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Fussball

Ihr hattet Eure Chance...

Von Alexis Menuge / Stefan Rommel
Franck Ribery fiel einst beim Probetraining in Guingamp durch
© Imago

Die Geschichte EA Guingamps ist die Geschichte eines Mannes. Noel Le Graet ist in der Bretagne eine Institution und Präsident von En Avant. Sein Klub war Heimstatt für eine ganze Reihe illustrer Welt-Stars, die Le Graet entdeckte und sie groß machte. Nur einmal täuschte sich der Patron - mit weitreichenden Folgen. Andernfalls wäre der Name Franck Ribery für immer mit Guingamp verwoben.

Noel Le Graet bekommt heute noch feuchte Augen, wenn Frankreichs Sport-Bibel "L'Equipe" aufschlägt. Die vielen Nullen machen ihm ein schlechtes Gewissen. Ihm, dem abgezockten Tausendsassa, dem Provinzfürsten aus der Bretagne.

Es war ein schöner Tag im Juli 2003, als Le Graet die unheilvollste Entscheidung seiner Karriere traf. Der 68-Jährige war Präsident des Erstligisten EA Guingamp, dem die schwere zweite Saison nach dem Aufstieg in die Ligue 1 bevorstand.

Trainer Guy Lacombe hatte ein Bürschchen aus einem Nest in Südfrankreich als Probespieler zu Gast und fragte Le Graet nach seiner Meinung. Und ob er den 20-Jährigen denn verpflichten dürfe.

Das Näschen für potentielle Stars

Der Patron hatte schließlich ein gutes Näschen für ambitionierte Spieler. Jean Pierre Papin, Vincent Candela oder Stephane Guivarc'h hatte Le Graet schon aufgespürt, später wurden sie zu Stars, Candela und Guivarc'h sogar zu Weltmeistern.

Den "Teufel aus Danzig", Andrzej Szarmach, holte Le Graet mit Hilfe potenter Sponsoren aus Auxerre in die Provinz. Szamarch war Teil der Goldenen Generation der Polen und Anfang der 80er Jahre zweimal in Folge zum besten Ausländer der französischen Liga gewählt worden.

Le Graet schickt Ribery weg

Nur dieses eine Mal sollte ihn sein Instinkt im Stich lassen. Der Daumen senkte sich, "merci, mais no", kein Bedarf. Also packte Franck Ribery seine Sachen und ward in Guingamp nie mehr gesehen.

Wenn also jetzt die Real-Madrid-Millionen durch die Gazetten Europas geistern, wird Le Graet unfreiwillig immer an Franck Ribery erinnert - und damit an die schwärzeste Stunde seines Schaffens.

Der Fußball als Kleinod in der Provinz

Guingamp ist ein 8000-Seelen-Kaff am nördlichsten Zipfel der Bretagne. Ein Städtchen, dessen spektakuläre Besonderheiten ein paar steinzeitliche Hinkelsteine und die Partnerschaft mit dem Sankt-Pius-Gymnasium Coesfeld sind.

Da ist es nur verständlich, dass der ansässige Fußball-Klub die erste Adresse im Ort ist. En Avant macht Guingamp bekannt. So wie die Spielvereinigung die Stadt Unterhaching oder 1899 das Kleinod Hoffenheim.

Hamburg zu Gast im Betonklotz

Und jetzt wird Noel Le Graets Schätzchen vielleicht auch in Europa bekannt. Zumindest aber in Hamburg. Der HSV muss in der Playoff-Runde zur Gruppenphase der neu gegründeten Europa League beim französischen Zweitligisten ran (ab 18.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Und er wird sich dabei vorkommen, wie auf einem Ausflug in die Vergangenheit des Fußballs. 16.000 Fans fasst das Stade du Roudourou bei internationalen Spielen, was gutem deutschen Zweitliga-Standard entspricht. Das war es dann aber auch schon.

Das Stadion ist trotz seines noch recht jungen Alters - Eröffnung war im Jahr 1990 - an vielen Ecken baufällig und entspricht bei harter Regelauslegung nicht den UEFA-Standards. Roudourou ist nicht mehr als ein schmuckloser Betonklotz.

Erinnerungen an Inter Mailand

Vor 13 Jahren konnten sich die Stars von Inter Mailand ein Bild davon machen, als EA in der Vorrunde des UEFA-Cups auf Giuseppe Bergomi, Ivan Zamorano oder Nicola Berti traf. Nach dem Abschlusstraining im Roudourou fragte Javier Zanetti: "Und wo ist jetzt das Stadion, in dem wir morgen spielen?"

Zanetti und Kollegen wurden aufgeklärt und siegten 24 Stunden später locker mit 3:0. Das jähe Ende des ersten Europa-Abenteuers für Guingamp.

Die Sache mit Didier Drogba

In den Jahren danach dümpelte EA in der Zweitklassigkeit, ehe 2000 der Wiederaufstieg in die Ligue 1 gelang. Le Graet übernahm 2002 die Geschicke des Vereins. Sein ganzes Leben hatte er bis dahin schon in Guingamp und für EA verbracht.

Als amtierender Bürgermeister und Besitzer eines Feinkosthandels mit Spezialitäten der Region war es eine Selbstverständlichkeit, dass er nun auch das Aushängeschild übernehmen würde.

In seiner Amtszeit entwickelte sich nach Guivarc'h, Candela und Papin die nächste Generation zu Weltstars. Florent Malouda und Didier Drogba machten sich von Guingamp aus auf in die weite Fußball-Welt.

Mit Drogba hatte es sich Le Graet im Zuge des Ribery-Desasters ebenfalls verscherzt. Der Ivorer hatte sich öffentlich für Ribery stark gemacht und war nach dessen Nichtberücksichtigung so verärgert, dass er EA im Streit hals über kopf verließ und bei Olympique Marseille anheuerte.

Ribery: "Sie bereuen ihre Entscheidung"

EA Guingamp hatte durchaus seine Chancen und es ist ein zynischer Schlag des Schicksals, dass der größte Fan und Förderer des Klubs dafür verantwortlich war, dass die größten davon ungenutzt blieben.

So steht bis heute in der Liga als beste Platzierung ein siebter Rang und ein einziger Titel, der Pokaltriumph in diesem Sommer. Der ermöglicht immerhin die Teilnahme an der Qualifikationsrunde zur Europa League. Und damit ein paar Euro Zusatzeinnahmen.

Ein paar Millionen hätten es damals im Zuge eines Weiterverkaufs von Franck Ribery sein können.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass die Verantwortlichen heute Ihre Entscheidung bereuen. Hätten Sie es gewusst, dass ich diesen Weg gehen würde, hätten Sie sich sicherlich anders entschieden", sagt Ribery im Rückblick. "Aber so kann ich nur sagen: Pech gehabt."

Die Europa-League-Playoffs im Überblick

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