WM

"Die Schweiz wollte mich, die Türkei nicht"

Von Interview: Florian Regelmann
Gökhan Inler ist der unumstrittene Chef im Mittelfeld der Schweizer Nationalmannschaft
© Getty

32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Schweiz.

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Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Gökhan Inler zu einem großen europäischen Klub wechselt. Der Udinese-Star und Kopf der Schweizer Nationalmannschaft spricht bei SPOX über Wechselspekulationen, einen megatalentierten Teamkollegen und die Schweizer Multi-Kulti-Truppe.

SPOX: Herr Inler, Sie sollen noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken oder eine Zigarette geraucht haben. Entspricht das der Wahrheit?

Gökhan Inler: Das stimmt. Ich rauche nicht und trinke nicht. Ich trinke sogar nur Wasser oder Fruchtsäfte. Ich gehe auch sehr selten abends weg - wenn, dann nur mit den Mannschaftskollegen. Ich bin kein Partymensch. Ich muss schon etwas Großes gewinnen, damit ich es mal krachen lasse.

SPOX: So wie die Weltmeisterschaft zum Beispiel?

Inler: Genau. Wir sind mit der Schweiz sicher kein Favorit, unser Ziel ist erst mal das Achtelfinale, aber wir glauben an unsere Stärke und wollen so weit wie möglich kommen. Wir wollen die Schweiz vor allem gut repräsentieren.

SPOX: Wie schätzen Sie die Schweizer Gruppe mit Spanien, Chile und Honduras denn ein?

Inler: Naja, sie sprechen alle spanisch (lacht). Im Ernst: Spanien gehört zu den Top-Favoriten, das ist ja klar. Honduras hat einige Spieler in seinen Reihen, die in der Serie A spielen, sie sind auch eine gute Mannschaft. Und Chile kenne ich ganz gut, weil zwei Spieler mit mir in Udinese spielen.

SPOX: Sie sprechen von Mauricio Isla und Alexis Sanchez. Vor allem Sanchez könnte eine der Entdeckungen der WM werden.

Inler: Das sehe ich auch so. Ich will ihn nicht mit Cristiano Ronaldo vergleichen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass er genauso groß werden kann. Mir gefällt es enorm, wie er spielt. Er arbeitet vor allem auch viel in der Defensive mit, das zeichnet ihn aus. Er wird ein Großer, das können Sie schreiben.

SPOX: Sanchez ist auf dem Weg zu einem Großen, Sie sind da schon ein großes Stück weiter. Sie haben sich in Italien als Top-Spieler etabliert. Die logische Folge ist, dass sich viele Teams für Sie interessieren, zuletzt war Neapel dran. Wie gehen Sie damit um, dass Sie so begehrt sind?

Inler: Ehrlich gesagt versuche ich, möglichst wenig zu lesen, was in der Zeitung oder im Internet über mich geschrieben wird. Ich höre immer mal wieder etwas von meinen Mannschaftskollegen, dann fragt man sich natürlich schon, was da läuft. Aber ich konzentriere mich ganz auf meinen Verein und sollten Angebote kommen, weiß mein Berater Bescheid. Wir haben bewusst eine hohe Ablösesumme (21 Millionen Euro, Anm. d. Redaktion) in meinen Vertrag rein schreiben lassen. Wenn mich ein Verein wirklich haben will, dann muss er mir auch zeigen, dass er mich wertschätzt.

SPOX: Wäre aber jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um den nächsten Schritt zu machen und zu einem Top-Klub zu wechseln?

Inler: Wie gesagt: Im Moment bin ich Udinese-Spieler. Man weiß im Fußball nie, was kommt - es kann unter Umständen manchmal sehr schnell gehen. Ich mache mir momentan keine großen Gedanken darüber.

SPOX: Gibt es grundsätzlich eine Liga, die Sie besonders reizt?

Inler: Nicht wirklich. Entscheidend ist, dass ich mich wohl fühle, dann kann ich meine optimale Leistung abrufen. Und dann ist es egal, ob es in Spanien, England, Italien oder Deutschland ist. Es kommt auf den Verein an. Natürlich wird in Spanien vielleicht der beste Fußball gespielt und in England ist es am intensivsten - aber im Champions-Legue-Finale standen Inter und Bayern. Die italienische und die deutsche Liga sind wieder stark gekommen.

SPOX: Also ist auch ein Wechsel nach Deutschland vorstellbar?

Inler: (lacht) Das kann ich ihnen nicht sagen. Was ich sagen kann, ist, dass die Bundesliga für jeden Spieler sehr attraktiv ist. Ich habe im UEFA-Cup mit Udinese in Dortmund und Bremen gespielt und habe mir in Deutschland auch schon einige Spiele angeschaut. Man kann überall seinen Job gut erledigen - auch in Deutschland.

SPOX: Sie haben davon gesprochen, dass ein Klub sie wertschätzen muss. Werte scheinen Ihnen sehr wichtig zu sein. Sie wirken sehr bescheiden, fleißig, auf dem Boden geblieben. Woher kommt das?

Inler: Das habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Mein Vater übte ziemlichen Druck aus, damit ich in jedem Spiel meine beste Leistung zeigte. Er hat mich aber auch immer sehr unterstützt und mich auf meinem Weg begleitet. Wir haben nach dem Training häufig noch Extra-Schichten eingelegt. Meine Mutter war der ruhige Gegenpol dazu. So bin ich wohl geworden, wie ich jetzt bin. Es ist mir sehr wichtig, professionell und seriös zu leben und ein gutes Vorbild für Kinder zu sein. Ich bin ein großer Fan von Roger Federer, weil er eben auch so ein menschlicher Typ ist, der auf dem Boden geblieben ist. Nur so und mit harter Arbeit kann man Erfolg haben. Und ich habe mir alles sehr hart erarbeiten müssen.

SPOX: Gerade am Anfang Ihrer Karriere mussten Sie auch Rückschläge einstecken. 2004 waren Sie schon fast bei Fenerbahce, aber Christoph Daum wollte Sie irgendwie dann doch nicht.

Inler: Das ist eine lange Geschichte. Christoph Daum wollte mich und noch einen anderen Spieler damals sehen, also haben wir ein Probetraining in Deutschland gemacht. Nach zwei Wochen haben wir die Zusage und einen Vertrag bekommen. Als wir dann aber in Istanbul waren, haben wir nie eine Lizenz erhalten. Warum weiß ich auch nicht. Irgendwann wurden wir dann ins Büro des Managers bestellt und uns wurde mitgeteilt, dass es im Moment nicht reichen würde. Mein Vertrag wurde einfach annulliert und ich stand ohne Verein da. Das war sehr enttäuschend und ein herber Schlag für mich. Ich weiß bis heute nicht, was die Gründe waren, aber ich habe mir danach gesagt, dass ich es auch anders schaffen werde. Ich habe mich auf mein Ziel fokussiert und keine Angst gehabt. Die Erfahrung hat mich nur stärker gemacht.

Teil 2: Inler über Ottmar Hitzfeld, seine WM-Favoriten und deutschen Lieblingsspieler