Miccoli: "Ich konnte nicht aufhören zu weinen"

Von Marcus Erberich
Fabrizio Miccoli hat seine sportliche Heimat in Palermo gefunden - im Herzen trägt er Lecce
© Getty

Fabrizio Miccoli ist Kapitän, Leitfigur und Rekordtorschütze von Palermo. Dass er weit mehr ist als nur ein überdurchschnittlich begabter Fußballer, offenbarte er nach einem wunderschönen Tor gegen seine große Liebe Lecce.

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Es ist der 24. Spieltag in der Serie A. Palermo ist zu Gast in Lecce. Nachdem Guillermo Giacomazzi die Hausherren nach gut einer Viertelstunde in Führung geschossen hat, gibt Schiedsrichter Christian Brighi in der 45. Minute einen Freistoß für Palermo aus aussichtsreicher Position: Zentrale Lage, leicht nach rechts versetzt, etwa 19 Meter Entfernung zum Tor.

Eine Situation wie gemalt für Fabrizio Miccoli, Palermos Kapitän und Spezialist für ruhende Bälle. Wie immer legt er sich den Ball zurecht. Fünf Lecce-Spieler stehen in der Mauer, Torwart Antonio Rosati ruft ihnen Kommandos zu - er weiß freilich um die Qualität von Miccolis Freistößen. Das alles ereignet sich vor der berüchtigten Curva Nord des Stadio Via del Mare, der Tribüne, auf der die Lecce-Ultras stehen.

Dann ist alles angerichtet, der Ball freigegeben. In Miccolis Gesicht ein schwer zu deutender Ausdruck: Irgendwie nachdenklich starrt er den Ball an, sieht nicht auf. Plötzlich läuft er an und zirkelt den Ball mit dem rechten Fuß punktgenau über die Mauer in den linken Torwinkel - 1:1.

Miccolis wunderschönes Freistoß-Tor sorgt für den Ausgleich kurz vor der Pause, zum psychologisch ach-so-wichtigen Zeitpunkt. Der Capitano hat's mal wieder gerichtet. Aber er rennt nicht jubelnd zur Eckfahne, er reißt sich auch nicht das Trikot vom Leib und wiegt kein imaginäres Baby in den Armen.

Miccolis Blick richtet sich zum Boden, er ringt mit den Tränen. Seine Mitspieler klopfen ihm aufmunternd auf die Schulter, streicheln ihm zum Trost über den Kopf, denn sie wissen, was ihn in diesem Augenblick bewegt. Am Arm trägt der Torschütze eine gelb-rote Kapitänsbinde mit den Initialen "UL". Es sind die Farben von Lecce und das Kürzel seiner Ultras.

"Als würde man einen alten Freund verletzen"

Kurz darauf pfeift der Unparteiische die erste Halbzeit ab. Auf dem Weg in den Spielertunnel verliert Miccoli den Kampf gegen seine Tränen, es bricht aus ihm heraus. In der Kabine ist der Kapitän nicht zu beruhigen. Trainer Delio Rossi kann nicht anders, als seinen Spielführer auszuwechseln. Ohne Miccoli gewinnt Palermo das Spiel mit 4:2.

Miccoli hat in seinem Leben nie einen Hehl aus ihr gemacht, seiner großen Liebe mit dem Namen Unione Sportiva Lecce. Seit seiner Kindheit ist er glühender Anhänger des Vereins, oft schon stand er in der Curva Nord und hat sich die Lecce-Heimspiele zusammen mit den Ultras angesehen.

Auch aus seinen Tränen machte der Angreifer kein Geheimnis: "Es stimmt, ich habe angefangen zu weinen und konnte einfach nicht aufhören", sagte er später. "Ich habe nach dem Tor auf dem Feld geweint und in der Kabine auch. Lecce ist mein Verein und ich habe ihm weh getan. Das ist, als würde man einen alten Freund verletzen."

Als Kind der Region wuchs der 31-Jährige unweit von Lecce im malerischen Nardo auf, einer 30.000-Einwohner-Stadt im süditalienischen Salento - sozusagen dem Absatz des Stiefels. Dort hin - in seine Heimat - will er eines Tages wieder zurückkehren. Am liebsten würde er seine Spielerkarriere im Trikot des Vereins beenden, dem seit jeher sein Herz gehört: "Dort zu spielen, das wäre wie die Kirsche auf einem großen Eis."

Palermo: Sportliche Heimat und heimliche Geliebte

Gespielt hat der 1,68 Meter kleine Miccoli mit der Schuhgröße 38 für Lecce nie, auch nicht in der Jugend. Seine Karriere begann der schnelle, unheimlich wendige und schussstarke Angreifer in der Jugend von Casarano, wo er später erste Profi-Erfahrungen in der Serie C1 sammelte.

