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Fussball

Machtkampf beim DFB: Warum Curtius trotz des Burgfriedens der Verlierer ist

Friedrich Curtius ist beim DFB zwar nicht abgesägt, trotz des Burgfriedens aber beschädigt.

DFB-Präsident Fritz Keller und sein Generalsekretär Friedrich Curtius wollen trotz der Schlammschlacht der vergangenen Wochen nun doch wieder zusammenarbeiten. Allerdings haben die jüngsten Veröffentlichungen Curtius stark beschädigt. Die Fußball-Kolumne.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia feierte am Freitag ihren 20. Geburtstag, zusätzliche Werbung hatte sie angesichts der umfangreichen Berichterstattung in den vergangenen Tagen also eigentlich gar nicht nötig.

Friedrich Curtius sorgte dennoch für kostenlose PR: Mehr als 10.000-mal wurde die Wikipedia-Seite des DFB-Generalsekretärs seit Donnerstag besucht - vorher waren es im Schnitt elf (!) Aufrufe pro Tag.

Die plötzliche Popularität ist weniger der teuren Imagepflege durch einen PR-Berater geschuldet, deren Hintergründe man auf der zugehörigen Diskussionsseite nachlesen kann, sondern den von interessierter Seite gleich an mehrere Medien durchgestochenen Details über eben jenen Auftrag.

Demnach war er Teil der Zusammenarbeit des DFB mit der Unternehmensberatung Esecon, die für geschätzt rund 3,5 Millionen Euro seit 2019 in einer Art Generalinventur für Aufklärung der vielen unklaren Zahlungsflüsse im Verband sorgen soll, vom Sommermärchen bis zum Infront-Deal.

In diesem Zuge wurde offenbar auch die professionelle Überarbeitung von Curtius' Wikipedia-Eintrag vereinbart, deren Kosten nun für reichlich Wirbel sorgen und vielleicht doch noch nachträglich für das sorgen könnten, was Präsident Fritz Keller und dem Profilager am Freitag nicht gelang: der Trennung vom DFB-Generalsekretär.

DFB: Mehr als 15.000 Euro für Curtius' Wikipedia-Eintrag

Denn der vermeintliche PR-Coup entwickelt sich angesichts der Kosten zum (nächsten) PR-Gau: Esecon soll laut Spiegel für die mehrmonatige "Aufbauphase" der Seite 15.000 Euro erhalten haben und für die nachfolgende Pflegephase bis zu 1.200 Euro pro Monat. "Ich glaub, es hackt", schreibt Wikipedia-Admin "Stefan64" dazu auf der Diskussionsseite zu Curtius.

Der Vorwurf ist nicht der einzige: Der kicker nannte am Donnerstag gleich sechs Kritikpunkte an Curtius, auch wenn einige davon schon länger bekannt (und auch auf Wikipedia zu finden) sind, während andere ihm nicht alleine anzulasten sind. Auch der Vertrag mit Esecon war dem Präsidium bekannt. Vermutlich erklärte der DFB daher auf Anfrage, es gebe keine Unregelmäßigkeiten.

Ohnehin gelang es Keller und seinen Mitstreitern aus dem DFL-Lager bei der fast siebenstündigen Sitzung am Freitag an der Otto-Fleck-Schneise nicht, ihre zahlreichen Vorwürfe stichhaltig zu beweisen, warum eine weitere Zusammenarbeit mit Curtius untragbar sei. Das galt auch für den Vorwurf, der Generalsekretär habe über PR-Berater vertrauliche Informationen an Medien weitergegeben - was ohnehin eine merkwürdige Vorhaltung ist, denn die zuletzt an mehrere Medien weitergegebenen vertraulichen Informationen dürften nicht von der Curtius-Seite durchgestochen worden sein.

DFL-Vertreter im DFB-Präsidium in der Minderheit

Offensichtlich gelang es den fünf Keller-Unterstützern aus dem Profi-Fußball um DFL-Aufsichtsratsboss und DFB-Vizepräsident Peter Peters nicht, mindestens zwei Personen aus dem achtköpfigen Lager der Amateurvertreter auf ihre Seite zu ziehen, um mit einer solchen Mehrheit Curtius abberufen zu können. Vielmehr sollen die massiven Attacken der vergangenen Tage zu einer Solidarisierung mit dem Generalsekretär geführt haben.

