Fussball

Patrick Hasenhüttl im Interview: "Für mich ist Türkgücü kein türkischer Klub"

In der Saison 2015/16 arbeitete Patrick Hasenhüttl und sein Vater Ralph für den FC Ingolstadt.

Nach dem Durchmarsch von der Sechstklassigkeit in die Regionalliga Bayern hat der hochambitionierte Klub Türkgücü München 22 neue Spieler geholt - unter anderem den 22-jährigen Stürmer Patrick Hasenhüttl, Sohn des erfolgreichen Trainers Ralph. SPOX und Goal trafen ihn am Trainingsgelände von Türkgücü zum Interview.

Hasenhüttl berichtet von seinem neuen Klub, den er nicht für "türkisch" hält, und Tipps des Vereinspräsidenten Hasan Kivran. Er lässt seine Zeit beim FC Ingolstadt II revue passieren und erzählt außerdem von seinem berühmten Vater: von einem Besuch am Kölner Rathausbalkon im Jahr 2000 und von packenden Tennismatches in diesem Sommer.

Herr Hasenhüttl, Sie spielen seit dieser Saison beim Regionalligaaufsteiger Türkgücü München. Seit wann ist Ihnen der Verein ein Begriff?

Patrick Hasenhüttl: Seit vergangenem Sommer. Damals ist der Klub gerade in die fünftklassige Bayernliga aufgestiegen und hat zahlreiche Regionalligaspieler verpflichtet, mit denen dann der direkte Durchmarsch gelang.

Auflaufen dürfen diese Spieler für Türkgücü in der Regionalliga aber nicht. Nach dem Aufstieg wurde bis auf vier Spieler der komplette Kader ausgetauscht.

Hasenhüttl: Das ist natürlich hart, aber so ist das Geschäft. Ich kann verstehen, dass die verbliebenen Aufstiegshelden ein bisschen traurig sind, dass ihre ehemaligen Mitspieler nicht mehr da sind. Umso überraschender war es für mich, wie positiv sie uns Neuzugänge aufgenommen haben.

Nicht zuletzt wegen der Transferoffensive polarisiert Ihr Verein enorm. Erachten Sie das als störend?

Hasenhüttl: Ganz im Gegenteil! Ich finde polarisierende Vereine viel spannender. Wenn ein Verein polarisiert, wird er mehr beachtet. Und das heißt automatisch auch, dass gute Leistungen schneller wahrgenommen werden.

Vereinspräsident Hasan Kivran nannte die 2. Bundesliga als Fernziel. Was wurde intern kommuniziert?

Hasenhüttl: Natürlich wollen wir gleich ganz vorne mitspielen. Bei meinen Vertragsverhandlungen hieß es aber nicht, dass wir in zwei Jahren in der 2. Bundesliga spielen müssen oder in fünf Jahren in der Champions League. So weit kann man nicht vorausschauen, egal wie viel Geld man investiert und wie viele neue Spieler man holt.

Hier geht es zum Hintergrundbericht über Türkgücü München

Haben Sie Präsident Hasan Kivran schon persönlich kennengelernt?

Hasenhüttl: Ich hatte in der Vorbereitung einige Gespräche mit ihm, in denen er mir sogar Tipps gegeben hat. Herr Kivran hat Ahnung von Fußball, mischt sich im Alltag aber nicht ein, was sehr angenehm ist. Sein Bruder Kenan ist näher dran an der Mannschaft. Er ist eigentlich immer am Vereinsgelände und kümmert sich um alle organisatorischen Dinge.

Welchen Eindruck haben Sie von der Infrastruktur?

Hasenhüttl: Aktuell nutzen wir die Sportanlage beim Ostpark und müssen die Plätze und Kabinen mit mehreren Amateur- und Hobbymannschaften teilen. Das ist nicht optimal. Soll es wirklich so hoch hinaufgehen wie geplant, muss da in den nächsten Jahren noch viel entstehen. Wie ich gehört habe, ist aber auch schon einiges in Planung.

Türkgücü wurde einst von türkischen Einwanderern gegründet und hat einen türkischen Namen. Wie "türkisch" ist der Klub?

Hasenhüttl: Wir haben sechs Spieler mit türkischen Wurzeln in der Mannschaft, aber das war bei meinen bisherigen Vereinen nicht anders. Für mich ist Türkgücü kein türkischer, sondern ein ganz normaler Klub wie jeder andere auch.

Türkgücü hat kein eigenes Stadion und trägt die Heimspiele auf der Anlage des Regionalligarivalen SV Heimstetten aus. Wie ist die Stimmung?

Hasenhüttl: Im Schnitt kommen etwa 700 Leute und sorgen regelmäßig für eine sehr gute Atmosphäre, es gibt sogar einen Trommler. Ab der Rückrunde werden wir unsere Heimspiele nicht mehr in Heimstetten, sondern im Grünwalder Stadion austragen. Dann werden sicher noch mehr Fans kommen. Für mich ist das alles neu, bei der zweiten Mannschaft von Ingolstadt kam niemand zu unseren Spielen. Es ist schon geil, wenn einem Fans zujubeln und man nach dem Spiel mit ihnen abklatschen kann.

Sie haben drei Jahre lang für Ingolstadts zweite Mannschaft gespielt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Hasenhüttl: Das erste Jahr im Herrenbereich ist immer schwierig, da wollte ich mich nur akklimatisieren. Im zweiten Jahr lief es super. Ich habe 13 Tore geschossen und auch ein paar Vorlagen gegeben. Dann wollte ich den Sprung zu den Profis schaffen, das hat leider nicht geklappt. Im Nachhinein betrachtet war es auch fast unmöglich, weil Ingolstadt einen utopisch großen Kader hatte. Da gab es für Eigengewächse keine echte Chance. Anschließend ist ein Wechsel zu einem Drittligisten aus verschiedenen Gründen leider nicht zustande gekommen. In der vergangenen Saison hat mich dann das Pech verfolgt. Ich hatte eine Blinddarmoperation, brach mir einen Zeh und hatte einen Kapselriss. Danach war für mich klar, dass ich eine neue Herausforderung suchen muss.

Als Sie 2015 von der Akademie des VfB Stuttgart zur Ingolstädter U19 wechselten, war Ihr Vater Ralph Trainer der Profimannschaft. Wie war das für Sie?

Hasenhüttl: Im Laufe der Saison hat er mich ein paar Mal mit den Profis trainieren lassen. Ich bin mir sicher, dass er das aus rein sportlichen Gründen gemacht hat, aber ich hatte trotzdem ein komisches Gefühl. Wenn der Sohn des Trainers in der Mannschaft spielt, tut das dem Teamgefüge einfach nicht gut. Es ist normal, dass diese Beziehung in der Kabine Thema ist und bei allem ganz genau hingeschaut wird. Ich will nicht nochmal unter meinem Vater spielen.

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