Fussball

Domenico Tedesco im Interview: "Hey, was ist da los? Bitte schau den Stürmer an, das ist wichtig"

Domenico Tedesco ist seit letzten Oktober Cheftrainer bei Spartak Moskau.

Domenico Tedesco ist seit Oktober 2019 Cheftrainer bei Spartak Moskau. Bevor am kommenden Wochenende auch die russische Liga nach der Coronapause einen Restart wagt, nahm sich der 34-Jährige Zeit für ein Interview mit SPOX und Goal. Herausgekommen ist ein offenes Gespräch über Tedescos Werdegang, einen besonderen Schalke-Moment und taktische Prinzipien.

Tedesco schwärmt außerdem von Ex-Schützling Leon Goretzka, einem Besuch bei Juve und er verrät, warum er dank Andre Schürrle im Privat-Jet landete.

Herr Tedesco, sind Sie immer noch so ein leidenschaftlicher Fußballmanager-Fan?

Domenico Tedesco: (lacht) Ich bin immer noch Fan, aber leider fehlt mir inzwischen so ein bisschen die Zeit dafür. Ich habe es lange intensiv gespielt. Als ich Schalke-Trainer war, habe ich nur Schalker Spieler gekauft, um mich selbst ein wenig unter Druck zu setzen. Ich hatte komplett Schalke im Managerspiel. Im ersten Jahr ging die Strategie auch gut auf, da habe ich am Wochenende schön Punkte gesammelt. Im zweiten Jahr sah es dann leider etwas anders aus. Mein Problem war auch, dass alle wussten, dass ich die Schalker haben will, wenn sie auf den Markt kamen. Allen war klar: Der Tedesco zahlt eh nochmal zwei Millionen mehr, da musste ich viel blechen für die Spieler.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits Schalke trainiert und zur Vizemeisterschaft geführt, aktuell trainieren Sie Spartak Moskau. Es war aber nicht immer klar, dass Sie so eine erfolgreiche Karriere starten werden.

Tedesco: Nein, ich bin in einfachen Verhältnissen groß geworden. Mein Vater kam in den Achtzigerjahren als Gastarbeiter aus Kalabrien nach Deutschland und hat als Drucker bei einer Zeitung gearbeitet. Da war ich zwei Jahre alt. Wir waren eine fünfköpfige Familie mit einem Vater als Alleinverdiener. Natürlich hatten wir so mit Luxus nichts am Hut, wir mussten den Gürtel etwas enger schnallen. Trotzdem hatte ich eine tolle Kindheit. Meine Eltern haben alles dafür getan, dass es uns Kindern gut ging. Sie haben ihr letztes Hemd für uns gegeben. Dafür werde ich ihnen auch ewig dankbar sein.

Domenico Tedesco: "Baggio und Del Piero waren meinen großen Idole"

Wann ist der Fußball ins Familienleben getreten?

Tedesco: Sehr früh. In der Wohnung schon. Der Kleiderschrank war unser Tor, aber meistens haben wir Lampen oder Bilder getroffen. Wir haben in der Wohnung draufgerotzt wie die Wilden. Wenn ich darüber spreche, höre ich jetzt noch meine schimpfenden Eltern. Wir haben echt alles kaputtgeschossen. Gerade mein jüngerer Bruder hatte einen guten linken Huf.

Ihr Bruder Umberto soll der talentierteste gewesen sein in der Familie, bei Ihnen hat es dagegen nie für mehr als die Landesliga gereicht.

Tedesco: Es stimmt: Mein Bruder war der bessere Kicker, das muss ich ihm zugestehen. Mir ging es vor allem um den Spaß, wenn ich auf dem Bolzplatz herumgerannt bin. Ich wollte so sein wie Roberto Baggio. Und später wie Alessandro del Piero. Das waren meine großen Idole bei Juve, ich habe es geliebt, ihnen zuzuschauen.

Sie sollen so viel Fußball gespielt haben, dass Sie in der Schule deshalb eine Niete waren.

Tedesco: Einspruch, das ist so nicht korrekt. (lacht) Ich bin zwar nach der Schule und einem kurzen Mittagessen sofort auf den Bolzplatz, meistens bis es dunkel wurde, aber ich war trotzdem nicht so schlecht in der Schule. Ich habe zwar nicht viel gelernt, aber mein Schnitt hätte gereicht, um aufs Gymnasium zu gehen. Wir haben uns dann aber für den Weg auf die Realschule entschieden, ich wollte lieber dort ein guter Schüler sein, als auf dem Gymi eventuell Probleme zu bekommen. Nach der Realschule habe ich eine kaufmännische Lehre bei einem kleinen Betrieb gemacht, das Fachabitur nachgeholt und dann Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Irgendwann hat es Klick gemacht und ich habe angefangen, mehr in die Ausbildung zu investieren und mich darauf zu fokussieren, ab diesem Zeitpunkt lief es top.

Domenico Tedesco: "Kinder dürfen keine Passmaschinen werden"

Neben dem Studium haben Sie in die Autoindustrie reingeschnuppert und danach bei einem Daimler-Zulieferer angefangen. Was war das für eine Zeit?

Tedesco: Eine sehr lehrreiche. Ich habe alles Mögliche gemacht. Ich habe im Lager Abgasanlagen in Regale eingeräumt und mich später mit Motoren und Fahrkomfort beschäftigt. Aber das Wichtigste war die Arbeit in der Gruppe. Auch dort musst du zuhören können, du musst viel miteinander sprechen und bist auf andere Menschen angewiesen. Ich profitiere heute noch von dieser Zeit.

