Der mächtigste Mann im Fußball

Von Haruka Gruber
Zahavi, Pini

München - Es war ein harmloser Plausch. Smalltalk, nicht viel mehr. "Früher bin ich ungefähr alle vier Wochen nach England geflogen. Irgendwann steckten wir wegen schlechten Wetters am Heathrow-Flughafen fest", erinnert sich Pini Zahavi an die Episode vor fast 20 Jahren.

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"Beim Warten habe ich zufällig Liverpools damaligen Vorstandsvorsitzenden Peter Robinson gesehen und ihn einfach gefragt: 'Wie wär's, warum schaut ihr euch nicht einen guten israelischen Fußballer an?'"

Avi Cohen, so der Name des Angepriesenen, wurde daraufhin tatsächlich von den Reds begutachtet, für brauchbar befunden und 1979 für 200.000 Pfund verpflichtet. Ein Wechsel wie jeder andere - würde er nicht den Beginn einer Weltkarriere kennzeichnen. Nicht von Cohen, sondern von Zahavi, damals ein Sport-Journalist, mittlerweile der vermeintlich mächtigste Mann im Fußball.

"Er repräsentiert die Evolution des Fußballs"

Seit der Plauderstunde inmitten des Londoner Unwetters baute der Israeli kontinuierlich ein komplexes Netzwerk aus Beziehungen und Gefälligkeiten auf. Zahavi, der weltweit einflussreichste Spielerberater, Unterhändler und Vermittler in Personalunion.

"Sein Aufstieg repräsentiert die Evolution des Fußballs zu einem globalen Geschäft", schreibt die "Financial Times". Zahavi profitierte wie kein anderer vom Ablösewahnsinn Anfang des Jahrtausends in der Premier League, genauso wie von der Investitionswut russischer Oligarchen. Zum engsten Freundeskreis des 52-Jährigen gehören Roman Abramowisch, Sven Göran Eriksson oder Israels Regierungschef Ehud Olmert, Ronaldinho und Rio Ferdinand hören auf seinen Rat.

Schritt für Schritt

Bei all der Geschäftigkeit bleibt Zahavi ein Rätsel. Sorgsam achtet der sonst so umtriebige Tausendsassa darauf, der Öffentlichkeit nicht zu viel preiszugeben, Interviews oder Fotos von ihm sind eine Rarität.

1955 als Sohn eines Ladenbesitzers in einem Dorf vor den Toren Tel Avivs geboren, arbeitete Zahavi zunächst als Fußball-Redakteur bei drei israelischen Zeitungen, parallel begann er, Fußball-Spieler zu betreuen.

"Der Cohen-Wechsel zu Liverpool hat mir gezeigt, wie viel Geld in Fußball steckt", so Zahavi. Der Durchbruch folgte aber erst 1990. Nachdem Zahavi seine Journalisten-Laufbahn an den Nagel gehängt hatte, fädelte er Ronnie Rosenthals Wechsel von Standard Lüttich nach Liverpool ein.

Schritt für Schritt wurden die Namen seiner Klienten - und damit auch die Provisionen - größer. Er übernahm die Repräsentation von Chiles Stürmerstar Marcelo Salas, 1997 lotste er Eyal Berkovic zu West Ham, wo er auf einen gewissen Rio Ferdinand aufmerksam wurde.

Krösus in England

Fünf Jahre später sollte der Verteidiger für 46 Millionen Euro zu Manchester United wechseln. Mit 42 Millionen Euro für ManU nur unwesentlich günstiger war Juan Sebastian Veron ein Jahr zuvor. Bei beiden Blockbuster-Deals eingeschaltet: Zahavi, enger Vertrauter von Manchesters Coach Alex Ferguson.

Den höchsten Marklerlohn erhielt er jedoch für Yakubu Aiyegbenis Wechsel von Portsmouth zu Middlesbrough. Von der 11-Millionen-Euro-Ablöse strich Zahavi 4,5 Millionen ein. "Er hatte nie ein Problem damit, seinen Anteil aus dem enormen Geldfluss im Fußball herauszufischen. Er verdient wahrscheinlich mehr als jeder Fußballer oder Trainer im gesamten englischen Fußball", so der "Guardian".

