Fussball

Christopher Schorch vom 1.FC Saarbrücken im Interview: "Mein Berater rief mich an und fragte, ob ich noch ganz sauber ticke"

Von Stanislav Schupp
Christopher Schorch steht mit dem 1.FC Saarbrücken im DFB-Pokal-Halbfinale.

Die ersten Schritte im Profifußball unternahm Christopher Schorch bei Hertha BSC. Im Sommer 2007 wagte das damalige Nachwuchstalent den großen Schritt und unterschrieb einen Vertrag bei Real Madrid. Heute spielt der gebürtige Hallenser beim 1. FC Saarbrücken und steht mit den Saarländern als Tabellenführer der Regionalliga Südwest sensationell im Halbfinale des DFB-Pokals.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der Abwehrmann über das Drama im Viertelfinale gegen Fortuna Düsseldorf, einen möglichen Wettbewerbsnachteil mit Blick auf die Halbfinalpartie, wie er zu einem eventuellen Saisonabbruch in der Regionalliga steht und welche Rolle Tiere in seinem Karriereplan spielten.

Außerdem verrät er, wie schmerzhaft Neid sein kann, warum er sich bei den Königlichen übergangen fühlte und wem er den Sprung ins Madrider Starensemble zu Beginn nicht zugetraut hätte.

Christopher, wann haben Sie erstmals von einer Karriere als Fußballer geträumt?

Christopher Schorch: Beim SV Askania Nietlebener habe ich in meinem ersten F-Jugend-Jahr als Stürmer 102 Tore geschossen. Zu dieser Zeit hat es angefangen, dass mich andere Trainer zu ihren Vereinen holen wollten. Als ich dann in der Landesauswahl gespielt habe, hat mich der Vater von Christian Tiffert zum Halleschen FC geholt und wurde dort mein Trainer. Ab da wurde dann Fußball gelebt.

Wie kam es zur Umschulung zum Innenverteidiger?

Schorch: In einem Spiel mit der U16-Nationalmannschaft hat sich ein Innenverteidiger verletzt, wir konnten aber nicht mehr wechseln. Der damalige Trainer Bernd Stöber hat mich dann in erster Linie aufgrund meiner Größe nach hinten beordert. Dirk Kuhnert, mein damaliger B-Jugendtrainer bei Hertha BSC, hat damals zugeschaut und fand meine Leistung offenbar so gut, dass er mich anschließend zum Innenverteidiger umgeschult hat. In dem Jahr sind wir Deutscher Meister geworden.

War es nicht schwierig, sich auf diesem Niveau so schnell an die neue Position zu gewöhnen?

Schorch: Anfangs gab es natürlich auch mal Ärger, weil ich manchmal von hinten durchdribbeln wollte, wie es zu jener Zeit auch Lucio gemacht hat. Ich habe als Abwehrspieler pro Saison sieben bis elf Tore geschossen, deshalb war das schon in Ordnung.

Schorch: "Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl von Neid richtig gespürt habe"

An welches Erlebnis aus Ihrer Anfangszeit erinnern Sie sich besonders gern?

Schorch: Ich habe mir damals mit meinen Teamkollegen ein U17-Länderspiel von Deutschland in Merseburg angeschaut. Hinter mir stand ein großer Mann, der mich erkannt und angesprochen hat. Er hat sich dann als Chefscout des VfL Wolfsburg vorgestellt und wollte mich gerne verpflichten. Es war schon sehr cool, als er mir seine Visitenkarte gegeben hat und die Jungs ziemlich fasziniert waren. Das hat mich sehr geprägt.

Kommt in solchen Situationen Neid auf?

Schorch: In diesem Moment nicht, aber bevor ich zur Hertha gewechselt bin, hat ein Mitschüler, der gleichzeitig mein Mannschaftskollege war, mir mitten im Unterricht ein Taschenmesser in den Oberschenkel gerammt, weil er es mir nicht gegönnt hat.

Wie bitte?

Schorch: Ja. Zuvor hatte ich mir einen Wadenbeinbruch zugezogen und war auf Krücken und gerade auf dem Weg zurück aus der Reha. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl von Neid richtig gespürt habe.

