Fussball

Als Thiago Silva in Moskau um sein Leben kämpfte: Injektionen statt Innenverteidigung

Zwischen Sommer 2004 und Frühling 2006 bestritt Thiago Silva wegen einer Tuberkulose-Erkarnkung kein einziges Profispiel.

Thiago Silva zählt zu den weltbesten Innenverteidigern des vergangenen Jahrzehnts - und das, obwohl der heute 35-jährige Brasilianer am Anfang seiner Karriere fast an Tuberkulose verstorben wäre. Die Geschichte, als der Milan- und PSG-Veteran Thiago Silva in Moskau um sein Leben kämpfte.

"Ich wachte um sechs, sieben Uhr morgens auf, bekam zwei oder drei Injektionen und viele Medikamente. Am Nachmittag gab es dann noch mehr Injektionen und zum Abendessen wieder Medikamente", erzählte Thiago Silva viele Jahre später.

Er erzählte da von einer Zeit, in der er eigentlich den Traum eines jeden fußballspielenden brasilianischen Jungen leben sollte. Von einer Zeit, als er es eigentlich schon geschafft, als er sich aus der heimischen Armut zu einem europäischen Profiklub gespielt hatte. Doch dort kämpfte er dann erst mal nicht um Pokale, sondern um sein Leben. Im Herbst 2005 war das.

Thiago Silvas Weg von Brasilien über Porto nach Moskau

Geboren in Rio de Janeiro spielte Thiago Silva als Jugendlicher mal hier und mal dort. Mit 19 Jahren gelang ihm schließlich der Durchbruch: Beim Esporte Clube Juventude aus dem Süden Brasiliens wurde der Innenverteidiger Stammspieler und gleich in seiner ersten Saison in die Mannschaft des Jahres gewählt. Im Sommer 2004 kaufte ihn der amtierende Champions-League-Sieger FC Porto für 2,5 Millionen Euro.

Ein Versprechen für die Zukunft - doch die Gegenwart wurde merkwürdig und immer merkwürdiger. Thiago Silva konnte das Tempo seiner neuen Mitspieler nicht mitgehen. Die Brust tat ihm weh, oft hatte er Fieber und noch öfter musste er husten. Trotzdem trainierte er immer weiter, zu Einsätzen für die Profimannschaft reichte es aber nicht.

Für Portos Ärzte war der junge Innenverteidiger aus dem fernen Brasilien ein Rätsel. Was stimmte nicht mit ihm? Ihre Lösung des Rätsels war keine Diagnose, sondern ein Abschub. Nach nur einem Jahr verkaufte Porto Thiago Silva an Dynamo Moskau. Noch weiter weg, aber dort traf er immerhin auf seinen ehemaligen Juventude-Trainer und brasilianischen Landsmann Ivo Wortmann.

Und viel wichtiger: Er traf auf Ärzte, die genauer hinschauten - und ihn gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus brachten. Wäre er nur etwa zwei Wochen später eingeliefert worden, so sagten sie, wäre Thiago Silva 2005 mit 20 Jahren gestorben.

Thiago Silva verbrachte ein halbes Jahr im Krankenhaus

Wie sich herausstellen sollte, litt er zu diesem Zeitpunkt an einer weit fortgeschrittenen Tuberkulose, seine Lungen standen knapp vor dem Kollaps. Anders als in Westeuropa ist die bakterielle Infektionskrankheit in Russland noch nicht weitestgehend ausgerottet. Die verantwortlichen Ärzte in Moskau verfügten also über mehr Erfahrungswerte mit der Behandlung.

Sechs Monate lang verbrachte Thiago Silva im Krankenhaus, die ersten beiden davon wegen Ansteckungsgefahr sogar in kompletter Isolation. Er ernährte sich von Injektionen und Medikamenten und einmal pro Woche schickten die Ärzte zur Lungenreinigung eine Sonde durch den Mund und eine Kamera durch die Nase.

"Irgendwann habe ich gedacht, da kommt er nicht mehr lebend raus", erzählte seine Mutter Dona Angela später. Doch Thiago Silva kämpfte und er siegte. "Es war eine schwierige Erfahrung", erinnerte er sich. "Mittlerweile rede ich wieder über Meistertitel, aber der größte Sieg meiner Karriere war der Sieg gegen die Tuberkulose."

Thiago Silvas Weg zu einem der weltbesten Innenverteidiger

Nach einem halben Jahr verließ Thiago Silva das Krankenhaus und er verließ auch Moskau. Wie für Porto hatte er auch für Dynamo kein einziges Pflichtspiel absolviert. Mit 21 kehrte er zurück nach Brasilien, wo ihm Fluminense aus seiner Heimatstadt Rio de Janeiro eine Chance gab. Wieder war es Wortmann, der ihm vertraute. Der Trainer war kurz zuvor ebenfalls von Dynamo zu Fluminense gewechselt. Zum dritten Mal arbeiteten sie nun zusammen.

Thiago Silva begann wieder zu trainieren, diesmal ohne Fieber und ohne Husten. "Ich habe Pessimismus in Willen und Verzweiflung in Entschlossenheit verwandelt", sagte er. Im April lief er wieder in einem Pflichtspiel auf, in der darauffolgenden Saison erkämpfte er sich einen Stammplatz und wurde mit Fluminense brasilianischer Pokalsieger. Sein erster großer Titel, viele weitere sollten folgen.

Kurz darauf debütierte er für die brasilianische Nationalmannschaft, dann durfte er nochmal den Traum leben und diesmal auch genießen. Im Sommer 2009 kehrte Thiago Silva nach Europa zurück und avancierte beim AC Milan und ab 2012 bei Paris Saint-Germain zu einem der weltbesten Innenverteidiger.

Thiago Silvas Karrierestationen

ZeitraumKlub
2004Esporte Clube Juventude
2004 bis 2005FC Porto
2005 bis 2006Dinamo Moskau
2006 bis 2009Fluminense
2009 bis 2012AC Milan
seit 2012Paris Saint-Germain
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