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Fussball

Geerdet ganz nach oben

Leroy Sane steht vor seinem Debüt in der Nationalmannschaft
© getty

Ein halbes Jahr nach seinem ersten Startelf-Einsatz in der Bundesliga steht Leroy Sane vor seinem Debüt im Nationaldress (Fr., 21 Uhr im LIVETICKER). Der Shootingstar der laufenden Spielzeit ist dabei alles andere als eine Nominierung aus personeller Not heraus. Wie es um die Zukunft auf Schalke bestellt ist, steht derweil in den Sternen. Grenzen scheint es derzeit keine zu geben.

Norbert Elgert kann sich noch genau erinnern. Sehr genau. Er selbst sagt sogar, er wird es nie vergessen. Seit fast zwanzig Jahren steht Elgert auf einem Fußballplatz am Ernst-Kuzorra-Weg 1 in Gelsenkirchen, dem Sitz der Knappenschmiede und trainiert die U19 der Königsblauen. Fast zwanzig Jahre sind es jetzt. Und trotzdem kann sich Norbert Elgert noch ganz genau erinnern.

Daran, wie Benedikt Höwedes als Jungprofi vor Jahren bei der ersten Mannschaft mittrainieren durfte. Und die "Rostlaube seiner Tante" inmitten des luxuriösen Fuhrparks der Profis parkte. Es gäbe, das sagt Elgert heute, so viele wichtigere Dinge als Materielles. "Toll", das sagte Elgert damals zum Schalker Kapitän und zeigte auf die kostspieligen Autos, "aber nicht wichtig." Höwedes habe das verstanden. "Er war bodenständig."

Auch an Leroy Sane wird sich Elgert gut erinnern können. 39 Mal stand der Angreifer für seinen Knappen-Nachwuchs auf dem Feld und war an 27 Toren beteiligt. Vor fast genau einem Jahr, Sane hatte zu der Zeit 13 Minuten Bundesligaluft schnuppern dürfen, fuhr der damals 18-Jährige seinen schwarzen Mercedes im Wert von über 100.000 Euro zu Schrott.

"Er ist geerdet"

Sorgen hat man sich bei Königsblau dennoch nicht gemacht. Gedanken über einen abgehobenen Youngster gab es nie. "Er ist geerdet und wird ein großer Spieler", sagt ausgerechnet Höwedes, der laut Elgert immer noch einen Beetle fährt. "Er darf Fehler machen. Es ist wichtig für solche jungen Spieler, daraus dann zu lernen."

Die Liste der Fehler und Verfehlungen Sanes hört mit dem Autounfall eines Fahranfängers auch schon wieder auf. Die Entwicklung seitdem? So rasant wie positiv. Fast genau ein Jahr später ist Sane der Shootingstar der laufenden Saison. Das sagt sogar sein Trainer Andre Breitenreiter, der normalerweise zu jeder Sekunde versucht, den Hype um seinen Angreifer zu drosseln.

26 Spiele in der Bundesliga und vier Tore und drei Vorlagen in der laufenden Saison haben Sane zum unverzichtbaren Stammspieler und Publikumsliebling eines der größten Vereine Deutschlands gemacht. Und zum voraussichtlich 77. Nationalspieler, der unter Jogi Löw den Adler auf der Brust tragen wird.

Für den ein oder anderen vielleicht eine überraschend frühe, aber keinesfalls eine Nominierung aus der Not heraus. Auch, wenn mit Marco Reus, Karim Bellarabi und Patrick Herrmann aktuell drei Flügelspieler verletzt fehlen.

Unikum im DFB-Kader

Kaum ein Spieler der Bundesliga bringt so viel Technik bei so viel Tempo, so viel Athletik und Unbekümmertheit mit wie das Schalker Eigengewächs. Eine frühe Nominierung ist zudem taktisch klug, weil Sane als Sohn von Ex-Profi Souleyman Sane auch einen französischen Pass besitzt. Sieht man sich die Auftritte von Sane an, wie zuletzt beim Derby gegen den BVB, bekommt man den Eindruck, dass der Allrounder eher kurz- als lang- oder mittelfristig zum festen Bestandteil der Weltmeister-Auswahl werden kann.

