Fussball

Trainer Sebastian Hoeneß vom FC Bayern II im Interview: Kevin-Prince? "Das hat ihm die eine oder andere blutige Nase beschert"

Von Dennis Melzer
Sebastian Hoeneß ist seit Sommer 2019 Trainer von Bayern München II.

Sebastian Hoeneß übernahm im Sommer als Trainer bei Bayern II. SPOX und Goal sprachen mit ihm über seinen Werdegang, Talentförderung und Kevin-Prince Boateng.

Im Münchner Norden steht es, eines der größten Prestigeobjekte des FC Bayern: Das 2017 fertiggestellte Nachwuchsleistungszentrum, das gemeinhin als "Campus" bekannt ist.

SPOX und Goal trafen sich dort an einem sonnigen Wintertag mit einem Mann, der seit Eröffnung des modernen Komplexes zu den Protagonisten zählt: Sebastian Hoeneß, ehemaliger U19-Trainer und seit dieser Saison Coach der FCB-Zweitvertretung.

Der 37-Jährige wechselte im Sommer 2017 aus der Jugendabteilung von RB Leipzig in die bayrische Landeshauptstadt, um die ambitionierten Zukunftspläne des Rekordmeisters mit voranzutreiben. Im Interview spricht er über seinen Werdegang, seine Hospitanz bei Thomas Tuchel und Pep Guardiola, die anfänglichen Vorbehalte seines Onkels gegen ein Bayern-Engagement, Hermann Gerlands Überzeugungsarbeit und die ersten Monate als Coach im Herrenfußball.

Zudem verrät er, was er seinem ehemaligen Hertha-Mitspieler Kevin-Prince Boateng mit auf den Weg gab, bewertet den Senkrechtstart von Alphonso Davies und schildert welches Rüstzeug junge Spieler für eine erfolgreiche Karriere mitbringen sollten.

Herr Hoeneß, Sie haben selbst aktiv Fußball gespielt. Warum ging es nicht über die Regionalliga hinaus?

Sebastian Hoeneß: Das ist relativ einfach zu erklären. Als ich 2006 von der zweiten Mannschaft von Hertha BSC zu Hoffenheim gewechselt bin, war ich verletzt und konnte erst kurz vor Saisonstart ins Training einsteigen. Trotzdem hat Ralf Rangnick mich sofort von Beginn an spielen lassen. Ich habe es in den Spielen, in denen ich eingesetzt wurde, aber versäumt, entsprechende Leistungen zu zeigen. Um das große Ziel, den Aufstieg, zu erreichen, wurden für meine Position neue Spieler verpflichtet. Das waren damals sehr schmerzliche, aber rückblickend auch gute Erfahrungen für mich.

Inwiefern?

Hoeneß: Nachdem es in Hoffenheim nicht geklappt hat, bin ich zurück nach Berlin gewechselt und habe für mich entschieden, dass ich mit 25 Jahren nicht zwingend noch eine Karriere als Zweitligaspieler anstreben muss. Das war für mich keine Option. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie es weitergehen könnte.

Bei der Hertha haben Sie mit dem jungen Kevin-Prince Boateng zusammengespielt. Wie haben Sie ihn damals kennengelernt?

Hoeneß: Ich habe nie mit einem talentierteren Spieler gemeinsam auf dem Platz gestanden. Er war im Gesamtpaket außergewöhnlich und damals schon ein verrückter Hund, extrem selbstbewusst. Er hat sich um nichts geschert, was ihm sicherlich die eine oder andere blutige Nase beschert hat. Aber genau das war eine seiner großen Stärken. Er wusste, was er kann und hat Verantwortung übernommen.

An welches besondere Erlebnis erinnern Sie sich, wenn Sie an Boateng denken?

Hoeneß: Ich war ein paar Jahre älter als er. Ich weiß noch, wie ich ihm mal gesagt habe: 'Kevin, bei dir geht es nicht darum, ob du irgendwann einmal Profi wirst, vor vielen Zuschauern spielst und viel Geld verdienst - bei dir geht es nicht darum, ob du vor 70.000 oder 20.000 Zuschauern spielst, bei dir geht es nur darum, ob du Titel gewinnst oder einfach nur mitspielst.' Anfangs bestand tatsächlich die Gefahr, dass er es nicht ganz zur absoluten Spitze schafft. Dann hat es aber Klick gemacht und er hat Titel gewonnen. Darüber freue ich mich.

Sie haben also schon damals trainerartig agiert. Wann haben Sie entschieden, eine dahingehende Laufbahn einzuschlagen?

