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Fussball

Ex-Schalke-Trainer Michael Boris im Interview: "Ich weiß, was unsere Waschfrau gestern gekocht hat"

Von Philipp Schmidt

Michael Boris machte erstmals von sich reden, als er vor elf Jahren am Rande eines Pokalspiels gegen Schalke 04 den damaligen S04-Trainer Felix Magath um ein Praktikum bat und dieses sogar erhielt. Nach Stationen in der U23 der Königsblauen, beim ungarischen Nachwuchs und einem Intermezzo in Japan ist er nun zurück in Ungarn und trainiert dort Erstliga-Aufsteiger MTK Budapest.

Im Interview mit SPOX und Goal blickt Boris auf seine Zeit bei Schalke zurück, spricht über die Trainingsmethoden von Magath und schwärmt von den damaligen Stars, mit denen er täglich Kontakt hatte.

Außerdem erklärt er, wie es ihm als Trainer der ungarischen U21 gelang, den damaligen Europameister Deutschland zu schlagen, inwiefern das Leben in Japan ein Kulturschock war und mit welchen Eigenschaften er sich in Ungarn von anderen Trainern unterscheidet.

Herr Boris, seit Sommer 2019 sind Sie nach einem kurzen Japan-Intermezzo zurück in Ungarn und übernahmen den gerade in die 2. Liga abgestiegenen Traditionsklub MTK Budapest. Wieso erneut Ungarn?

Boris: Ich hatte die Entwicklung im Land stets verfolgt und immer noch gute Kontakte aus meiner Zeit beim Verband. Als der Abstieg von MTK feststand, wurde ich kontaktiert. Damals war ich gerade Co-Trainer bei Tokyo Verdi. Doch das Angebot war so interessant, dass ich zu einem Gespräch mit dem Inhaber von Japan aus nach Budapest geflogen bin. Schließlich habe ich innerhalb von einer Woche meine Sachen in Tokio gepackt, habe den Verein informiert und in Budapest losgelegt.

Und das sehr erfolgreich: Bereits in Ihrer ersten Saison gelang der Wiederaufstieg. Ihre Mannschaft pflegt einen sehr aktiven Spielstil, der in den sozialen Medien in Ungarn mit dem Hashtag #huntingtime gefeiert wird. Erklären Sie!

Boris: Ich bin einfach begeistert vom aktiven Fußball. Man hat zwar nicht immer den Ball, will ihn aber schnell wiederhaben. Es ist doch beeindruckend, wie in Leipzig unter Julian Nagelsmann oder bei Jürgen Klopp in Liverpool gegen den Ball gearbeitet wird. Eine solche Herangehensweise ist in Ungarn nicht so häufig der Fall. Für mich war es in den Gesprächen mit dem Verein super zu hören, dass unser Inhaber meine Idee vom Fußball unterstützt. Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, wie erfolgreich sie sein wird, aber meine Vorstellungen klar herüberbringen. Zudem arbeite ich gerne mit jungen Spielern, so dass das Gesamtpaket für mich von Beginn an sehr überzeugend war.

Boris über MTK-Spielstil: "... dann ist die Jagd eröffnet"

Und diese jungen Spieler jagen nun nach jedem Ball?

Boris: Genau. (lacht) Ich wollte einfach nicht wie jeder sagen, dass wir pressen oder gegenpressen, sondern dass wir jagen. Diese Begrifflichkeit hat sich dann immer mehr verselbständigt, weil sie die Mannschaft so schnell so gut verinnerlicht hat. Die Spieler laufen viel und sind auch im Training extrem belastbar. Wir haben einen Schriftzug mit diesem Tenor an der letzten Tür, bevor es ins Stadion hinausgeht - ab dann ist die Jagd eröffnet.

Lassen sich denn viele ungarische Teams wirklich jagen oder stehen die eher tief?

Boris: Guter Punkt, denn viele stehen enorm tief. Man muss daher auch Ballbesitzfußball beherrschen. Wir haben am 1. Spieltag gegen den amtierenden Meister Ferencvaros ein 1:1 erreicht. Das ist für uns als jüngste Mannschaft der Liga hervorragend. Gegen den Rekordmeister war die Jagd-Taktik prädestiniert, denn als Aufsteiger dort auf Ballbesitz zu gehen, wäre vermessen und nicht machbar. Wir sind hoch angelaufen und haben gute Ballgewinne erzielt, das war schon toll.

Sie scheinen sich der Aufgabe in Ungarn sehr verschrieben zu haben. Sie haben vom ersten Tag an begonnen, die Sprache zu lernen und wohnen auch in unmittelbarer Nähe des MTK-Vereinsgeländes. War dies vielleicht auch ein Lerneffekt aus der Zeit in Japan?

Boris: Es hat auch etwas mit Respekt zu tun, aber in Japan war es in der Tat ein großes Problem, dass ich mich ohne Übersetzer nicht mit den Spielern unterhalten konnte. Dann Emotionen zu transportieren und jemanden zu motivieren, ist nur schwer möglich. Ungarisch ist eine unfassbar schwere Sprache. Ich versuche, die richtigen Wörter aneinanderzureihen und kommuniziere während der Spiele und des Trainings mit den typischen Fußballbegriffen. Zur Not kann ich auch ins Englische ausweichen. Aber mir war schon bei der Nationalmannschaft klar: Wenn die nicht verstehen, was ich möchte, dann wird das nicht funktionieren, weil du einfach Außenseiter bist und bleibst. Für mich gehört das Erlernen der Sprache daher einfach dazu, denn so komme ich näher zur Stadt und zum Land - und umgekehrt genauso. Mit unserer Waschfrau unterhalte ich mich jeden Tag und weiß, was sie gestern gekocht hat. Das ist ja schon einmal etwas.

