Revolution auf Zeit

Von Thomas Gaber
Guss Hiddink führte Südkorea 2002 ins WM-Halbfinale und Russland 2008 ins EM-Halbifnale
© Getty

Vier Monate hat Guus Hiddink Zeit, den schwächelnden FC Chelsea auf Kurs zu bringen. Klub-Besitzer Roman Abramowitsch hat sich ganz bewusst für den russischen Nationaltrainer entschieden. Doch es gibt Zweifel, ob Hiddink der richtige Mann für diesen Job ist.

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Guus Hiddink hatte einen Aufpasser mitgebracht, als er am Donnerstag sein erstes Training als Coach des FC Chelsea leitete.

Hiddink nur Teilzeitkraft

Der Boss höchstpersönlich stand neben seiner Neuerwerbung und sah mit ernster Miene genau hin, was seine Angestellten ablieferten. Klub-Besitzer Roman Abramowitsch, ein eher seltener Trainingsgast, demonstrierte den Schulterschluss mit Hiddink, jenem Trainer, den er schon mehrfach an die Stamford Bridge holen wollte.

Nun hat es geklappt, wenn auch (zunächst) nur für vier Monate. Hiddink ist hauptberuflich Trainer der russischen Nationalmannschaft. Nach kurzen, aber intensiven Verhandlungen erklärte sich der Niederländer bereit,  den Versuch zu starten, einer "toten Mannschaft" (Guardian) neues Leben einzuhauchen.

Hiddink sieht sich als Teilzeitkraft, nach vier Monaten Feuerwehrmann spielen soll wieder Schluss sein. "Bis Saisonende haben wir nur zwei Länderspiele. Da kann man beide Jobs vereinbaren. Aber ich habe einen klaren Auftrag und der lautet Russland zur WM 2010 zu führen", so der 62-Jährige.

Terry appelliert an den Teamgeist

John Terry gefällt Hiddinks Loyalität zum russischen Team. "Seine Einstellung imponiert mir. Aber vielleicht können wir die Dinge in vier Monaten ja so verändern, dass er doch einen Full-Time-Job bei uns bekommt. Es liegt nur an uns", sagte der Blues-Kapitän.

Terry will den gemeinsamen Mannschaftsabend wieder einführen, es habe schließlich schon einmal geholfen, sich im internen Kreis ordentlich die Meinung zu geigen.

"Wir haben nach der Entlassung von Jose Mourinho (September 2007, d. Red.) bei einem Treffen ohne Trainer festgestellt, dass wir endlich kämpfen und auf Top-Niveau arbeiten müssen. Das muss jetzt wieder passieren", so Terry.

Egomanen an der Stamford Bridge

Hiddink tritt ein schweres Erbe an. Er muss einem "zerstrittenen Haufen voller Egomanen" (Daily Mirror) in kürzester Zeit Beine machen. Der "Guardian" berichtet, dass Didier Drogba auserkoren wurde, um Hiddink über die Stimmung bei den nicht-englischen Spielern aufzuklären.

Drogba, Petr Cech und Michael Ballack, allesamt "Ausländer", wird vorgeworfen, massiv an der Demission von Hiddink-Vorgänger Luiz Felipe Scolari gearbeitet zu haben.

Hiddink duldet keine Querulanten. Als der farbige Spieler Edgar Davids während der EM 1996 dem damaligen holländischen Nationaltrainer vorwarf, "mit dem Kopf in den Hintern der weißen Spieler" zu stecken, wurde er von Hiddink umgehend nach Hause geschickt.

Kein Erfolg bei Real Madrid

Allerdings ist Hiddink auf Vereinsebene den Beweis bislang schuldig geblieben, eine Mannschaft mit Stars im Überfluss zum Erfolg zu führen. 1998 löste er Jupp Henyckes als Trainer von Real Madrid ab. Sein Engagement endete nach nur sieben Monaten. Auch bei Fenerbahce Istanbul (1990/91) und Real Betis (1999/2000) kam Hiddink nicht zurecht.

Bei Chelsea steht er vor einer weiteren Herausforderung. Die Mannschaft spielt seit Wochen höchst unansehnlichen Fußball, ein taktisches Konzept ist nicht erkennbar. Gegen die Topteams Manchester United (0:3) und den FC Liverpool (0:2) sahen die Blues zuletzt kein Land.

Hiddink schätzt die Lage weniger dramatisch ein. "Die Jungs haben viel drauf und manchmal fehlt nur ein Mosaikstein, damit sie ihre beste Leistung bringen. Ich versuche, diese Mosaiksteine zu finden. Die Spieler müssen lernen, während eines Spiels auch mal die Taktik zu ändern, wenn es nötig ist."

Schwächen auf den Außenbahnen

In dieser Hinsicht hat Abramowitsch richtig gehandelt. Hiddink wird als Motivator und Taktikfuchs verehrt. Im Viertelfinale der EM 2008 coachte er Landsmann Marco van Basten aus und stürmte mit seiner Sbornaja ins Halbfinale.

Abramowitsch traut ihm offensichtlich zu, diese Qualitäten in den K.o.-Spielen der Champions League auszuspielen.

Hiddink will Chelsea einen offensiven Stil vermitteln: "In England wird attackiert. Das werden wir auch tun." Doch insbesondere das schnelle Spiel über die Außenpositionen war bei Chelsea zuletzt nicht vorhanden, die Behäbigkeit obsiegte.

Ein Ersatz für Arjen Robben wurde nicht verpflichtet. Joe Cole fällt mit Kreuzbandriss bis Saisonende aus. Florent Malouda spielt eine schwache Saison, ebenso Salomon Kalou. Und Neuzugang Quaresma muss erst beweisen, ob er Chelsea weiterhelfen kann.

Das machte laut "Sun" auch Scolari kurz vor seinem Rauswurf Ambramowitsch zum Vorwurf. Denn Chelsea habe keinen Spieler in seinen Reihen, der den Unterschied ausmache. Robinho wäre einer gewesen, aber den hat Scolari nicht bekommen. Deshalb sei Chelsea ein Team voller Bürokraten.

Buffon not amused

Hiddink muss die Spielweise und die zwischenmenschlichen Beziehungen in gewissem Maß revolutionieren. Zeit hat er keine. Am Samstag steht das FA-Cup-Spiel gegen den FC Watford an. In der Liga heißt der nächste Gegner Aston Villa und dann wartet Juventus Turin in der Champions League.

Einen ersten Teilerfolg hat Hiddink immerhin schon erreicht. Juve-Torwart Gianluigi Buffon gefällt der Trainerwechsel zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht.

"Wenn ein neuer Trainer kommt, hat das meistens positive Auswirkungen auf die Mannschaft. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Hiddink erst gekommen wäre, nachdem wir Chelsea rausgeworfen haben." 

FC Chelsea: Kader, Ergebnisse, Termine