Der Fußball hat Sie in der ganzen Zeit immer begleitet. Sie fingen an, Jugendmannschaften in Ihrem Dorfverein zu trainieren.

Tedesco: Ich habe unglaublich viel Fußball geschaut. Barca, Ajax, Bayern, Inter - ich habe jedes Spiel gesehen und versucht, das mit meinen Jungs umzusetzen. Ich habe natürlich Pep Guardiola und das Passspiel bei Barca bewundert und noch lebhaft in Erinnerung. Ich habe versucht, den Kindern Spaß zu vermitteln, aber auf der anderen Seite auch zu verhindern, dass sie zu Passmaschinen werden. Kinder dürfen keine Passmaschinen werden - sie müssen den Freiraum zur Entfaltung bekommen. Das ist extrem wichtig. Ich habe auch die Teams von Jose Mourinho geschätzt. Seine Mannschaften haben Spiele über Konter dominiert. Und seine Spieler sind immer für ihn durchs Feuer. Das hat mir imponiert.

Wie sind Sie in der Folge Jugendtrainer beim VfB Stuttgart geworden?

Tedesco: Ich habe mich einfach blind beworben.

So einfach geht das?

Tedesco: Ich hatte den Vorteil, jemanden beim VfB zu kennen, es bestand also ein gewisser Kontakt. Ich habe gefragt, ob es irgendeine Möglichkeit geben würde und zwei Wochen später ergab sich die Option, als Co-Trainer bei der U9 einzusteigen. Daraus sind dann neun Jahre VfB-Jugend geworden. Das war phasenweise eine brutale Zeit. Ich habe zu dem Zeitpunkt ja noch studiert. Ich war bis um 15 Uhr in Vorlesungen und musste dann irgendwie am Nachmittag zum Training in Cannstatt sein. Und an jedem Wochenende haben wir mit den Jungs Turniere gespielt. Mit Feiern war da gar nichts.

Domenico Tedesco über Meilensteine als Jugendtrainer: "Der 2000er-Jahrgang des VfB ist wirklich herausragend"

Was interessant ist: Aus der U9, bei der Sie damals beim VfB anfingen, wurde in der vergangenen Saison die so starke U19, die den DFB-Pokal der Junioren gewann und auch die deutsche Meisterschaft nur knapp verpasste. Was haben Sie da für Erinnerungen?

Tedesco: Der 2000er-Jahrgang des VfB ist wirklich herausragend. Es ist so unglaublich schwierig, überhaupt einen von der U9 bis in die U19 hochzukriegen, geschweige denn zu den Profis, aber ich hatte in der U9 einige Jungs, die es weit gebracht haben. Florian Kleinhansl oder Eric Hottmann zum Beispiel, Luca Mack kam dann in der U13 dazu. Nach der Co-Trainer-Zeit bei der U9 war ich Chef der U10, Co der U11 und dann Chef der U13. Es ist krass, wie die Zeit verflogen ist. Ich sehe die Jungs immer noch als 9-Jährige vor meinen Augen auf dem Platz herumflitzen. Ich weiß auch noch, wie wir mit der U13 ein super besetztes Turnier in Neubrandenburg gewonnen haben. Oder wie wir es mit der U17 ins Finale geschaffte haben und erst von einem ziemlich irre besetzten BVB eins drüber bekommen haben.

0:4 und beim BVB unter Hannes Wolf spielten Jungs wie Christian Pulisic, Jacob Bruun Larsen oder Felix Passlack.

Tedesco: Da ging nicht viel. Aber es war trotzdem ein großer Erfolg. Wenn ich an meine Zeit beim VfB und auch danach in Hoffenheim denke: Viele sprechen natürlich über Aue und vor allem Schalke, aber ganz ehrlich: Diese Momente in der Jugend, angefangen von der U9, waren für mich ganz große persönliche Meilensteine und Erfolge, sie bedeuten mir enorm viel.

Sie sprechen Aue an. Erzgebirge Aue steckte 2017 tief im Abstiegskampf und ging das Risiko ein, einen 31-jährigen U19-Coach aus Hoffenheim als Retter zu holen. Präsident Helge Leonhardt sprach damals davon, Sie zu seinem Offizier zu machen.

Tedesco: (lacht) Ein typischer Helge Leonhardt. Ganz Deutschland kennt ja seine Sprüche. Er ist ein super Typ, alle Spieler lieben und schätzen ihn. Ich wusste schon im ersten Vorstellungsgespräch: Für diesen Präsidenten würde ich gerne arbeiten. Die Zeit in Aue war der Wahnsinn. Es hat alles gepasst. Wir hatten mit Christian Tiffert einen Leader, der nicht nur als Spieler, sondern vor allem als Captain überragend war. Er ist vorneweg marschiert, ohne viele Worte zu verlieren. Aber wenn er etwas gesagt hat, hat es gesessen. Wir hatten Pascal Köpke und Dimitrij Nazarov im Sturm, die marschiert sind. Wir hatten einen Clemens Fandrich auf der Sechs, der marschiert ist. Und hinten im Tor stand Martin Männel, der alles rausgezockt hat, egal wie sehr wir unter Druck standen. Ich könnte die Liste noch eine ganze Weile fortsetzen. Wir haben dran geglaubt und nach dem Sieg gegen Karlsruhe in meinem ersten Spiel einen richtigen Lauf bekommen.

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