"Was soll an Romans Geld falsch sein?"

Ein noch lukrativeres Betätigungsfeld als das der Spielerberatung  eröffnete sich Zahavi 2001. In Moskau traf er erstmals Abramowitsch, den er im April 2003 zu Manchester Uniteds Champions-League-Spiel gegen Real Madrid einlud. Das Ende ist bekannt: Wenige Monate darauf kaufte der russische Öl-Milliardär den FC Chelsea auf. Eine Investition, eingetütet selbstredend von Zahavi, der offensichtlich auch die exzessiven Spielerkäufe der Abramowitsch-Ära koordiniert.

Als nächste Neuzugänge an der Stamford Bridge gelten Ronaldinho und Giovani dos Santos. Der Superstar und das Nachwuchsjuwel vom FC Barcelona werden - wie soll es sonst sein - von Zahavi betreut.

"Bevor Roman kam, stand Chelsea vor dem Bankrott. Es war ein Desaster. Heute ist der Verein einer der besten der Welt. Fußball stiftet natürlich eine gemeinschaftliche Identität, aber es ist und bleibt auch ein Geschäft. Was soll daher an Romans Geld falsch sein?", so Zahavis Replik auf Abramowitsch-kritische Stimmen jeder Art.

Skandale pflastern den Weg

Warum also aufhören? Im Januar 2006 bestellte der Strippenzieher etwa das Feld für die Übernahme Portsmouths durch Alexandre Gaydamak. Ein Freundschaftsdienst Zahavis für dessen Vater Arcadi, israelischer Milliardär sowjetischer Abstammung und Besitzer von Beitar Jerusalem, der einst aus Frankreich fliehen musste, weil gegen ihn ein internationaler Haftbefehl wegen Waffenschmuggels erlassen wurde.

Nicht erst durch seine Verflechtungen mit den Gaydamaks gelten Zahavis Aktivitäten als höchst nebulös. Seine Qualitäten als Spin Doctor sind unbestritten, seine Beteiligung an praktisch allen Premier-League-Skandalen der jüngeren Zeit aber ebenso wenig.

Nie zur Rechenschaft gezogen

Die am Ende doch nicht so heimlichen Verhandlungen zwischen dem damaligen englischen Nationaltrainer Eriksson mit Chelsea. Der Wirrwarr um die regelwidrige Kontaktaufnahme der Blues mit Ashley Cole, als dieser noch bei Arsenal unter Vertrag stand. Der Skandal um illegale Schmiergeldzahlungen bei Transfers. Zahavi war irgendwie immer mittendrin - belangt wurde er jedoch nie. Unter anderem deshalb, weil seine Spieleragentur in Israel registriert ist und sich dadurch der Gerichtsbarkeit des englischen Verbands entzieht.

Damit nicht genug: Zahavi arbeitet weiter fleißig daran, sein undurchdringliches Labyrinth aus Connections und geheimnisvollen Firmenbeteiligungen weiter auszubauen.

Sein neuestes Projekt: Der "Hero Football Fund", eine Art private Investorengesellschaft, die in absehbarer Zeit ein Kapital von 150 Millionen Euro anhäufen soll, um Transferrechte von Fußballern aufzukaufen - obwohl sich das Modell der "Third Party Ownership" im Graubereich der Legalität befindet.  Die dubios-undurchsichtige "MSI", die die Rechte an Carlos Tevez und Javier Mascherano hält, berät er bereits.

Passt in keine Schublade

Wer ist Zahavi? Ein geldgieriger Geschäftsmann, ohne Moral und Skrupel? Oder doch ein tüchtiger Ex-Journalist, der dank seines Riechers für Profit zum mächtigsten Akteur der Branche aufstieg?

Als "freundlich, humorvoll, aufrichtig und bescheiden" wird er vom "Guardian" beschrieben. Ähnlich Cohen, Zahavis erster Klient: "Er will kein Star sein, deswegen hält er sich zurück. Die Leute wissen gar nicht, wie er wirklich ist."

Zahavi selbst belässt es bei einem: "Ich habe sehr gute Verbindungen, weil ich nie jemanden im Stich lasse und nie mit Tricks spiele. Ich interessiere mich nur für Fußball, Fußball, Fußball. So einfach ist das."

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