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Fussball

DFB-Team: Neuer, Ter Stegen - und dann? Das Land der Torhüter steht vor einem Scherbenhaufen

Von Stefan Rommel
Aktuell ist die Nationalmannschaft im Tor bestens besetzt. Aber was kommt in ein paar Jahren?

Deutsche Nationalmannschaften mögen immer ihre kleinen und großen Probleme gehabt haben - die Torhüter waren über alle Zweifel erhaben. Das könnte sich aber schon bald ändern: Nach Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen droht eine große Lücke.

Es wird nicht besonders viel geredet über die deutschen Torhüter, was damit zu tun haben könnte, dass der nette Hansi Flick bei dieser einen Sache dann doch lieber der gestrenge Hans-Dieter Flick sein will und jüngst folgendes befahl: In der Reihenfolge der deutschen Torhüter gibt es keinerlei Spielraum.

Manuel Neuer ist die Nummer eins, Marc-Andre ter Stegen die Nummer zwei, dahinter bilden Kevin Trapp und Bernd Leno bei der Nummer drei eine Art eine Doppelspitze. Thema erledigt.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde die Frage nach dem besten deutschen Torhüter und jenem, der demnach in der Nationalmannschaft das Tor bewachen sollte, überaus leidenschaftlich und kontrovers diskutiert.

Neuer oder Ter Stegen, Ter Stegen oder Neuer? Flick hat diese endlose Debatte erst gar nicht zugelassen und zumindest auf diesem Gebiet damit - vermutlich über Jahre - Ruhe geschaffen.

Es ist still geworden um Deutschlands Torhütertalente

Das Schöne aus Flicks Sicht ist, dass man mit Manuel Neuer als Nummer eins ganz hervorragend planen kann. Der Bayern-Keeper wird auf alle Fälle die WM 2022 spielen und sehr wahrscheinlich auch die Heim-EM zwei Jahre später noch in Angriff nehmen. Neuer wäre dann 38 Jahre alt. Für Feldspieler ein geradezu biblisches Alter, Torhüter aber können auch mit beinahe 40 Jahren noch Weltklasseleistungen abrufen. Der in einigen Bereichen heftig durchgeschüttelte deutsche Fußball hat also bis dahin und wenn dann vielleicht Ter Stegen übernimmt, seinen Frieden. Aber was kommt eigentlich danach?

Im Land der Torhüter ist es still geworden um die großen Talente. Weil die Talente zwar immer noch da sind, aber auch irgendwo versteckt sind. Zumindest sind sie in der Bundesliga und in der 2. Liga nicht zu sehen. Und selbst in der 3. Liga, vom Deutschen Fußball-Bund ehemals als Ausbildungsklasse des deutschen Fußballs angepriesen, ist die Dichte an jungen deutschen Torhütern erst durch die Aufstiege der Zweitvertretungen des BVB und des SC Freiburg auf ein erträgliches Maß gewachsen: Nun spielen immerhin fünf Keeper unter 23 Jahren in der dritthöchsten deutschen Spielklasse.

In der Bundesliga hat sich längst der Trend verfestigt, dass tatsächlich auch andere Nationen vernünftige Torhüter ausbilden können. Und dass diese Torhüter von den Trainern dieser Liga oft genug für besser erachtet werden als ihre deutschen Kontrahenten. Florian Müller, damals Keeper des SC Freiburg, heute für den VfB Stuttgart unterwegs, war in der vergangenen Saison der einzige deutsche Stammtorwart unter 26 Jahren in einer europäischen Topliga.

Ausländerquote hat sich versiebenfacht

Deutschlands U21 wurde im Sommer mit Finn Dahmen im Tor Europameister. Den listete der DFB bei der Bekanntgabe des Turnierkaders als Spieler der zweiten Mannschaft des FSV Mainz. Die spielt in der Regionalliga Südwest.

Dahmen ist 23, er hat in der Bundesliga bisher drei Spiele absolviert. Manuel Neuer hatte in Dahmens Alter weit über 100 Spiele auf dem Buckel, Ter Stegen ging stramm auf die 200er-Marke zu. Dass beide damals schon jahrelang Stammkeeper in ihren Klubs waren, versteht sich von selbst.

Aktuell stehen in der Bundesliga sieben ausländische Stammkeeper zwischen den Pfosten, von den ersten Fünf der Tabelle stellt nur der FC Bayern in Neuer einen Torhüter mit einem deutschen Pass. Vor zehn Jahren war die Quote ausländischer Torhüter noch verschwindend gering: Lediglich Diego Benaglio durfte in Wolfsburg Bälle halten. Alle anderen 17 Bundesligatrainer setzten auf deutsche Stammkeeper.

Der DFB muss gegensteuern

Woher kommt dieser Umschwung? Die Gründe dafür dürften zwar unterschiedlich sein, ihren Ursprung haben sie aber fast alle in den Ausbildungsprinzipien des Landes. Das Torhüterspiel hat sich in den letzten zehn Jahren noch einmal verändert und auch wenn der ehemalige Bundestorwarttrainer Andreas Köpke nicht viel mit dem Begriff des "Torspielers" anfangen konnte: Genau dahin hat sich alles bewegt. Der Torhüter ist noch mehr als früher als elfter Feldspieler gefragt, als erster Aufbauspieler, auch Organisator der Defensivreihe.

Offenbar konnte die Ausbildung in Deutschland mit dieser veränderten Aufgabenstellung nicht immer Schritt halten. Es fehlte eine ganzheitliche Sicht der Dinge und dass die Keeper stärker ins tägliche Mannschaftstraining integriert waren. Nur so ließen sich Dinge wie Passwinkel und Passschärfe im eigenen Ballbesitz und Aufbauspiel oder ein natürlicher Anlaufdruck des gegnerischen Pressings nachstellen.

Der DFB hat das mittlerweile erkannt und steuert gegen. Im Rahmen des "Projekt Zukunft" geht es auch um eine angepasste Torhüterausbildung mit den vier zentralen Eckpunkten Torwarttaktisches Verhalten, Torwarttechnik, Mannschaftstaktisches Verhalten und Persönlichkeit. Profitieren werden davon alle Torhüter, die derzeit in den Nachwuchsleistungszentren ausgebildet werden und noch (deutlich) unter 18 Jahren sind.

Für alle anderen, die angehenden Jungprofis von heute, kommen diese Maßnahmen zu spät. Und weil einige Klubs ihre U23-Mannschaften ab- oder in eine U21 umgemeldet haben, fehlt vielen Talente der sanfte Übergang vom Jugend- in den Herrenbereich. Und jede Menge Spielpraxis.

Fehlt auch die Wertschätzung für junge deutsche Torhüter?

Und wenn dann doch ein Torhüter heraussticht und Begehrlichkeiten wecken könnte in der Bundesliga, scheint die Wertschätzung nicht besonders hoch. Als Nico Mantl, Jahrgang 2000, bei der Spielvereinigung Unterhaching auffällig wurde, gab es offenbar auch eine Offerte von einem der größeren Klubs.

"Wir hatten im Sommer auch ein Angebot aus der Bundesliga. Das war unterirdisch", zürnte Haching-Boss Manni Schwabl damals. "Für so einen klasse Tormann hat man in Deutschland offenbar keine Verwendung. Das verdeutlicht noch einmal, wie es um die deutsche Nachwuchsarbeit steht. Hoffentlich wird sich der Bundesligist in ein paar Jahren ärgern, wenn er dann in der Champions League spielt."

Mantl ging im letzten Winter zu Red Bull Salzburg.

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