Hoeneß: Das hat sich im Laufe der Zeit ergeben. Es war nicht so, dass ich eines Tages aufgewacht bin und plötzlich Trainer werden wollte. Als ich nach Berlin zurückgekehrt bin, war ich Kapitän der zweiten Mannschaft. Da entwickelt man ein neues Verantwortungsbewusstsein und erhält einen differenzierten Blick, weil man sich auch um das Team mitkümmern muss. Man macht sich mehr Gedanken, wie der Trainer tickt und hat einen größeren Austausch mit ihm. Es war für mich immer klar, dass ich etwas mit Fußball machen möchte, weil der Fußball meine Leidenschaft ist. Zwischen dem Ende meiner aktiven Laufbahn und meiner ersten Trainerstation hatte ich ein Jahr Zeit, um herauszufinden, was die Zukunft bringen soll. In diesem Jahr habe ich dann hospitiert und mich weitergebildet. Da hat sich der Wunsch, Trainer zu werden, verfestigt.

Sebastian Hoeneß: "Unfassbare Besessenheit" bei Pep Guardiola

Sie haben bei Huub Stevens, Thomas Tuchel und Pep Guardiola hospitiert. Was nimmt man von solchen Trainern mit?

Hoeneß: Ich habe bei allen jeweils nur eine Woche Eindrücke sammeln können. Ich habe mir vor allem Inspiration geholt und unterschiedliche Persönlichkeiten kennengelernt. Ich kannte Huub Stevens zum Beispiel noch aus Berliner Zeiten. Er ist eine Autoritätsperson und hat ein großes Herz. Es hat mir immer imponiert, wie er mit den Spielern umgegangen ist. Thomas Tuchel fand ich einfach spannend. Ich habe früh gespürt, dass er ein junger Trainer ist, der eine neue Philosophie vertritt. Ich wollte unbedingt bei ihm zuschauen und hatte dann die Möglichkeit, ein längeres Gespräch mit ihm zu führen.

Was kam dabei heraus?

Hoeneß: Da hat sich einerseits gezeigt, dass wir fußballerisch ganz ähnliche Gedanken haben, andererseits aber auch die gleichen Zweifel in bestimmten Bereichen hegen. Ansonsten war ich einfach nur Trainingsbeobachter und habe den Fokus auf taktische Aspekte gerichtet.

Und wie haben Sie Guardiola erlebt?

Hoeneß: Bei ihm ist mir besonders diese unfassbare Besessenheit in Erinnerung geblieben, sich über Fußball austauschen zu wollen. Ich saß mit ihm zusammen und er hat sich mit mir auf Augenhöhe eine Stunde lang intensiv über Fußball unterhalten. Einfach so, weil er Lust darauf hatte. Das war für mich extrem spannend.

Dann ging es für Sie recht schnell weiter zu RB Leipzig. Wie kam der Kontakt zustande?

Hoeneß: Die Verbindung entstand über Ralf Rangnick. Trotz meiner schwierigen sportlichen Zeit in Hoffenheim, ist der Kontakt zu ihm nie abgerissen. Wir hatten weiterhin ein gutes Verhältnis. Für ihn hat die Jugendarbeit immer eine sehr wichtige Rolle gespielt und er wusste, dass ich die A-Jugend bei Hertha Zehlendorf trainiere. Er hat damals Scouts ausgesendet, die ohne mein Wissen beobachtet haben, wie ich trainiere und Spiele leite. Als klar war, dass er in Leipzig versuchen möchte, etwas aufzubauen, hat er gefragt, ob ich eine Mannschaft trainieren möchte.

Wie haben Sie Herrn Rangnick als Trainer wahrgenommen?

Hoeneß: Sehr akribisch und leidenschaftlich. Er war ungemein fleißig, strahlte damals schon eine große Erfahrung und Autorität aus. Das war beeindruckend.

Bei RB haben Sie zunächst als Scout gearbeitet. Erinnern Sie sich explizit an Spieler, die Sie empfohlen haben?

Hoeneß: Da würde ich aus aktuellen Anlass Nicolas Kühn erwähnen. Er war damals ein aufstrebendes Talent und wir konnten ihn für RB gewinnen, wo ich ihn dann in der U17 trainiert habe. Anfang 2018 ist er zu Ajax Amsterdam gewechselt und jetzt ist er mein Spieler bei den Bayern Amateuren. Ich freue mich sehr, wieder mit ihm zusammen arbeiten zu können.

Und welchen Spieler, den Sie empfohlen haben, ließ sich RB durch die Lappen gehen?

Hoeneß: Ich weiß noch, dass ich Oliver Batista Meier sehr spannend fand und ihn empfohlen habe. Aber da waren wir schon zu spät dran, stattdessen zog es ihn zum FC Bayern.

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