So stand am Ende des als "Finale im Machtkampf" angekündigten Showdowns ein erneut wackliger Burgfrieden. Ehe sich die Beteiligten durch die Hintertür davonmachten, einigten sie sich noch auf eine dünne Pressemitteilung, in der sich Keller und Curtius sogar gemeinsam zitieren ließen. Man wolle "unverzüglich und letztmalig einen gemeinsamen Versuch unternehmen, Regeln und Rollen für eine künftige gemeinsame Zusammenarbeit zu diskutieren und festzulegen", hieß es dort.

Dass dies nun zu einer konstruktiven Zusammenarbeit führt, daran glauben vermutlich nicht mal alle Beteiligten. Als "Fanal der gesammelten Hilflosigkeit" bezeichnet die Süddeutsche Zeitung das Ergebnis der Sitzung. Zumal Curtius zwar seinen Posten vorerst behalten darf, aber wegen des PR-Desasters um Wikipedia und andere Verfehlungen nicht nur in der Öffentlichkeit kaum mehr vermittelbar ist.

DFL hält an Kontaktsperre für Friedrich Curtius fest

Der Ligaverband hielt jedenfalls auch nach dem Kompromiss seine Entscheidung über eine Kontaktsperre mit wichtigsten DFB-Angestellten aufrecht, der nach einstimmigen Beschluss des DFL-Präsidiums wegen "fehlendem Vertrauen" an sämtlichen Sitzungen der Profis nicht mehr teilnehmen darf.

In diesem Gremium sitzen auch die von der Liga entsandten fünf DFB-Präsidiumsmitglieder mit DFL-Boss Christian Seifert an der Spitze, die dort nun angeblich wieder mit Curtius gedeihlich zum Wohle des deutschen Fußballs an einem Strang ziehen sollen - selbst für Romantiker schwer vorstellbar.

Zumal der Ende vergangenen Jahres wegen seiner teilweise erratischen Amtsführung und einigen Fehltritten stark angeschlagene Keller dank der eindeutigen Rückendeckung aus dem Profilager wieder deutlich Oberwasser hat. Dass er "kein Vertrauen" in eine weitere Zusammenarbeit mit Curtius habe, hatte er zu Wochenbeginn intern schon schriftlich mitgeteilt, am Freitag soll er den erneuten Versuch seines Kontrahenten abgelehnt haben, mittels eines Mediators wieder zusammenzufinden.

Diese Lösung war im Oktober vom Präsidium vorgeschlagen worden, als das Tischtuch bereits zerschnitten war. Doch statt besser wurde das Verhältnis danach immer schlimmer, es entwickelte sich eine öffentliche Schlammschlacht, in der beide Seiten sich genüsslich gegenseitig mit Dreck bewarfen. Daher rechnet kaum ein Beobachter damit, dass der nun vereinbarte Waffenstillstand den tiefen Konflikt an der DFB-Spitze dauerhaft beendet.

DFB: Zwei Argumente für ein Ende des Machtkampfs

Immerhin zwei Argumente geben den Optimisten aber Anlass zur Hoffnung: Zum einen die zahlreichen Probleme, die dringend angegangen werden müssen, von der sportlichen Krise über die Auswirkungen der Corona-Pandemie bis hin zu den Ermittlungen der Steuerbehörden und weiteren ungeklärten Affären.

Zum anderen schlicht und ergreifend die Tatsache, dass bei einem anhaltenden Machtkampf eigentlich die gesamte DFB-Führung zurücktreten muss. Die engere Verbandsspitze will aber nicht auf Macht und Einfluss verzichten. Das gilt neben Keller und Curtius auch für den für DFB-Verhältnisse noch vergleichsweise jungen Schatzmeister Stephan Osnabrügge (50) ebenso wie für die beiden ersten Vizepräsidenten Peter Peters (Profis) und Rainer Koch (Amateure), die beide als begnadete Strippenzieher gelten und unbedingt in Zukunft in FIFA und UEFA die deutschen Interessen vertreten wollen.

Gut möglich scheint daher nach wie vor, dass am Ende doch Curtius als Bauernopfer zurücktreten muss. Nachzulesen dann (auch) auf Wikipedia.

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