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Fussball

Chelseas verzweifelte Stürmersuche: A-Lösung weit und breit nicht in Sicht

Von Philipp Schmidt
Callum Hudson-Odoi und Tammy Abraham dürfen den Verein wohl verlassen.

Erling Haaland, Romelu Lukaku, Harry Kane und sogar Robert Lewandowski - allerlei große Namen werden beim FC Chelsea gehandelt. Realistisch erscheint wohl keiner der genannten Namen, sodass sich Thomas Tuchel möglicherweise auf altvertrautes Personal verlassen oder zu einer B-Lösung greifen muss.

170 Millionen Euro hat Chelsea im vergangenen Jahr in seine Offensive investiert. Trotz Champions-League-Titel und einer starken Rückrunde in der Premier League nach der Übernahme von Thomas Tuchel haben die Blues aber ausgerechnet den Angriff als die Problemstelle im Kader ausgemacht.

Mit 58 geschossenen Toren war in der Top 8 der heimischen Liga in der vergangenen Saison nur der FC Arsenal (55) harmloser, Meister Manchester City traf ganze 25-mal häufiger in den gegnerischen Kasten. Zugute muss den Blues gehalten werden, dass der neue Coach sein Augenmerk in erster Linie auf defensive Stabilität legte - ein Plan, der hervorragend aufging -, aber klar ist auch: Die offensive Durchschlagskraft soll in der ersten vollen Saison unter Tuchel definitiv erhöht werden.

Chelsea-Angriff: Timo Werner - und sonst?

Timo Werner steuerte in seiner Debütsaison auf wechselnden Positionen immerhin 12 Tore und 15 Assists in 52 Partien bei, machte jedoch häufig mit schwacher Chancenverwertung auf sich aufmerksam. 80-Millionen-Mann Kai Havertz schoss das goldene Tor im CL-Finale und zeigte sich im Endspurt der abgelaufenen Spielzeit verbessert. Die Lösung aller Sturmsorgen ist aber auch er nicht.

Weil sich mit Olivier Giroud ein weiterer Mittelstürmer zur AC Milan verabschiedet hat, bliebe ansonsten nur noch Tammy Abraham. Das Eigengewächs erzielte in der Vorrunde noch sechs PL-Treffer, ehe er unter Tuchel fast gar nicht mehr berücksichtigt wurde (230 Minuten seit dem Trainerwechsel). Seine Freundin machte ihrem Ärger darüber öffentlich Luft, als Abnehmer für den 23-Jährigen werden die Stadtrivalen Arsenal und West Ham gehandelt.

Im Gegenzug hat Chelsea bisher - abgesehen von den Leihrückkehrern - noch keinen einzigen Neuzugang zu vermelden. Der überaus wohlhabende Besitzer Roman Abramovich hat die Zeichen der Zeit erkannt und ein üppiges Transferbudget freigegeben, das sich laut Sun auf bis zu 175 Millionen Euro belaufen könnte - ein eigentlich unschätzbarer Vorteil im Vergleich zu zahlreichen weiteren Topklubs in Zeiten von Corona.

Haaland, Lukaku, Kane: Chelseas verzweifelte Stürmersuche

Doch Fortschritte oder gar Vollzugsmeldungen lassen auf sich warten. Der als Wunschspieler auserkorene Erling Haaland ist aller Voraussicht nach nicht zu haben, wie auch die Verantwortlichen des BVB mehrfach verlauten lassen, nachdem sich mit Jadon Sancho bereits der zweite Superstar auf die Insel verabschiedet. "Es hat sich nichts geändert. Wir planen fest mit Erling für die neue Saison", sagte Sportdirektor Michael Zorc jüngst der Bild, obwohl der Norweger die Borussia im kommenden Sommer für die festgeschriebene Ablöse von "nur" 75 Millionen Euro verlassen könnte.

"Ja, es stimmt. Chelsea hat versucht, Haaland unter Vertrag zu nehmen, aber Dortmund war stets sehr zögerlich. Ein möglicher Transfer wurde immer als kompliziert beschrieben, daran hat sich nichts geändert", erklärt Nizaar Kinsella, der als Korrespondent für Goal den FC Chelsea täglich begleitet. Gleiches gelte für Romelu Lukaku und Harry Kane, welche die Blues als Alternativen ins Auge gefasst haben. Um die Ablöse zu drücken, hofft Chelsea darauf, Abraham als Gegenwert in einen Deal zu integrieren. Nach Informationen von SPOX und Goal wäre der BVB aber noch eher an Callum Hudson-Odoi interessiert, der Chelsea aber nicht verlassen will.

Im Falle von Lukaku stellte dessen Berater Federico Pastorello klar, dass eine Rückkehr in die Premier League, wo der Belgier für Chelsea, West Brom, Everton und ManUnited spielte, überhaupt kein Thema sei. "Jaja, klar", antwortete Pastorello gegenüber FCInterNews auf die Frage nach einem Verbleib seines Schützlings in der Modemetropole: "Romelu macht gerade seinen verdienten Urlaub, aber es gibt keine Probleme." Laut Sky ist der 24-Jährige "untouchable", obwohl die Nerazzurri auf Einnahmen angewiesen sind.

