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Fussball

Nicht mehr Taxifahrer sein

Jose Nestor Pekermans Kolumbianer gelten bei der WM als Geheimfavorit
© getty

Jose Nestor Pekerman revolutionierte den argentinischen Fußball-Nachwuchs und war Coach der Albiceleste, ohne jemals einen Erstligisten trainiert zu haben. Nach einigen persönlichen Rückschlägen will der Südamerikaner die WM in Brasilien aufmischen - und könnte endlich ein altes Image ablegen. Am Donnerstag trifft der 64-Jährige mit seinem Team auf die Elfenbeinküste (18 Uhr im LIVE-TICKER).

Es sind meistens die kleinen Dinge, die witzigen Anekdoten, die irrelevanten Details, die, so unwichtig sie auch sein mögen, im Gedächtnis hängen und mehr als alles andere mit einer Person verbunden bleiben.

Auch bei Jose Nestor Pekerman sind es die Geschichten, die sich die Leute in Buenos Aires noch heute über den Fußball-Lehrer erzählen, die vielen als erstes in den Sinn kommen, wenn es um den Trainer der kolumbischen Nationalmannschaft geht.

Der fliegende Händler

Schlüsselanhänger und andere Souvenirs habe er verkauft, als fliegender Händler, in den geschäftigen Straßen der argentinischen Metropole. Der eine oder andere will sogar ein Eis am Straßenrand aus den Händen Pekermans erhalten haben.

"Wissen sie, in Argentinien wird vieles gesagt - über mich wie über jeden anderen", sagt Pekerman selbst in dem Wissen, dass die berühmteste aller außerfußballerischen Geschichten über ihn wahr ist: Pekerman war eine Zeit lang Taxifahrer.

1978 war das, dem Jahr, als Cesar Luis Menotti die Albiceleste im von der menschenverachtenden Militärdiktatur geknechteten Argentinien zum frenetisch bejubelten ersten Weltmeistertitel führte. Zu dieser Zeit schien Pekermans Zeit im Fußball-Geschäft schon gelaufen zu sein.

"Ich musste mein Überleben sichern"

Mit gerade einmal 28 Jahren hatte der im Zweitausend-Seelen-Dorf Villa Dominguez im Nordosten Argentiniens in bescheidenen Verhältnissen geborene Pekerman seine Fußballschuhe an den Nagel hängen müssen.

In seiner Kindheit zog die Familie nach Buenos Aires. Wenn der junge Jose dem Vater nicht in seinem Cafe helfen musste, stand er auf dem Fußballplatz. Sogar sein angefangenes Kinesiologie-Studium brach er für den Traum des Profi-Daseins ab, nach sieben Jahren auf überschaubarem Niveau bei den Argentinos Juniors und Independiente Medellin zwang eine schwere Knieverletzung Pekerman zum Aufhören.

"Ich bin hart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen", sagt Pekerman rückblickend. "Ich musste auf andere Art mein Überleben sichern, da ich aus keiner wohlhabenden Familie stamme. Ich habe mich jahrelang mit Aushilfsjobs durchgeschlagen."

Leidenschaft, Talent, Berufung

So hielt sich der mittlerweile 64-Jährige mehr schlecht als recht über Wasser. Als Taxifahrer. Und vielleicht sogar als Eisverkäufer. Bis das Schicksal Pekerman Anfang der Achtzigerjahre wieder mit dem Fußball zusammenführte.

Mit der Anstellung als Nachwuchscoach bei Atletico Chacarita sollte sich sein Leben verändern. Pekerman hatte seine Leidenschaft, sein wahres Talent, seine Berufung gefunden: Fußball lehren. Über zehn Jahre sollte er bei Chacarita, seinem ehemaligen Klub Argentinos Juniors und CDS Colo Colo aus Chile die Fäden in der Jugendarbeit ziehen.

Der besonnene und beherrschte Pekerman genoss es, fernab des Medienrummles des Fußballzirkus in aller Ruhe arbeiten zu können. 1994 rekrutierte ihn der argentinische Verband, nachdem Pekerman ein beeindruckendes Konzept vorgelegt hatte, den Jugendbereich seines Heimatverbands umzukrempeln.

15 Jahre hatte die U 20 der Gauchos da kein Wörtchen mehr mitgeredet bei Weltmeisterschaften. Mit Pekerman an der Seitenlinie reckten die Nachwuchskicker den WM-Pokal zwischen 1995 und 2001 drei Mal in die Höhe.

