Fussball

Justin Fashanu: Die tragische Geschichte von Englands einstigem Wunderkind

Von Dennis Melzer
Justin Fashanu mit 19 Jahren im Trikot seines ersten Profiklubs Norwich City.

Er träumt von der großen Karriere. Doch als er den Mut aufbringt, sich zu outen, erlebt Justin Fushanu die Hölle auf Erden - und begeht Selbstmord.

"Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben, durch die Decke schweben, mit nem Toast den hochleben lassen, auf den Ersten, der es packt, den Mutigsten von allen", singt Marcus Wiebusch, Sänger der Hamburger Indie-Rock-Band Kettcar, in seinem epochalen "Der Tag wird kommen", der das Schwulsein als Profifußballer thematisiert und die damit verbundenen Schwierigkeiten umreißt. Die ehrenwerte Hoffnung, der Appell: Es sollte in der heutigen, in der aufgeklärten Gesellschaft keine Rolle spielen, ob ein Fußballspieler homo- oder heterosexuell ist.

Und dennoch hat sich in Deutschland noch kein aktiver Profi geoutet, der prominenteste seiner Zunft, der seine Homosexualität öffentlich machte, Thomas Hitzlsperger, tat dies nach seiner Karriere. Doch warum ist es immer noch tabu - gerade im Fußball -, dazu zu stehen? "Außenminister, Popstars, Rugbyspieler zeigen doch, dass es geht", weiß Wiebusch. Den ersten, den besungenen "Mutigsten von allen" gab es bereits vor 27 Jahren in England: Justin Fashanus Coming-out und die daraus resultierenden Konsequenzen dienen seit jeher leider eher als abschreckende Präzedenz.

Tod in der Garage und Abschiedsbrief

Ein Hinterhof im Londoner East End, dunkelrotes Backsteingemäuer stemmt sich hoffnungslos gegen das Unkraut, das den alten Mörtel bewuchert. Eine wuchtige gelbe Stahltür, der Rost blüht, darüber ein Erker mit dünnen Fensterscheiben, die hellblaue Farbe blättert ab. Ein unscheinbares Fleckchen Erde im industriell geprägten Stadtteil Shoreditch.

Am 3. Mai 1998 findet die Polizei im Inneren des Gebäudes, hinter der gelbgestrichenen Stahltüre, Fashanus Leiche. Der Ex-Profi hängt, mit einem Elektrokabel um den Hals, an einem Holzbalken. Selbstmord. Unweit des Fundortes hatte sich der Sohn nigerianischer Eltern noch Stunden zuvor gut gelaunt, wie damals befragte Zeugen beteuern, im Gay-Club "Chariots" gezeigt.

Monate nach Fashanus Tod wird ein Abschiedsbrief gefunden:

"Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe. Er hatte bereitwillig Sex mit mir, doch am nächsten Tag verlangte er Geld. Als ich nein sagte, sagte er: 'Warte nur ab!' Wenn das so ist, höre ich Euch sagen, warum bin ich dann weggerannt? Nun, nicht immer ist die Justiz gerecht. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde. Ihr wisst, wie das ist, wenn man in Panik gerät. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben. Ich hoffe, der Jesus, den ich liebe, heißt mich willkommen. Ich werde zumindest Frieden finden."

Vorwurf der Vergewaltigung und Scotland Yard

Mit dem "Jungen", auf den sich Fashanu bezieht, ist der damals 17-jährige Donald H. gemeint, den Justin während seiner Zeit als Trainer bei Maryland Mania in den USA kennenlernt. Fashanu streut das Gerücht, er sei der Besitzer des Vereins, genießt die Bewunderung, die ihm entgegenschlägt. So auch die Reverenz Donalds, der nach einer alkohol- und marihuanageschwängerten, exzessiven Party in Fashanus Haus aber behauptet, der Ex-Profi habe sich an ihm vergriffen. Zwei Tage nach dem angeblichen Vorfall wird Fashanu von der Polizei überrascht, die Beamten fragen den verdutzten Engländer, ob er schwul sei und ob er Sex mit dem Teenager gehabt hätte. Fashanu verneint und wird aus Mangel an Beweisen nicht in Gewahrsam genommen.

Allerdings hat die Presse Wind von den Vorwürfen bekommen, die Donald medienwirksam gegen Fashanu erhebt. Immer wieder streuen die Gazetten, dass per internationalem Haftbefehl nach dem einstigen Wunderknaben gefahndet werde, sogar Scotland Yard sich an der Suche beteilige. Aus Angst vor den Behörden türmt Fashanu zurück nach England, nimmt kurzerhand den Mädchennamen seiner Mutter "Lawrence" an - und fasst nur wenige Tage später den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Kurz nach dem Suizid stellt sich heraus, dass es sich bei den unzähligen Berichten über eine angeblich globale Ermittlung gegen Fashanu um Falschmeldungen handelt, der Fall von den amerikanischen Behörden längst zu den Akten gelegt worden war.

Das Ende eines tragischen Lebens, das so verheißungsvoll begonnen hatte: Im Alter von 19 Jahren sorgt der Youngster in Diensten von Norwich City auf der Insel für mächtig Furore, als er gegen den FC Liverpool einen Pass seines Mitspielers mit dem rechten Außenrist technisch anspruchsvoll annimmt, sich um einen Kontrahenten herumwindet und die Kugel mit einem herrlichen Linksschuss im Eck versenkt.

Tor der Saison 1979/80

Auf einen ausufernden Jubel verzichtet der Mann mit der Nummer neun, dreht sich herum, ohne eine Miene zu verziehen und streckt den Zeigefinger gen Himmel. Ganz so, als sei es das Normalste der Welt. Eine Szene, die Fashanu quasi von einer Sekunde auf die andere zum gefragten Superstar avancieren lässt. Der kunstvolle Treffer wird von der britischen Sendung "Match of the Day" zum Tor der Saison 1979/80 gewählt.

Im Anschluss wechselt Fashanu zum Europapokalsieger Nottingham Forest, der mehr als eine Million Pfund an die Canaries überweist. Ein Novum zu ebenjener Zeit, noch nie hatte zuvor ein Verein aus England eine derart stattliche Summe für einen schwarzen Fußballer ausgegeben. Der Mittelstürmer sonnt sich im medialen Licht, gibt zahlreiche Interviews, lässt sich für Modemagazine ablichten und gibt an, "in zwei Jahren berühmt sein und sehr, sehr viel Geld haben" zu wollen.

Schnelle, teure Autos, kostspielige Klamotten und Luxusrestaurants nehmen fortan einen beträchtlichen Teil in Fashanus Leben ein, wobei die Formkurve aus sportlicher Sicht nach unten zeigt. Für Forest erzielt der Neuzugang während seiner ersten Saison in 35 Spielen lediglich drei magere Treffer, glänzt mehr neben als auf dem Fußballplatz. Sein Trainer zu diesem Zeitpunkt, der gemeinhin als jähzornig geltende Brian Clough, tobt an der Seitenlinie, wenn Fashanu abermals einen Ball verliert.

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