FC Bayern gibt Lewandowski nicht ab - aber Coman?

Dies treffe auch auf EM-Star Federico Chiesa von Juventus Turin zu. Obwohl die Blues in der Lage sind, deutlich tiefer als der ebenfalls interessierte FC Bayern in die Taschen zu greifen, werde dies am Endergebnis nichts ändern - zumal der Italiener ein gänzlich anderer Spielertyp als die genannten Namen wäre.

Auch Kingsley Coman soll auf Chelseas Liste stehen. Laut L'Equipe sei der FC Bayern bereit den Franzosen für 90 Millionen Euro gehen zu lassen. Auch hier würde Chelsea gern Hudson-Odoi (der immer noch bleiben will) in einen Deal einbinden. Zudem verhandelt Coman mit den Bayern aktuell über eine Vertragsverlängerung. Laut Oliver Kahn sei man "in sehr, sehr guten Gesprächen". Der Vorstandsboss fügte aber auch an: "Absolute Top-Spieler wollen dementsprechend bezahlt werden. Bei uns gibt es eine Grenze, ganz klar definiert."

So oder so sucht Chelsea ohnehin eher nach einem Mittel- als einem Flügelstürmer. Schließlich ist der CL-Sieger auf den Außen mit Hakim Ziyech, Hudson-Odoi und Christian Pulisic gut besetzt, zumal auch Werner und Havertz über die Flügel kommen können. Ein Mittelstürmer soll es sein.

Da die Bayern-Bosse einen Lewandowski-Wechsel kategorisch ausschlossen und es nach Informationen von The Athletic bisher keine konkrete Annäherung von Chelsea an Spurs-Knipser Kane gegebenen habe, stecken die Blues in einem Dilemma. Eine A-Lösung scheint weit und breit nicht in Sicht.

Chelsea: Gibt es einen Plan B?

Welche Optionen gibt es ansonsten noch für Tuchel? Auf dem Transfermarkt bliebe wohl nur der Griff ins zweite Regal: Everton-Shootingstar Dominic Calvert-Lewin wird nach einer überragenden Saison bei United, Arsenal und auch bei Chelsea gehandelt. Danny Ings lehnte eine Vertragsverlängerung in Southampton ab und könnte laut dem Daily Mirror als Plan B an der Stamford Bridge herhalten. Zweifel an der Tauglichkeit auf höchstem Level bestehen jedoch.

Oder bekommt Abraham doch eine neue Chance, sollten alle Versuche, einen Star für die Sturmspitze zu holen, fehlschlagen? Im ersten Testspiel der Saison gegen Zweitligist Peterborough durfte der Stürmer 45 Minute ran, zeigte sich engagiert und steuerte einen Treffer zum 6:1-Sieg bei. Sein Talent und sein Instinkt als Torjäger sind unbestritten. Zwar soll es zwischen ihm und Tuchel keine persönlichen Probleme geben, der Ex-PSG-Coach sieht in seinem taktischen System jedoch keine geeignete Rolle für Abraham.

Zumindest für die Kaderbreite lohnt sich ein Blick auf die Loan Army der Blues. Mit Michy Batshuayi, Ike Ugbo und Armando Broja kehren drei Mittelstürmer von ihren Leihen zurück. Während Ersterer bereits 27 Jahre alt und ein Leistungssprung nicht zu erwarten ist, verhält es sich beim jungen Duo anders. Ugbo traf für Cercle Brügge in der vergangenen Saison 16-mal in der Jupiler Pro League, Broja zehnmal für Arnheim in der Eredivisie. Der 19-jährige Albaner genießt laut The Athletic ein hohes Ansehen bei Tuchel. Erst am Sonntag unterschrieb er einen neuen Fünfjahresvertrag bei Chelsea. Dennoch ist ein weiteres Leihgeschäft denkbar.

FC Chelsea: Die Leistungsdaten der Offensive 2020/21

SpielerSpieleToreVorlagenMinuten
Timo Werner5212153.831
Tammy Abraham321261.533
Olivier Giroud3111/1.200
Kai Havertz45992.519
Mason Mount54994.242
Christian Pulisic43642.452
Hakim Ziyech39641.900

Thomas Tuchel sucht noch nach der besten Lösung

Zu Guter Letzt bleibt das Szenario, dass Tuchel weiterhin auf Werner oder eine falsche Neun in Person von Havertz oder Mason Mount setzt. Der Ex-Leverkusener deutete mit seiner Abschlussstärke, Beidfüßigkeit und den technischen Qualitäten an, dass er dieser Aufgabe durchaus gewachsen ist. Nach guten Leistungen bei der EM in eben dieser Rolle ist eine Steigerung in Jahr zwei sehr wahrscheinlich.

Das Transferfenster ist noch über einen Monat geöffnet, Veränderungen auf dem schnelllebigen Markt kaum zu prognostizieren. "In den nächsten acht Wochen müssen wir schauen, wie wir unsere Trefferquote verbessern können mit den Spielern, die wir haben", sagte Tuchel im April über die Flaute im Angriff, um direkt zu ergänzen. "Im Sommer denken wir weiter darüber nach, was die beste Lösung für den Klub ist." Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen.

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