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Fussball

Alexander Zorniger im Interview: "Mir geht es einzig und allein um die richtige Aufgabe"

Alexander Zorniger während seiner Zeit beim VfB Stuttgart.

Nach dem Ende beim VfB Stuttgart verließ Alexander Zorniger Deutschland in Richtung Dänemark und arbeitete erfolgreich beim Traditionsverein Bröndby IF. Seit Februar 2019 ist der ehemalige Leipzig-Trainer ohne Job, lebt aber weiter in der Nähe von Kopenhagen.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der 53-Jährige über seine neue Ausgeglichenheit, frühere Fehler und die Lerneffekte des "Königswegs" Dänemark, die ihn als Trainer und Mensch neu beeinflussten.

Zorniger äußert sich zudem zu seiner provokanten Art, bisherigen Angeboten und Vorbehalten aus Deutschland.

Herr Zorniger, im Februar 2019 wurden Sie nach zwei zweiten Plätzen und einem Pokalsieg auf Rang vier stehend bei Bröndby IF entlassen. In Ihrer seit 2016 andauernden Zeit in Dänemark sind Sie zudem zweifacher Familienvater geworden und leben weiter im Land. Wieso sind Sie nicht nach Deutschland zurückgekehrt?

Alexander Zorniger: Wir hatten in Dänemark eine extrem erfolgreiche Zeit mit sehr großer Wertschätzung, auch in Bezug auf den Stimmungswandel in einem großen Traditionsverein. Da war es aus emotionalen und pragmatischen Gründen nie ein Thema, das Land gleich zu verlassen. Wir sind hier eine Familie geworden, beide Kinder sind hier geboren. Wir wohnen nur 100 Meter vom Meer entfernt und haben ein richtig gutes Verhältnis zur Nachbarschaft. Die Lebensqualität passt also. Meine Tochter kam in den Kindergarten, als ich bei Bröndby gearbeitet habe. Es hätte keinen Sinn ergeben, sie dort wieder herauszunehmen. Da meine Frau aus dem Osten Deutschlands und ich aus dem Süden komme, haben wir uns auch noch nicht festgelegt, wo genau einmal unser Hauptwohnort sein soll.

Wenn man bedenkt, dass Sie lange mit sich gerungen haben, einen Verein im Ausland zu übernehmen: Wie überrascht sind Sie von sich selbst, nun schon seit über vier Jahren in Dänemark zu leben?

Zorniger: Es war keineswegs so abzusehen. Ich habe 2012 mit 45 das erste Mal in meinem Leben den Dunstkreis Stuttgart wirklich verlassen. Seitdem sind erst acht Jahre, aber gefühlt ein ganzes Leben vergangen. Die Geschichten, die ich in dieser Zeit erlebt habe, reichen eigentlich für vier Leben. Wenn ich schon jetzt auf mein Leben in Anbetracht meiner Zielsetzung zurückblicke, irgendetwas daraus machen zu wollen, bin ich relativ weit gekommen. Ich bin mir selbst zumindest nicht mehr verpflichtet, mein Leben jetzt total spannend zu machen, weil es das seit vielen Jahren bereits ist.

Dabei wollten Sie anfangs auf dem deutschen Markt bleiben, wie Sie 2016 im SPOX-Interview sagten.

Zorniger: Ich hatte auch erst Bedenken, da ich die dänische Sprache nicht konnte und nicht wollte, dass es so aussieht, als würde ich aus Deutschland abhauen wollen. Als ich mich in Kopenhagen das erste Mal mit Manager Troels Bech unterhielt, habe ich ihm gesagt, dass das eher nichts wird. Er ließ aber nicht locker. Ich kam dann für ein weiteres Gespräch wieder, zusammen mit meiner heutigen Frau. Es schien die Sonne und irgendwie hatte ich dann dasselbe heimelige Gefühl wie damals, als ich das erste Mal durch Leipzig fuhr. Wir haben eine dieser Touristen-Bustouren gemacht, die eigentlich gar nicht mein Ding sind. Doch von Minute zu Minute hat sich bei uns die Überzeugung verfestigt, dass es hier von der reinen Lebensqualität her total passen könnte. Wir haben uns tatsächlich in Kopenhagen verliebt, dabei wussten wir noch gar nicht, wie sehr der Klub und die Fans unser Leben bereichern würden. Und da der Verein mir durchgehend das Gefühl gegeben hat, dass er mich unbedingt haben möchte, habe ich zugesagt. Zum Glück!

Ende 2017 wurden Sie erstmals Vater. Welchen Einfluss hatte das auf Sie?

Zorniger: Meine kleine Familie hat mich schnell auf ein gutes Level heruntergekühlt. Ich habe ein größeres Verständnis für die persönlichen Befindlichkeiten der Leute um mich herum bekommen. Es gibt dir einfach ein größeres Maß an Gelassenheit und Ruhe. Ich bin ausgeglichener geworden und sehe manche Dinge nicht mehr so verbissen, auch im Umgang mit meinen Spielern und Vorgesetzten.

Inwiefern?

Zorniger: Ich bin mit 50 Vater geworden. Da gibt es natürlich ein paar Prinzipien, die sich bis dahin verfestigt haben - doch man lernt nicht aus. Wenn ich beispielsweise mit der Mannschaft auf dem Trainingsplatz stehe, erwarte ich, dass bestimmte Prinzipien umgesetzt werden - vor allem in Bezug auf das Kreieren einer Leistungsatmosphäre und eines Teamgedankens. Nun allerdings mit zusätzlichen Aspekten, die ich über das Leben gelernt habe. Mir ging und geht es eigentlich nur darum, Spiele zu gewinnen. Es gibt aber Faktoren, die einen näher an dieses Ziel bringen, als ich es in der Vergangenheit gedacht habe.