Seine Beschleunigung und Kreativität sind das, was viele der anderen Kandidaten in der DFB-Offensive oftmals vermissen lassen. Und diese Qualitäten machen Sane zu einem Unikum in Löws Kader. "Schnell, technisch stark", sei er, so lobt der Nationalcoach. "Er sucht das Eins-gegen-Eins, ist unbeschwert. Wir sehen bei ihm enormes Potenzial." Genug für den Weltmeister? Training mit den Besten und Minuten unter Wettkampfbedingungen werden mehr Aufschluss geben.

Sane selbst bleibt bei all dem Rummel um seine Person bescheiden. "Allein das Mittrainieren ist schon toll", sagt er und fügt an: "Ich würde mich freuen, wenn ich ein paar Minuten spielen darf."

Kein Draxler 2.0

Bescheidenheit und nicht abheben. Das ist das, was man sich wünscht in Gelsenkirchen. Nur kein zu großer Hype, nur nicht zu viel Rummel, nur keine zu hohen Erwartungen. Dafür hallen Julian Draxlers Worte noch zu sehr nach, er sei zu der Überzeugung gekommen, "dass ich es auf Schalke nicht mehr geschafft hätte, dem Druck und der Erwartungshaltung standzuhalten". Draxler sollte das Gesicht der Schalker werden, der große Star in Königsblau. Er floh nach Wolfsburg.

"Der Druck soll nicht zu groß werden. Dafür will ich sorgen", mahnte Breitenreiter nach der Partie beim HSV. Sane hatte Schalke innerhalb von sechs Tagen dreimal zum Sieg geschossen - und bekam einen Maulkorb verpasst. Keine Statements, keine Interviews. Den Fokus nicht verlieren.

Schließlich ist Sane bei Weitem noch kein Superstar, er ist nicht der alleinige Heilsbringer und er ist schon gar nicht unfehlbar. "Ich möchte auch, dass wir sie nicht zu groß machen", mahnt der Coach, der dem 19-Jährigen viel Lernbedarf in der Defensive attestiert. Und der sich gezwungen sieht, in aller Regelmäßigkeit "Arschtritte" zu verteilen.

"Ich hatte keine Hobbys - nur den Ball"

Die braucht es manchmal, um den Freigeist einzufangen und ihn für die Abwehr zu begeistern. Ihn, der seine Kindheit mit seinem berühmten Vater im Garten fußballspielend verbracht hat. "Hobbys hatte ich auch nicht - nur den Ball", sagte Sane kürzlich der Süddeutschen Zeitung. "Ich wollte von Anfang an Fußballprofi werden. Ich war auch nie auf Partys mit 16 oder 17, das habe ich nie vermisst."

Auch die Offerten im Sommer interessierten den Youngster nicht. "Leroy ist am besten Platz, wo er sein kann", sagte Berater Jürgen Milewski kürzlich. Trotz Vertrag bis 2019 gibt es vor allem aus der kaufkräftigen Premier League reges Interesse. "Es gab schon den einen oder anderen namhaften Verein, der sich gemeldet hat", verriet Manager Horst Heldt. "Liverpool war bereit, Geld zu zahlen." 15 Millionen Euro sollen es gewesen sein.

Glaubt man Jan-Aage Fjörtoft, wird es spätestens im Sommer den nächsten Großangriff von der Anfield Road geben. Glaubt man der Yellow Press, haben auch Arsenal und Manchester City großes Interesse angemeldet. 15 Millionen Euro werden dann nicht mehr reichen, so viel ist sicher. Wie es dann um den besten Platz für den Überflieger stehen wird, wird sich zeigen. Grenzen scheint es - momentan - keine zu geben.

Leroy Sane im Steckbrief

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