Fussball

Karim Adeyemi: Dank Bayern-Aus und Fußballverbot zu Deutschlands großer Sturmhoffnung

Von Robin Haack

Einst beim FC Bayern aussortiert, reifte Karim Adeyemi in Unterhaching zum Unterschiedsspieler. Nun zählt er zu den größten Talenten Deutschlands.

Etwa fünf Jahre ist es her, da fuhr ein Junge auf seinem Fahrrad immer wieder auf dem Trainingsgelände der Spielvereinigung Unterhaching umher. In der Hoffnung irgendwie doch noch mittrainieren zu dürfen, fragte er die Verantwortlichen voller Sehnsucht ständig, ob er nicht einfach seine Trainingskleidung überstreifen könne, um seiner großen Leidenschaft nachzugehen. Aber für den Präsident und die Trainer war klar: Solange sich der Heranwachsende in der Schule nicht verbessert, ist Trainingspause angesagt.

Der pädagogische Ansatz, den die Hachinger bei dem damals 12-Jährigen an den Tag legten, war vorbildlich und längst nicht selbstverständlich - tat dem Verein in diesem Fall aber besonders weh. Denn bei dem Jungen handelte es sich um Karim Adeyemi, dem vielleicht größten Talent, das je für den Ex-Bundesligisten spielte.

Hört man sich heute beim Münchner Vorortklub um, hat fast jeder eine Geschichte über den heute 17-jährigen Juniorennationalspieler auf Lager, der längst beim FC Liefering in Österreich auf Torejagd geht. So erzählt Präsident Manfred Schwabl besonders gern vom Merkur Cup 2013 - dem größten U11-Turnier der Welt, eine Art Champions League für E-Jugendliche.

Nach Pizza-Deal: Karim Adeyemi überragt schon in der U11

Am Tag vor der Finalrunde des internationalen Turniers traf er den damals 11-jährigen Adeyemi im Biergarten und lud ihn auf eine Pizza ein. "Damals sagte ich zu ihm: 'Wir machen einen Deal. Ich bezahle dir die Pizza und du schießt morgen 1860 und den FC Bayern ab'", erinnert er sich im Gespräch mit SPOX und Goal.

Und es kam, wie es kommen musste. Adeyemi überragte in den Spielen gegen die beiden Münchner Rivalen und "hat die Veranstaltung ganz allein gerockt", wie der Präsident stolz erzählt. Der Münchner Merkur veröffentlichte im Lokalsport am folgenden Tag das Bild des jubelnden Adeyemi. Nach einem Treffer gegen den FC Bayern hatte er sein Trikot ausgezogen und seinen Emotionen über den Erfolg freien Lauf gelassen. "Fast wie Mario Balotelli", formulierte die Zeitung damals.

"Sportlich war mir ab diesem Zeitpunkt völlig klar, dass er Profi werden kann", sagt Präsident Schwabl, der als Aktiver selbst 303-mal für den FC Bayern, den 1. FC Nürnberg und 1860 München in der Bundesliga auflief und es sogar auf vier Länderspiele für den DFB brachte. Für den heute 53-Jährigen stand fest, "dass man die Karriere des Jungen nur noch verhindern kann, wenn er sich verletzt oder, wenn wir ihn persönlich nicht hinbekommen."

Hallodri Adeyemi: Leichtfertig in der Schule, Aus beim FCB

Vor allem die Persönlichkeitsentwicklung des talentierten Offensivspielers lag Schwabl sehr am Herzen, weshalb er sich seiner Probleme annahm. Denn Adeyemi war ein Hallodri, wie man in Bayern sagen würde. Ein junger, unbeschwerter, aber zeitweise auch unzuverlässiger Kerl, als er bei Unterhaching immer mehr zum Ausnahmespieler wurde.

Aufgrund dieser Nachlässigkeiten gab es Zeiten, in denen der Präsident regelmäßig in Adeyemis Schule war, um mit dem Rektor oder den Lehrern über sein Verhalten zu sprechen. "Er hat keineswegs nur Schmarrn gemacht", bekräftigt Schwabl. "Aber er hat sich gesagt: 'Schule interessiert mich nur am Rande. Ich werde sowieso Fußballprofi.' Beim Schulsport hat er seine Sportkleidung vergessen, im Mathe-Unterricht sein Geodreieck - es waren kleine Nachlässigkeiten."