"Was ist Pekerman?"

Für die Oberen des argentinischen Verbandes war es deshalb auch keine große Sache, Pekerman nach dem überraschend wie spektakulären Rücktritt von Marcelo Bielsa, der mit der Albiceleste erst in Athen die Olympische Goldmedaille gewonnen hatte, zum Verantwortlichen der A-Nationalmannschaft zu machen.

Doch nicht nur für die breite Bevölkerung, die mit dem schroffen, unnahbaren, ja fast schon melancholischen Wesen Pekermans zunächst nicht viel anzufangen wusste, war der Schritt, Pekerman ins Rampenlicht zu stellen, eine verwunderliche Entscheidung.

Schließlich hatte er zu dieser Zeit ausschließlich Jugendteams trainiert, von einem Erstligisten ganz zu schweigen. Diego Maradonna klagte öffentlich: "Wie soll er unsere Albiceleste zur WM 2006 führen?" "Was ist Pekerman?", war die vernichtende Reaktion Menottis.

Die Familie ist wichtiger

In den sportlich erfolgreichen zwei Jahren, in denen Pekerman die Geschicke der argentinischen Nationalelf leitete, kam der Fußball-Lehrer nicht zur Ruhe. Den ständigen öffentlichen Diskussionen über Aufstellungen und Auswechslungen sowie den großen Erwartungen hinsichtlich der WM konnte er sich noch entziehen.

Denn Pekerman vertritt seine Meinung und steht zu seinen Entscheidungen - so unpopulär sie auch sein mögen. Das war jetzt so, als Coach der Albiceleste, das war auch als Taxifahrer schon so gewesen. "Ich bin immer den Weg gefahren, von dem ich überzeugt war, dass er der beste ist", sagt Pekerman. "Meine Ansichten sind meine, ob einem das gefällt oder nicht."

Während des Confederations Cups 2005 verunglückte jedoch Pekermans ehemaliger Schützling und Keeper der U-17-Auswahl Emiliano Molina in der Heimat tödlich bei einem Verkehrsunfall. Kurz darauf starb Pekermans Bruder Luis den Herztod, nachdem sein Sohn Christian entführt worden war.

Pekerman ließ sich vorübergehend von seinem Amt entbinden. Die Familie war wichtiger. Nach dem überraschend frühen Aus im Viertelfinale bei der WM gegen Deutschland 2006 trat er noch am selben Tag zurück.

Die Odyssee endet in Kolumbien

Die rastlose Odyssee des Jose Nestor Pekerman durch die Welt des Fußballs ging weiter. Als Sportdirektor arbeitete er bei CD Leganes und Deportivo Alaves in Spanien. Als Trainer bei Deportivo Toluca und UANL Tigres in Mexiko. Anfang 2012 wurde Pekerman schließlich als neuer Trainer der kolumbischen Nationalmannschaft vorgestellt.

Die Cafeteros, zuletzt 1998 in Frankreich für eine WM-Endrunde qualifiziert, schwanken seit jeher zwischen der totalen Euphorie und unendlicher Enttäuschung. Jugaron como nunca y perdieron como siempre - sie spielten wie noch nie und verloren wie immer - hieß es dann meist in der Republik im Norden Südamerikas.

Doch mit Pekerman sollte alles anders werden. Die Mannschaft um den bei der WM fehlenden Superstar Radamel Falcao marschierte mühelos durch die Qualifikation und belegte am Ende den zweiten Platz hinter Argentinien. Gegen die Gauchos gab es ein 0:0, ebenso wie im Test Ende des Jahres gegen die starken Niederländer.

Geheimfavorit Belgien wurde sogar mit 2:0 geschlagen und nicht wenige Experten meinen, dass Kolumbien die WM beachtlich aufmischen könnte. Diese Meinung teilt auch Pekerman, der prophezeite: "In Zukunft wird Kolumbien eine der großen Fußballnationen der Welt sein."

Ob das bereits in Brasilien der Fall sein wird? Vielleicht werden die Cafeteros am Zuckerhut ja tatsächlich einige Experten bestätigen.

Und vielleicht sind es dann der sportliche Erfolg sowie der große Triumph und nicht mehr die irrelevanten Anekdoten, die im Gedächtnis bleiben und auf immer mit Jose Nestor Pekerman verbunden bleiben.

Jose Nestor Pekerman im Steckbrief

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