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Fussball

"Das Urteil ist totaler Irrsinn"

Von Interview: Haruka Gruber
Adrian Mutu: Nur eine Ausnahme oder der Anfang einer Klagewelle?
© Getty

Es droht eine Welle der Entrüstung - und das totale Chaos: Welche Folgen hat die "Causa Adrian Mutu"? Der Star des AC Florenz muss nach einer Entscheidung des höchsten Sportgerichts CAS 17,2 Millionen Euro als Entschädigung an seinen Ex-Klub FC Chelsea zahlen, weil er vor vier Jahren wegen Kokainkonsums Vertragsbruch begangen hätte. Bei SPOX spricht Theo van Seggelen, Generalsekretär der Spielergewerkschaft FIFPro, über die enorme Tragweite des Urteils.

SPOX: Wie ist die FIFPro in den Fall "Adrian Mutu" involviert?

Theo van Seggelen: Wir haben engen Kontakt mit Adrian und stehen ihm seit Beginn der Auseinandersetzungen bei. Unsere juristische Abteilung unterstützt ihn mit allen Mitteln, zudem nutzen wir unsere Netzwerke und üben Druck auf alle beteiligten Parteien aus.

SPOX: Warum kämpft FIFPro derart vehement um Mutus Belange? Immerhin hat er nachweislich Kokain konsumiert.

Van Seggelen: Dass er vom englischen Verband für sieben Monate gesperrt und zu einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilt wurde, ist vollkommen gerechtfertigt und angemessen. Die Entscheidung jedoch, dass Mutu mit den 23 Millionen Euro, die Chelsea als Ablöse für ihn an Parma überwiesen hat, in Zusammenhang gebracht wird und daher 17,2 Millionen Euro an Chelsea zurückzahlen soll, ist ungeheuerlich. So etwas kann die FIFPro nicht akzeptieren.

SPOX: Was bemängeln Sie konkret?

Van Seggelen: Es ist doch lächerlich, dass Mutu für etwas haftbar gemacht wird, wozu er nichts kann. Was hatte er denn mit der Ablösesumme zu tun, die Chelsea und Parma ausgehandelt haben? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Das Urteil der CAS ist unfair gegenüber dem Spieler - und könnte für die Zukunft des Fußballs sehr gefährlich sein.

SPOX: Warum?

Van Seggelen: Es ist totaler Irrsinn. Der CAS hat eine juristische Entscheidung getroffen, aber was ist mit der praktischen Umsetzung? Es gibt etliche mögliche Szenarien: Wenn ein Spieler fünf Jahre unter Vertrag steht, aber im dritten Jahr zurücktreten möchte - muss er seinem Verein die gezahlte Ablösesumme oder einen Teil davon zurückerstatten? Was passiert mit einem Spieler, der mit Drogen erwischt wird, aber keine Ablöse gekostet hat? Ist er fein raus und muss keine Entschädigung zahlen? Der Fall Mutu hat unvorhersehbare Konsequenzen.

SPOX: Könnte das Urteil der CAS revidiert werden?

Van Seggelen: Sportrechtlich sehe ich keine Möglichkeit mehr. Obwohl Adrian definitiv die 17,2 Millionen Euro nicht aufbringen kann, hat der CAS die Entscheidung der FIFA bestätigt und unmissverständlich klar gemacht, dass Adrian den Betrag zahlen muss. Das ist Fakt. Jetzt hat Adrian keine andere Chance, als sich an den zuständigen Obersten Gerichtshof der Schweiz zu wenden. Aber es wird schwierig.

SPOX: Sie sind wenig zuversichtlich?

Van Seggelen: Es ist juristisch sehr kompliziert, eine Entscheidung des CAS zu revidieren - zumal uns die Erfahrungswerte fehlen. Der Fall ist so einzigartig und außergewöhnlich, dass wir nicht abschätzen können, wie sich der Oberste Gerichtshof entscheiden könnte. Unsere Hoffnung ist, dass die 17,2 Millionen Euro derart unverhältnismäßig hoch sind, dass das Gericht unserer Argumentation folgt - und dass das Gericht den massiven Eingriff der CAS ins Arbeitsrecht erkennt.