Über den Serie-B-Klub Ternana gelang ihm schließlich der Sprung zu Juventus, wo er aber an den Stammkräften Alessandro Del Piero, David Trezeguet und Marco Di Vaio nicht vorbei kam.

Nach zwei Leihverträgen in Italien - er spielte für Perugia und Florenz - und einem bei Benfica Lissabon, wo er 39 Spiele absolvierte und zum Publikumsliebling avancierte, fand er schließlich seine zweite große Liebe: Palermo. Seit 2007 spielt er für die Sizilianer und will dort auch nicht mehr weg, zumindest nicht so schnell.

Im Sommer 2010 lehnte der "Bomber tascabile" (übersetzt etwa: Taschenbomber) ein hochdotiertes Vertragsangebot von Birmingham City dankend ab.

"Hätte mit einer Unterschrift ausgesorgt"

Auf einer eigens nach dem Lecce-Spiel einberufenen Pressekonferenz sagte Miccoli: "Ich kann Palermo nicht verlassen, denn ich bin der Kapitän und ein Vorbild für meine Teamkollegen. Wenn ich Palermo hätte verlassen wollen, hätte ich es im Sommer getan und wäre nach Birmingham gewechselt. Da hätte ich mit einer Unterschrift ausgesorgt."

Für die Auswechslung nach seinem Treffer entschuldigte er sich: "Ich möchte dieses Thema ein für alle mal beenden. Von jetzt an werde ich immer hochprofessionel meinen Job machen, wenn ich nach Lecce komme. Ich habe einen Fehler gemacht, ich hätte meine Gefühle beiseite legen sollen. Ich übernehme die volle Verantwortung. Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich immer über Lecce und den Salento gesprochen habe, aber ich habe es gemacht, um meine Heimat bekannter zu machen."

Miccoli gab zu, dass sein Sohn in Lecce "besser gespielt hätte, als ich es getan habe". Sohn Diego ist drei Jahre alt.

Diegos Ring

Fabrizio Miccoli hat ein großes Idol: Diego Armando Maradona. Vermutlich hat jeder Fußballer ein Idol und bei jedem Dritten ist es Maradona, aber bei Miccoli ist das etwas anderes: "Ich habe meinen Sohn zu seinen Ehren Diego genannt", sagte er einmal.

Außerdem ersteigerte Miccoli Maradonas Ohrring, nachdem dieser ihm von der italienischen Finanzpolizei abgenommen wurde - sozusagen als Anzahlung für den Abbau von Steuerverbindlichkeiten in Millionenhöhe, die Maradona in seiner Zeit in Italien angeblich angehäuft hat.

Stolze 25.000 Euro ließ sich Miccoli das Schmuckstück seines Vorbilds kosten. Aber nicht etwa, um es zu tragen oder in einer Vitrine aufzubewahren, sondern um es seinem Idol persönlich zu überreichen: "Ich habe ihn ersteigert, um ihn Diego zurückzugeben. Er weiß, dass ich den Ring habe, bald werden wir uns treffen."

"Müssen bereit sein, uns ständig auf die Reise zu machen"

Die Szene aus dem Spiel gegen Lecce wirft die Frage auf, ob und inwieweit Profisport in Zeiten von Millionen-Gehältern und -Ablösen überhaupt noch mit Leidenschaft, Vereinsliebe- und treue zu vereinbaren ist. Miccoli als anti-modernen Profi zu verherrlichen, wäre zu einfach und würde nicht zutreffen - immerhin hat er in seiner Spielerlaufbahn schon für zahlreiche Vereine gespielt.

"Die Vereine wählen dich aus und wir müssen bereit sein, uns ständig auf die Reise zu machen. Das ist das Leben des Profi-Fußballers", sagte Miccoli in einem Interview mit der Zeitung "Nuovo Quotidiano di Puglia".

Aber trotzdem ist er ein irgendwie anderer Fußball-Profi. Er geht nicht da hin, wo ihm das meiste Geld winkt und er boykottiert nicht das Training, weil er sich für unterbezahlt hält und einen Transfer erwirken will. Miccoli ist einer dieser letzten Fußball-Romantiker.

In seinem Leben als Sportler bewegt Miccoli sich ständig zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite ist er Teil des modernen Profi-Fußballs mit all seinen Annehmlichkeiten und Schattenseiten, auf der anderen Seite fest verwurzelt mit seiner Heimat, bis in alle Ewigkeit: "Er ist die Sonne, das Meer, die Heimat, die Familie, die Freunde. Wir, die Menschen aus dem Salento, haben etwas in uns, das uns miteinander verbindet - auch wenn wir uns dessen manchmal gar nicht bewusst sind. Das ist ein ganz besonderer Reichtum."

Was ihm seine Heimat bedeutet? "Diese Frage kann ich mit einem Wort beantworten: Alles."

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