Am 2. Spieltag wurde Pokalsieger Honved besiegt, nach einem sehr ordentlichen Start wurden Sie als "Trainer des Monats August" in Ungarn ausgezeichnet. Wie blicken Sie in die Zukunft: Sehen Sie sich da weiterhin in der Rolle des Talenteentwicklers?

Boris: Wir haben hier eine sehr gute Akademie, viele Spieler sind Jugend-Nationalspieler. Der Verein will dieses Faustpfand nutzen, um sie weiterzuentwickeln, in den eigenen Reihen zu behalten oder mit ihnen Einnahmen zu generieren. Das ist ja auch nicht verwerflich, denn die Plätze im Profikader sind begrenzt und was sollen wir sonst mit ihnen machen, wenn sie gut genug sind, um für uns zu spielen? Ich habe hier noch einen Vertrag über drei Jahre. Wenn ich meine Spieler voranbringen kann und sie mit mir älter werden, sind sie auch irgendwann gestandene Akteure. Nächstes Jahr wollen wir unseren Kader dann idealerweise punktuell um zwei oder drei erfahrenere Spieler ergänzen und nicht mehr nur um den Klassenerhalt mitspielen, sondern ein bisschen mehr erreichen.

Boris über Trainerarmt bei Ungarns U21: "Bevor du nichts zu tun hast ..."

Sie haben Ihren Vertrag kurz vor der Saison verlängert. Würde es Sie auch reizen, mittelfristig wieder als Trainer in Deutschland zu arbeiten?

Boris: Ich fühle mich in Ungarn sehr wohl, erfahre hier eine hohe Wertschätzung und kann mir durchaus vorstellen, hier längerfristig zu bleiben. Natürlich bleiben das deutschsprachige Ausland und Deutschland mittelfristig für mich interessant. Da mir inzwischen der Schritt in den Profifußball gelungen ist, ist es mir jedoch wichtig, unabhängig vom Land in diesem Bereich bleiben.

2016 haben Sie Ihre ersten beruflichen Schritte in Ungarn gemacht und wurden nach Stationen in Lotte und beim KFC Uerdingen Trainer der ungarischen U19-Nationalmannschaft. Wie kam es zu diesem doch auch ungewöhnlichen Schritt?

Boris: Der damalige Leiter der DFB-Trainerausbildung Frank Wormuth fragte mich, ob ich mir vorstellen kann, im Ausland zu arbeiten. Und ich konnte. Bernd Storck war Ungarns Nationaltrainer und suchte einen Coach für die U19. Ich habe die Mannschaft dann im März 2017 in die Eliterunde, die Qualifikationsrunde für die U19-EM, geführt.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie auch schon ungarischer U21-Trainer. Dieses Amt übten Sie ab Januar 2017 aus.

Boris: Richtig. Ich habe die U19 nur noch im März für dieses eine Turnier betreut. In Ungarn wird gerne improvisiert. Wenn ein Co-Trainer für die U15 benötigt wurde, hat das auch mal der U19-Chefcoach für ein paar Tage gemacht. Es sind ja insgesamt recht wenige Lehrgänge und Trainingseinheiten pro Mannschaft. Bei der U21 stand damals ein EM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein vor der Tür, doch es gab keinen Cheftrainer. Dann hieß es zu mir: Bevor du nichts zu tun hast, kannst du auch noch die U21 machen. Wir haben das Spiel dann 4:0 gewonnen und so nahmen die Dinge eben ihren Lauf. (lacht)

Ihre Arbeit als U21-Trainer nahm man in Deutschland kurz wahr, als Sie mit Ungarn ein Testspiel gegen den amtierenden Europameister gewannen, der unter anderem mit Luca Waldschmidt, Lukas Klostermann, Thilo Kehrer, Alexander Nübel und Jonathan Tah prominent besetzt antrat.

Boris: Wir waren an diesem Tag einfach besser. Wir sind in einer guten Verfassung angereist, haben ein wenig über unseren Möglichkeiten gespielt und plötzlich gewinnt man 2:1. Man muss allerdings auch wissen: Die 1. Liga Ungarns ist mit der 2. Liga in Deutschland durchaus vergleichbar. Wenn also ein Spieler in jungem Alter schon 100 Erstligaspiele auf dem Buckel hat, spricht das für Qualität.

Nach zweieinhalb Jahren beim Verband wechselten Sie im Januar 2019 plötzlich als Co-Trainer zu Tokyo Verdy in die zweite japanische Liga. Weshalb?

Boris: Die Verträge von National- sind nicht wie die von Vereinstrainern von Sommer bis Sommer datiert, sondern gehen nach Altersklassen und damit nach Kalenderjahren. Mein Vertrag lief daher Ende 2018 aus und ich stellte mir die Frage, wie es für mich weitergehen soll. Ich wollte unbedingt nahtlos weiter arbeiten und nicht darauf warten, dass irgendwo ein Kollege entlassen wird. Und dann gibt es mit Nordamerika und Asien eigentlich nur zwei Regionen, die in Frage kommen, da dort die Ligen im Januar beginnen. Schließlich erhielt ich diese Anfrage aus Japan.

Michael Boris: Seine Karrierestationen als Trainer

VereinJahr
Kickers Emden (Co-Trainer)2004-2007
VfB Homburg2007-2008
TSV Germania Windeck2008-2010
FC Schalke 04 II2010-2011
Sportfreunde Siegen2011-2014
Sportfreunde Lotte2014
Sportfreunde Siegen2014-2015
KFC Uerdingen 052015-2016
Ungarn U192016-2017
Ungarn U212016-2019
Tokyo Verdy (Co-Trainer)2019
MTK Budapestseit 2019
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