Fussball

Ortsbesuch bei Gimnasia-Trainer Diego Maradona: Gott sitzt auf dem Thron

Diego Maradona vor seinem ersten Spiel als Gimnasia-Trainer - einer 1:2-Niederlage gegen den Racing Club.

Seit September 2019 ist Diego Armando Maradona (59) - unterbrochen von zwei Tagen - Trainer des argentinischen Erstligisten Gimnasia La Plata. Er wurde empfangen wie ein Messias, sitzt während den Spielen auf einem Thron, wird von den gegnerischen Fans bejubelt und sogar die Autofahrer folgen ihm. Ein Ortsbesuch.

Ein Diego Armando Maradona sitzt natürlich nicht auf einer gewöhnlichen Trainerbank, er sitzt auf einem Thron. Weiße Lehne versehen mit seinen Initialen und dem Logo seines Arbeitgebers Gimnasia La Plata. Die Hände abgestützt auf den gepolsterten Armlehnen in blau und den Blick starr nach vorne gerichtet. Gerichtet auf das trostlose Spektakel, das sich auf dem grünen Rasen bietet.

Mitte Januar, Gimnasia bestreitet gerade sein zwölftes Ligaspiel unter Trainer Maradona. Velez Sarsfield aus dem rund 60 Kilometer nordwestlich gelegenen Buenos Aires ist zu Gast und kämpft zu diesem Zeitpunkt noch um den Titel, Gimnasia wie meist seit dem Wiederaufstieg in die Superliga 2013 gegen den Abstieg. Und das scheint beide Mannschaften zu hemmen. Torchancen oder wenigstens Strafraumszenen gibt es kaum, dafür umso mehr Fouls.

Aber geht es bei Gimnasia wirklich noch darum, was auf dem Platz passiert? Eher nicht. Bei Gimnasia dreht sich alles um den Mann auf dem Thron, um Diego Armando Maradona. Den Nationalheiligen, der die argentinische Nationalmannschaft 1986 zu ihrem zweiten Weltmeistertitel geführt hatte.

Maradona und Gimnasia: Relikte der Vergangenheit

Nachdem Maradona seinen Trainerposten beim mexikanischen Zweitligisten Dorados de Sinaloa nach einjähriger Amtszeit aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hatte, wurde er Anfang September vergangenen Jahres überraschend neuer Trainer von Gimnasia. "Ich fühle mich wie im Himmel", sagte er bei seiner Vorstellung.

Kein Wunder, wurde Maradona auch nicht wie ein irdischer Trainer empfangen, sondern wie ein göttlicher Messias. Tausende Menschen kamen zu seiner Vorstellung, es gab eine Pyroshow und gigantische Luftkissen-Installationen mit seinem Trikot. Während ihn die Fans besangen humpelte Maradona über den Platz, noch immer angeschlagen von einer Knie-Operation.

Maradona wirkte wie ein Relikt aus der Vergangenheit und passt damit ideal zu seinem neuen Verein. Gimnasia war mal wichtig, ganz früher sogar am wichtigsten. 1887 gegründet gilt der Klub als der älteste Amerikas. Zunächst wurde aber nicht Fußball gespielt, Fechten (Esgrima) und Turnen (Gimnasia) standen auf dem Programm. Daher der vollständige Vereinsname: Club de Gimnasia y Esgrima La Plata. Bald aber mischte Gimnasia auch im Fußball mit. Seine größte Zeit erlebte der Klub unter Präsident Juan Carmelo Zerillo, 1929 holte er seinen ersten und einzigen Meistertitel.

Das durchsichtige Stadion im Wald

Zu dieser Zeit wurde auch das bis heute bespielte Stadion errichtet, das mittlerweile Zerillos Namen trägt. Es steht nur wenige hundert Meter entfernt von der topmodernen Arena des deutlich erfolgreicheren Lokalrivalen Estudiantes de La Plata und bietet ein nostalgisches Kontrastprogramm.

Die kleine Haupt- und Gegentribüne mit Sitzschalen werden begrenzt von zwei riesigen unverkleideten Stehplatz-Stahlrohrtribünen, die sich von den Kurven bis weit hinein in die Längsseiten ziehen. Wer dahinter steht, kann zwischen den ansteigenden Reihen durchschauen. Man sieht die Füße der Fans, außer wenn sie hüpfen. Dann verschwinden sie immer wieder kurz, um zurückzukehren und wieder zu verschwinden.

El Bosque, der Wald, wird das rund 24.500 Fans fassende Stadion gerufen, weil es sich mitten in einem bewaldeten Park befindet. Vor dem Spiel gegen Velez herrscht hier ein reges Treiben. Ein heißer Sommertag neigt sich seinem Ende zu, allerorts duftet es nach Grillfleisch. Choripan wird verspeist, eine in Argentinien beliebte Bratwurst, umschlossen von Brot, garniert mit Salat, Gemüse und Saucen.

Den Hunger nach Maradona-Verehrung stillen die Fans mit entsprechenden Trikots, die Nummer zehn ist auf ihren Rücken omnipräsent - genau wie auf den Wänden rund um das Stadion in Form von Graffitis. Für die Spieler interessiert sich hier niemand, Trikots mit ihren Namen sieht man kaum. Nicht einmal vom prominenten Neuzugang Lucas Barrios, dem ehemaligen Stürmer von Borussia Dortmund.

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