Wegen solcher Nachlässigkeiten, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit hatte er in frühsten Jugendtagen schon Probleme beim FC Bayern. Denn noch bevor er in Unterhaching für Furore sorgte, erkannte der Rekordmeister Adeyemis Talent. Wie so viele Kinder fiel er in der Akademie der Münchner allerdings durchs Raster.

Karim Adeyemi: Fußballverbot als Wegweiser

Für den jungen Karim damals ein harter Schlag, rückblickend allerdings ein Segen. Anders als beim FC Bayern war Adeyemi in Unterhaching nicht nur eines von vielen Top-Talenten, sondern genoss eine Art Sonderbehandlung - vor allem durch Präsident Schwabl, der gern betont, dass er "ganz genau draufgeschaut" hat, wenn es um die Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen ging. "Karims Vater sagte mir mal: 'Etwas Besseres, als beim FC Bayern aussortiert zu werden, hätte rückblickend nicht passieren können."

In enger Zusammenarbeit mit Adeyemis Eltern beschloss Schwabl, den Teenager sportlich zu bestrafen, wenn es in der Schule nicht gut lief. Unabhängig von der Aussicht auf mögliche Aufstiege im Jugendbereich wurde zwischenzeitlich eine Art Fußballverbot gegen Karim verhängt. Zum Leidwesen seiner Trainer durfte er zwischenzeitlich weder mittrainieren, noch spielen.

Immer wieder fuhr Adeyemi zwar mit seinem Fahrrad die Strecke von der Wohnung seiner Eltern bis zum Sportpark und fühlte beim Präsidenten und den Trainern vor, doch die blieben hart. "Damals haben wir ihn angestachelt" erinnert sich Schwabl. Denn dem fußballverrückten Jungen erzählte man, dass sich sein Ersatz in seiner Abwesenheit ganz prächtig entwickeln würde. Mit der Angst, seinen Stammplatz zu verlieren, hing er sich in der Schule plötzlich rein und ein neuer Ehrgeiz wurde entfacht.

"Coach, bleiben Sie ganz ruhig, ich regle das"

"Wenige Wochen später bekamen wir die Rückmeldung aus der Schule, dass Karim zum Musterschüler wird, immer zuvorkommend ist und seinen Mitschülern stets hilft", erzählt der Präsident mit einem Lachen. Und von diesem Zeitpunkt an nahm die Entwicklung des Stürmers rasant an Fahrt auf.

Als Jungjahrgang spielte er in Haching stets mit den Älteren und auch dort lief er seinen Gegenspielern davon. "Er war manchmal ein kleiner Schlawiner", erinnert sich sein ehemaliger U17-Trainer Ognjen Zaric im Gespräch mit SPOX und Goal zurück. "Der Schlüssel war damals, dass wir ihm schnell viel Verantwortung in der Mannschaft übertragen haben." Statt nur für seine eigenen Leistungen war Adeyemi als jüngster Spieler unter Zaric auch für eine gewisse Mannschaftsführung verantwortlich. "Das hat ihm sehr gutgetan", erinnert sich der 30-jährige Österreicher, der inzwischen als Profi-Trainer den FC Kufstein betreut.

Wie Adeyemi schon mit 15 voranging, zeigt exemplarisch das U17-Meisterschaftsspiel zwischen Unterhaching und dem 1. FC Heidenheim. Beim Stand von 0:0 musste ein Hachinger mit Gelb-Rot vom Feld. "Als wir in der Kabine waren, ergriff Karim plötzlich das Wort und sagte: 'Coach, bleiben Sie ganz ruhig, ich regle das'", erinnert sich Zaric. "Im Endeffekt haben wir das Spiel mit 2:0 gewonnen und Karim hat nach tollen Solos beide Tore erzielt."