Zur dänischen Lebensweise gehört vor allem der Begriff "hygge", der das Glücklichsein und die Gemütlichkeit umschreibt. Wie haben Sie dieses Lebensgefühl dort erfahren, was bedeutet es für Sie?

Zorniger: Das wird Ihnen auch ein Däne nicht genau erklären können. Die Dänen gehen zwar früh zur Arbeit, aber sie brauchen das Gefühl, denn sie wollen um 14.30 Uhr auch wieder zu Hause sein können, um noch einen großen Teil des Tages vor sich zu haben und das Leben genießen zu können. Kaum jemand bewertet andere wegen der Größe ihres Autos oder Hauses. Die wertvollsten Gegenstände haben alle vielmehr innerhalb ihrer eigenen vier Wände, weil es ihnen wichtiger ist, sich darin wohlzufühlen. Ich weiß auch noch, wie eines Tages mein deutscher Videoanalyst Matze Borst von einem Sponsorentermin kam und meinte, er konnte bis zum Schluss nicht sagen, wer dort der Chef war. Es interessiert niemanden, ob der Sportdirektor im Mannschaftsbus immer vorne sitzt oder nicht. Man versucht hier ständig, alle Parteien zu Wort kommen zu lassen und keine Meinungen abzubügeln.

Würden Sie sagen, dass Sie als Deutscher mit dänischem Wohnsitz gewissermaßen zwischen beiden Welten stehen?

Zorniger: Ja. Ich nehme sehr viel auf und sehe, wie vieles total Sinn für mich selbst ergibt. Ich bin daher auch überhaupt nicht unruhig hinsichtlich meiner Jobsituation. Ich genieße es vor allem unglaublich und weiß, wie privilegiert ich bin, dass ich meine Kinder in dieser frühen Phase aufwachsen sehe.

Wie blicken Sie denn mittlerweile auf die Deutschen, wenn Sie manches Mal in der Heimat sind?

Zorniger: Der Deutsche motzt und hupt nach wie vor etwas schneller, auch sein Blick auf das Ausland hat sich ein bisschen verändert. Leider sehr oft nicht zum Guten, da die Deutschen den Anspruch haben, zahlreiche Sachen richtig bewerten zu können. Das tun sie jedoch selbstverständlich nicht, denn es gibt schlichtweg ganz viele verschiedene Wege, die Dinge zu betrachten. Genau das kann man meiner Ansicht nach aber erst richtig ein- und wertschätzen, wenn man selbst einmal für längere Zeit im Ausland war und von dort auf Deutschland blickt.

Der Weg aus Deutschland heraus scheint für Sie in persönlicher wie beruflicher Hinsicht also genau richtig gewesen zu sein.

Zorniger: Absolut. Es war mein Königsweg, um ein besserer Trainer zu werden und meinen Fokus viel mehr für Themen zu erweitern, die mich weitergebracht haben - als Trainer, aber vor allem auch als Person. Der Glaube an das Gute im Menschen hat sich durch die Zeit in Dänemark bei mir deutlich verstärkt.

Weshalb glauben Sie, nun ein besserer Coach zu sein?

Zorniger: Ich denke, ich war schon immer ein ganz guter Trainer für willige Performer. Ich war und bin aber nach wie vor kein guter Trainer für Low- oder Non-Performer, nicht nur Spieler. Wenn ich merke, dass intern wie extern nicht ernsthaft über den Faktor Leistung gesprochen wird, sondern nur darüber, wie man am besten blendet, bleibe ich ganz kurz angebunden. Das hat sich nicht geändert. Ich gehe aber nicht mehr wie vielleicht früher davon aus, dass jemand grundsätzlich seine Leistung aus Bequemlichkeit nicht abliefert. Durch die Erfahrungen in Dänemark nehme ich nun grundsätzlich an, dass jemand gewillt ist, seine Leistung zu bringen. Irgendetwas hemmt ihn derzeit vielleicht nur. Erst wenn ich durch ein Gespräch oder das Training herausfinde, dass derjenige nicht alles dafür tut, um erfolgreich zu sein, greifen bei mir wieder andere Mechanismen. Die Motivation für Leistung bei Spielern und Staff zu finden, ist wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe für uns Trainer in dieser Zeit und in diesem extrem öffentlichen Job, in dem es um so viel Geld geht.

Sie haben für sich festgestellt, dass viele Wege nach Rom führen können.

Zorniger: Genau. Nämlich nicht nur über noch mehr Training oder Videoanalyse. Ich glaube, man muss möglichst viel Wissen für sich zusammentragen, wie man eine Top-Leistung abliefern kann. Das kann jedoch bei jedem Spieler und Trainer anders aussehen. Der eine wird ein überragender Coach, weil er immer mehr Trainingsformen, immer mehr Möglichkeiten für Videoanalyse, immer mehr Fachleute um sich herum ansammelt. Ein anderer dagegen verbessert sich, weil er weiß, dass er in sich noch viel mehr entwicklungsfähiges Potenzial trägt.

Alexander Zorniger: Seine Trainerstationen auf Profiebene

ZeitraumVerein
2009 (Co-Trainer)VfB Stuttgart
2010-2012SG Sonnenhof-Großaspach
2012-2015RB Leipzig
2015VfB Stuttgart
2016-2019Bröndby IF
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