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Fussball

Das Schattenkind der Sonnennation

Von Michael Stricz
Der 29-jährige Fred ist mit drei Treffern Brasiliens Toptorschütze beim Confed Cup
© getty

Der Brasilianer Fred ist eine der Neuentdeckungen des Confed Cup 2013. Sein Spiel ist unspektakulär und gerade deshalb besonders. Gegen Italien und Uruguay sicherten seine Treffer den Finaleinzug (das Endspiel Brasilien vs. Spanien, Montag, 0 Uhr im LIVE-TICKER). Ohne Scolaris Sturheit wäre es aber wohl nie soweit gekommen.

Ein Pfiff, ein kurzer Blick, zwei Schritte Anlauf, ein Schuss. 50 Meter Freiflug und dann pure Freude. Als der Schuss von Frederico Chaves Guedes, genannt Fred, am 16. Mai 2006 die Torlinie überquert, wissen die Menschen im Stadion, dass sie gerade Zeuge eines historischen Moments wurden: 3,17 Sekunden zwischen Anstoß und Tor bedeuten das schnellste Tor aller Zeiten in Brasilien.

Es ist nicht der einzige Rekord, den der im kleinen Ort Teofilo Otoni geborene Fred in seiner Karriere aufstellt. In der Saison 2010/2011 erzielt er für Fluminense 44 Saisontore, so viele wie niemals ein Spieler zuvor in Brasilien.

Im Schatten von Ronaldo und Co.

All das trägt jedoch erstaunlicherweise nicht dazu bei, Fred zu einem gefeierten Nationalhelden zu machen. Fragt man die Menschen in Brasilien nach den großen brasilianischen Stürmern der letzten Jahre, fallen Namen wie Neymar, Ronaldo, Adriano oder Ronaldinho. Den von Fred hört man eher selten.

An ihm selbst liegt das nur bedingt: Fred ist zwar kein spektakulärer Spieler, seine technischen Fähigkeiten heben ihn nicht hervor. Das ist bei dem Niveau in Brasilien jedoch sicher keine Schande. Freds Torquote war bei all seinen Stationen über jeden Zweifel erhaben.

Für seinen Heimatverein America Mineiro steht er seit seinem fünften Lebensjahr auf dem Feld. Mit 20 Jahren läuft der Spätstarter erstmals für die erste Mannschaft auf und erzielt in 48 Spielen 43 Tore. 2004 wechselt er zum Ligakonkurrenten Cruzeiro, auch dort trifft der beidfüßige Torjäger nach Belieben: 40 Tore in 43 Spielen lassen Klubs in Europa aufhorchen.

Im Schatten von Robinho

Ein Jahr später wagt er den Sprung über den großen Teich und unterschreibt für 15 Millionen Euro einen Vierjahresvertrag bei Olympique Lyon. Das Geld scheint zunächst gut angelegt. Der Transfer steht jedoch medial im Schatten eines anderen Wechsels: Der neue brasilianische Superstar Robinho geht im selben Jahr für 24 Millionen Euro zu Real Madrid.

Fred gewinnt mit Lyon im ersten Jahr die Meisterschaft und steuert 14 Ligatreffer bei. Im gleichen Jahr wird er von Trainer Carlos Alberta Parreira in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft berufen, 2006 gehört er sogar zum Kader der WM-Mannschaft. An den Topstars Ronaldo, Robinho und Adriano führt jedoch kein Weg vorbei. Nur gegen Australien wird er eingewechselt und erzielt das 2:0.

Im Schatten von Benzema

Auch in Lyon gerät seine Karriere ins Stocken: Eine Oberschenkelverletzung zwingt ihn zu zwei Monaten Pause, trotzdem wird er Olympiques Topscorer. Kurz vor dem Saisonstart 2007 verletzt sich Fred bei der Vorbereitung auf den Gold-Cup erneut. Lyon reagiert und verpflichtet mit Milan Baros und Karim Benzema zwei weitere Topstürmer, in deren Schatten Fred fortan steht.

Weil er kaum noch zum Einsatz kommt, erbittet Fred die Freigabe. Auch Werder Bremen soll zu dieser Zeit Interesse haben. Doch Fred kehrt nach Brasilien zurück und unterschreibt bei Fluminense. Die "Bild" titelt damals: "Warum schnappte Werder nicht zu?" Klaus Allofs sagt zwar: "Von seiner Klasse her ist Fred ein Mann, der uns weiterhelfen könnte", holt stattdessen aber lieber Claudio Pizarro vom FC Chelsea zurück.

Dank Scolari und Parreira ans Licht

Zurück in der Heimat tut der 1,85-Mann das, was er am besten kann: Er schießt Tore. Zwischen 2009 und 2013 trifft er in 152 Pflichtspielen 104 mal ins Netz, wird 2012 zum MVP der Liga gewählt. Trotz dieser unglaublichen Konstanz spielt er zwischen 2009 und 2011 nur neun Mal für die Selecao.

Carlos Dunga setzt lieber auf den spektakulären aber kapriziösen Robinho, Nachfolger Mano Menezes baut auf den neuen Superstar Neymar als vorderste Spitze. Erst unter Luiz Felipe Scolari ist Fred seit Ende 2012 Stammstürmer.

Der Trainer schätzt die ruhige und bodenständige Art des mittlerweile 29-Jährigen Routiniers. Auch als es beim Confed Cup zunächst nicht läuft, setzt Scolari auf ihn: "Ich war schon ein bisschen niedergeschlagen, aber Scolari und Carlos Alberto Parreira haben mir ihre Zuneigung geschenkt. Dank ihnen bin ich locker geblieben und habe das Kämpfen gelernt", sagt Fred. Das Vertrauen zahlt der Stürmer mit drei Toren gegen Italien und Uruguay zurück. Die brasilianische Sportzeitung "Estado de Minas" titelt danach: "Er weiß den Weg zum Tor."

Fred und Cesar als Insel der Normalität

In einer Mannschaft voller extrovertierter Jungstars mit ausgeflippten Frisuren, Diamant-Ohrringen, Werbedeals und Mode-Tätowierungen, bildet Fred gemeinsam mit Torwart Julio Cesar eine Insel der Normalität in der Selecao.

Neben Paulinho und Neymar ist er auch der einzige aktuelle Stammspieler, der sein Geld in der Heimat verdient. Das gefällt den Menschen: Nach einem Fallrückzieher in der eigenen Hälfte im Halbfinale gegen Uruguay feiert ihn das ganze Stadion. Fred ist ein Mann des Volkes. Die anhaltenden Demonstrationen rund um den Confed Cup findet er "beunruhigend", er sei aber "total" für die Proteste, solange diese friedlich bleiben.

Im Schatten der Palmen

Während Neymar jedoch in der kommenden Saison für den FC Barcelona auflaufen wird und Paulinho vermutlich bei Tottenham Hotspur unterschreiben wird, hat Fred seine Europa-Exkursion schon hinter sich und ist wieder in der Heimat angekommen.

Dass der 29-Jährige noch einmal nach Europa zurückkehrt, scheint unwahrscheinlich: "Das Spiel gegen Uruguay ist sehr speziell für mich. Ich werde meiner Familie, meinen Freunden und den Leuten von Minas nah sein. Und ich hoffe, dass mich die Anwesenheit all dieser Menschen, die mich lieben, inspiriert." So spricht ein Fußballer, der bereits die Welt gesehen hat, um dann festzustellen, dass es zu Hause doch am schönsten ist - im Schatten der brasilianischen Palmen.

Fred im Steckbrief

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