ran.

Aber: Trainer Horst Hrubesch hält auch große Stücke auf Leo. Die intuitive Spielweise, die starke Technik und Dribblings zählen zu seinen Stärken. Ein beidfüssiger Kreativ-Spieler, bei dem es nur am Kopfball hapert.

Martin spielte bislang sowohl für den polnischen als auch für den deutschen Verband. Über seine zukünftige Nationalmannschaftskarriere ist noch keine Entscheidung gefallen. Zuletzt spielte er für Polens U 17.

... dann ist alles vorbei

Nun gilt es für das Duo, sich dauerhaft im Herrenbereich zu etablieren. Franklin: "Natürlich haben sich Leo durch mich einige Türen aufgetan. Trotzdem hat er seinen Weg alleine gefunden, ich war fast nie mit ihm beim Fußball." Erst zuhause gab es dann Tipps vom Vater.

Zum Beispiel, wie er mit dem Druck umgehen kann. Franklin weiß um die schwierige Situation: "Plötzlich kommen die Medien und die Jungs denken, dass sie schon große Stars sind."

Aber er habe keine Angst, dass er abheben könnte. Seitdem Leo zehn Jahre alt ist, sprechen die beiden darüber: "Er weiß, wenn er nicht Gas gibt, dann ist alles vorbei."

Trainer Pele Wollitz schätzt die jugendliche Unbekümmertheit. Durch den Abgang von Emil Jula, Nils Petersen und Jiayi Shao werden sich weitere Einsatzzeiten auftun. Dann fehlt nur noch der Aufstieg, damit es die Youngsters ihren Vätern gleichtun und die Bayern ärgern können.

Der Steckbrief von Leonardo Bittencourt

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