SPOX: Welche Rolle spielt Chelsea?

Van Seggelen: Ich weiß nicht, warum Chelsea derart übertrieben und stur auftritt. Die ganze Angelegenheit ist sehr seltsam und befremdlich. Zum Beispiel war die Untersuchung, bei der Adrian der Kokainkonsum nachgewiesen wurde, kein offizieller, sondern ein von Chelsea angeordneter Dopingtest.

SPOX: Es gibt Gerüchte, wonach Chelsea der positive Drogenbefund gelegen kam, um Mutu loszuwerden, weil er sich nicht mit dem damaligen Trainer Jose Mourinho verstanden hätte.

Van Seggelen: Ich habe auch davon gehört - aber ich hoffe inständig, dass die Gerüchte nur Gerüchte sind. Denn wenn sie stimmen sollten, können wir gleich einpacken und den Fußball begraben. Sollte so etwas Schule machen, wäre die Vertrauensbasis zwischen Klub und Spieler komplett zerstört. Das Risiko für einen Profi - egal wie viel er verdient -, wegen eines Fehlers sein gesamtes Vermögen zu verlieren, wäre zu groß.

SPOX: Droht das Szenario, dass etwa Cristiano Ronaldo Real Madrid 94 Millionen Euro zurückzahlen muss, wenn er hypothetisch positiv auf Doping oder Drogen getestet werden würde?

Van Seggelen: Im Prinzip ja. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Real ihn feuern würde, weil er beim Rauchen eines Joints oder etwas Ähnlichem erwischt wird. Von Chelsea abgesehen glaube ich daran, dass bei der großen Mehrheit der Klubs ein Konsens herrscht, dass Spieler auch nur Menschen sind und Fehler machen dürfen, solange sie dafür angemessen bestraft werden.

SPOX: Andersherum interpretiert: Könnte das Urteil gegen Mutu nicht abschreckend sein und andere Spieler davon abhalten, sich zu dopen oder Drogen zu nehmen?

Van Seggelen: Wir sprechen uns ganz klar gegen Doping und Drogen aus. Aber man darf nicht vergessen, dass wir es mit menschlichen Wesen zu tun haben. Und jeder Mensch hat das Recht auf Verfehlungen.

SPOX: Dementsprechend sprach Mutu nach dem Urteil von einer Verletzung seiner Menschenrechte. Einige SPOX-User sind jedoch der Ansicht, dass ein Multimillionär wie er kein Recht dazu habe.

Van Seggelen: Ich habe solche extremen Reaktionen erwartet, aber sie entbehren jeder Grundlage. Entschuldigung für die harsche Wortwahl, aber Leute, die so etwas äußern, verstehen nichts. Adrian hat sich zweifelsohne dumm verhalten und er verdient viel Geld - aber sind es Gründe, die rechtfertigen, ihm die Menschenrechte zu verwehren und seine Existenz mit einer möglichen Sperre aufs Spiel zu setzen?

SPOX: Erwarten Sie, dass Mutu gesperrt wird, sollte er Chelsea die 17,2 Millionen Euro nicht überweisen?

Van Seggelen: Es ist eigentlich unmöglich, ihn zu sperren. Florenz hat ihn für acht Millionen Euro von Juventus Turin gekauft. Mit einer Sperre würde jedoch auch Florenz bestraft werden, obwohl der Klub ihn rechtmäßig erworben hat. Dementsprechend sind wir der Ansicht, dass Juventus zumindest einen Teil der 17,2 Millionen Euro übernehmen muss, weil Turin der Nutznießer ist. Immerhin konnte Juventus Mutu nach dessen Entlassung bei Chelsea ablösefrei verpflichten.

SPOX: Würden Sie Mutu dazu raten, im Fall der Fälle den Weg bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen?

Van Seggelen: Wir müssen alles daran setzen, dass so ein Fall nie wieder passiert. Wir werden daher jeden Hebel in Bewegung setzen, um Adrian zu unterstützen und jede juristische Möglichkeit nutzen. Daher ist die Antwort: ja.

Adrian Mutu: "Die Schlacht ist nicht vorbei"

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