Welche Konsequenzen hatte das für Ihren Mitschüler?

Schorch: Er wurde für ein paar Monate von der Schule verwiesen und musste gemeinnützige Arbeit leisten.

Sie haben es gerade angesprochen: Vor dem Wechsel nach Berlin 2004 zogen Sie sich bei einem Hallenturnier in Zwickau einen schweren Wadenbeinbruch zu. Erinnern Sie sich noch an die erste Nacht nach der Verletzung?

Schorch: Ich lag im Krankenhaus in einem sterilen Zimmer. Als meine Eltern hereinkamen, wurde ich wach und habe sie erstmal gefragt, wie man so hässliche Zimmer mit Elefanten an der Decke haben kann (lacht). Später habe ich erfahren, dass da gar keine Elefanten an der Decke waren und mir so viele Schmerzmittel gegeben worden waren, dass nur ich die Elefanten gesehen habe. Ich fand die ganze Aufmerksamkeit ehrlich gesagt ziemlich cool. Das Ganze ist zur Weihnachtszeit passiert und ich habe viele Sachen geschenkt bekommen.

Schorch: Plan B? "Vielleicht hätte ich versucht, in einem Zoo zu arbeiten"

Wer war in dieser Phase Ihre wichtigste Bezugsperson?

Schorch: Neben meiner Familie, die immer für mich da war, waren das die Verantwortlichen von Hertha BSC. Sie haben mir immer wieder versichert, dass sie mich trotz meiner Verletzung verpflichten wollen. Sie haben sich permanent um mich gekümmert und wollten zwischendurch immer Tests mit mir durchführen, um zu sehen, wie sich die Verletzung entwickelt.

Haben Sie sich damals Gedanken über einen Plan B gemacht?

Schorch: Nein. Ich hatte aber schon immer eine große Zuneigung zu Tieren. Vielleicht hätte ich versucht, in einem Zoo zu arbeiten (lacht). Während der Reha habe ich zudem Interesse für die Physiotherapie entwickelt.

Nach Ihrer Genesung wechselten Sie mit 15 Jahren zur Hertha und zogen aus Halle nach Berlin. Welches prägende Erlebnis haben Sie in Erinnerung, wenn Sie an Ihre ersten Tage denken?

Schorch: Ich weiß noch, wie ich zum Zeugwart gegangen bin und erstmals in meinem Leben Fußballschuhe umsonst bekommen habe. Das war geil, Total 90 waren das damals. Dann wurde ich noch mit den ganzen Nike-Sachen der Hertha eingekleidet. Ich bin mit den Klamotten sogar in die Schule gegangen, war unheimlich stolz.

Sie machten bei der Hertha nebenbei eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann im Fanshop. Wie kam es dazu?

Schorch: Wir mussten vom Verein aus etwas machen, und ich wusste nicht genau, was ich machen soll. Die meisten haben sich für Sport- und Fitnesskaufmann entschieden. Der Verein hat sich damals extrem um die Außendarstellung gekümmert.

Gab es ein besonderes Erlebnis während Ihrer Arbeit dort?

Schorch: Ich musste um 4.30 Uhr im Internat aufstehen, um bei der Inventur mitzuhelfen. Mir wurde dann ein Eimer Wasser und ein Schwamm in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle die Spiegel sauber machen. Ich habe mich in die Umkleidekabine gesetzt, den Vorhang zugezogen und erstmal geschlafen (lacht). Irgendwann um 9 Uhr wurde ich dann geweckt, weil ein Kunde in die Kabine wollte. Das war ziemlich peinlich, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits mein erstes Bundesligaspiel absolviert hatte und man mich schon kannte.

Ihr persönlicher Aufstieg ging relativ schnell. Inwiefern hat so eine Aufgabe geerdet?

Schorch: Ich bin von Hause aus sehr demütig und neige nicht dazu, schnell abzuheben. Aber es ist immer ein schmaler Grat, ob du stolz und selbstbewusst bist, oder abhebst. Ich bin eher stolz, dass ich aus dem kleinen Halle soweit gekommen bin.

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