Karim Adeyemi: RB Salzburg statt Liverpool oder Chelsea

Nach nur 15 Einsätzen - und 15 Toren - in der U17 wurde Adeyemi nach der Hinrunde in die U19 hochgezogen und fortan von nahezu allen europäischen Top-Klubs gejagt. "Im Januar 2018 hat Chelsea angefragt und ich bin zusammen mit Karim und seinem Vater nach London geflogen", verrät Unterhachings Präsident. Dort durfte sich das hochgelobte Offensivtalent alles anschauen und eine Woche lang mit der U17 des Premier-League-Giganten trainieren. "Später hat auch Liverpool angefragt, wo ich dann allein mit seinem Vater hingeflogen bin. Im Frühjahr auch RB Leipzig."

Da Adeyemi damals keinen Berater hatte und Schwabl inzwischen ein Freund der Familie geworden ist, unterstützte der Ex-Nationalspieler Karim und seine Eltern als eine Art Mentor. Wichtig in der Wahl des Vereins war für alle Beteiligten, dass er weiterhin Bindung zu seinem familiären Umfeld hat. "Und dann kam Red Bull Salzburg mit dem Angebot", sagt Schwabl.

Anders als in Deutschland ist es in Österreich möglich, schon mit 16 Männerfußball zu spielen. "Es war für ihn wie ein Sechser im Lotto", sagt Schwabl. "Wir wussten, dass er körperlich schon so weit war. Was soll er denn in der U19-Bundesliga? Das ist Kindergeburtstag und hat nichts mit Männerfußball zu tun."

BVB und Barcelona angeblich mit Interesse an Karim Adeyemi

Für eine Hachinger Rekordablöse (wohl rund 3,35 Millionen Euro) unterschrieb Adeyemi im Sommer 2018 schließlich in Salzburg und spielt seitdem für Farmteam FC Liefering in der zweiten österreichischen Liga. Und obwohl die Mannschaft im Tabellenkeller steht, konnte der deutsche U18-Nationalspieler in der laufenden Saison bereits acht Tore und sieben Assists in 13 Spielen beisteuern.

Nicht umsonst wurde er vor wenigen Monaten vom DFB mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille in der Altersklasse der U17-Spieler ausgezeichnet und wird erneut von zahlreichen Top-Klubs gejagt. Der FC Barcelona soll jüngst 15 Millionen Euro für die Dienste des Stürmers geboten haben, auch der BVB soll ihn als potenziellen Nachfolger für Jadon Sancho im Blick haben.

Statt den Lockrufen der ganz Großen zu folgen, geht es für Adeyemi wohl schon bald zu den Erstligaprofis von Red Bull Salzburg. "Ich glaube, im Winter werden sie ihn hochziehen", sagt Schwabl. "Dann hat er alle Möglichkeiten. Vom Gefühl her könnte er schon in anderthalb Jahren reif für die Premier League sein."

"Bodenständig zu bleiben, ist die wahre Kunst"

Dass es Adeyemi so weit geschafft hat und mit seinem Tempo, seiner Unbekümmertheit und seiner Abschlussstärke inzwischen tatsächlich eine der größten Sturmhoffnungen im deutschen Fußball ist, hat er auch der Fürsorge in Unterhaching zu verdanken. Denn aus dem einstigen Hallodri ist ein gefragter, hochtalentierter aber vor allem bodenständiger junger Mann geworden. "Kicken können die Jungs alle, aber bodenständig zu bleiben, ist die wahre Kunst. Karim hat das anscheinend verstanden - was mich persönlich sehr stolz macht", schwärmt der ehemalige Bundesligaprofi.

Statt mit dem Fahrrad zum Trainingsgelände der Spielvereinigung zu fahren und dort auf die Möglichkeit zu hoffen, doch noch zu trainieren, ist Adeyemi inzwischen längst nicht mehr in der Lauerstellung, sondern wird von Scouts der Spitzenklubs belauert - womöglich bald bei RB auf europäischer Bühne. "Er ist für die Spitze geboren. Bei ihm sehe ich kein Limit", bringt es Ex-Trainer Zaric auf den Punkt.

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