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Fussball

Wiedersehen mit Diego Simeone: Als Pep Guardiola seine letzte Kugel zerschoss

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Pep Guardiola trifft mit Manchester City im Champions-League-Viertelfinale auf einen Gegner, der ihm einst beim FC Bayern einen bitteren Abschied bescherte: Atletico Madrid. Trainer Diego Simeone ist so ziemlich das Gegenteil von allem, was Pep darstellt. Zu dieser Erkenntnis kamen sie bei einem gemeinsamen Erlebnis.

"Ich bin noch nicht tot, my friend!"

Pep Guardiola ist ein Mensch, der die katalanische Demut jeden Tag in jedem Atemzug lebt. Wenn er zum 41. Mal gefragt wird, ob er der beste Trainer der Welt sei, fällt der 51 Jahre alte Fußball-Lehrer aus Santpedor auseinander. Niemals sei er der beste Trainer der Welt. Er wirft dann dem Fragesteller einen Blick zu, als hätte man ihn gerade beleidigt.

Ende April 2016 legte er diese Demut, diese Zurückhaltung dann mal kurz ab. Die Reporter an der Säbener Straße waren gerade dabei, den damaligen Trainer des FC Bayern zu zerfleischen für das 0:1 im Champions-League-Halbfinale bei Atletico Madrid.

Falsche Taktik, falsche Aufstellung, hätte nicht Thomas Müller spielen sollen? Und Franck Ribery sowieso. Beide fehlten im Hinspiel in der Startelf, was nicht gut ankam. Irgendwann wurde es Guardiola aber zu viel und er sagte dann mit theatralischer Mimik und Gestik: "Ich bin noch nicht tot, my friend! Ihr tötet mich, aber ich bin noch nicht tot." Es gäbe ja noch das Rückspiel in München: "Eine Kugel habe ich noch."

So feurig wie Pep spielten die Bayern gegen Atletico Madrid dann auch vor ausverkauftem Haus in der Allianz Arena. Sie brachten die Madrilenen, auch wenn es letztlich umsonst war, in Bredouille wie sonst keine andere Mannschaft in den letzten Jahren.

Pep Guardiola bescherte Atletico "das schlechteste Spiel"

An diesem Abend brachten Peps Bayern 34 Torschüsse zu Stande und spielten fast 600 Pässe. Atletico blieb bei 32 Prozent Ballbesitz. "Es ist das Spiel, in dem ich in meiner gesamten Karriere die größte Überlegenheit eines Rivalen gespürt habe", sagte Atleticos damaliger Stürmer Fernando Torres. "Das Gefühl war, dass wir eine andere Sportart spielen", so Gabi, damals Kapitän von Atletico und für Koke war es "das schlechteste Spiel meines Lebens".

Aber: Das 2:1 reichte den Bayern nicht und sie schieden aus. Atletico zog ins Finale ein. Die letzte Chance für Guardiola, mit den Bayern das Finale der Champions League zu erreichen, war dahin. Die letzte Kugel war verschossen. Guardiolas Abschied aus München verbittert.

Dreimal in Folge scheiterten die Pep-Bayern im Halbfinale. 2014 gegen Real Madrid, 2015 gegen den FC Barcelona, 2016 gegen Atletico Madrid. Jedes Mal schien sich Guardiola verzockt zu haben. Mit Abstand bleibt in München hängen, welch großartiger Trainer er war, dass er sämtliche Rekorde brach, den schönsten Fußball in der Geschichte des Klubs spielen ließ und jeden Spieler in München besser machte. Nur der Makel Champions League blieb.

Lange Zeit beschäftigte sie in München vor allem das Hinspiel in Madrid, damals noch im maroden Estadio Vicente Calderon. Pep änderte dort seine Formation, Renato Sanches, Arturo Vidal und Thiago bildeten das Zentrum, um gegen das Massiv aus Madrid etwas entgegenzusetzen zu haben und nicht Offensivspieler wie Müller oder Ribery in der Luft hängen zu lassen, weil eh kein Platz da ist.

Simeone: "Wenn ich die Wahl zwischen Pep und Mou hätte..."

Das Vorhaben ging nach hinten los, aber es zeigte auch, welch großen Respekt Guardiola vor seinem Gegenüber Diego Simeone hatte. Der Argentinier hatte längst den Ruf als bester Betonmischer der Welt und das auf hohem Niveau. Und Guardiola hatte durchaus so seine Probleme gegen tiefstehende Mannschaften. Episch sicher die Duelle gegen Jose Mourinhos Inter Mailand 2010. Wer vergisst schon Mourinhos Jubellauf im Camp Nou.

Nun also Simeone, dessen Mannschaft zwar auch zwei Omnibusse und einen Zug vor das Tor stellen können, wenn es sein muss, es aber seltsamerweise ansehnlicher gestaltet als seine Vorgänger. Simeone hat mal gesagt: "Wenn ich die Wahl hätte zwischen Guardiola und Mourinho, würde ich Jose Mourinho nehmen."

Der Argentinier und der Portugiese begreifen ein 0:0 auch mal als das bestmögliche Ergebnis. Sie machen sich dadurch nicht zu den beliebtesten Trainern der Welt, aber der Erfolg - Mourinho früher, Simeone heute - gibt ihnen recht.

Nun stehen sich Guardiola und Simeone nach sechs Jahren wieder in der Champions League gegenüber. Diesmal ist es nicht das Halbfinale, sondern erst das Viertelfinale. Simeone ist bei Atletico Madrid geblieben, Guardiola zu Manchester City weitergezogen und hat die Blues zu einem der besten Teams der Welt gemacht.

Guardiolas Idee: "Werden morgen mit zwölf Mann spielen"

Aber auch in Manchester wartet er immer noch auf einen Sieg in der Königsklasse. Den Makel des Verzockens verdiente er sich hier auch, als er im letzten Jahr gegen Thomas Tuchels FC Chelsea im Finale verlor und sich hinterher wieder Kritik anhören musste. Oder auch zuvor gegen Tottenham Hotspur 2018/19, als im Viertelfinale Schluss war.

Die Freude über das Los Atletico dürfte sich bei Guardiola in Grenzen gehalten haben. ManCity ist in einer Phase der Saison angekommen, in der es nun auch in der Premier League intensiv wird, weil man den FC Liverpool wieder heranrücken ließ. Zwei intensive Spiele gegen Atletico werden den Verschleiß in Manchester erhöhen.

Vor allem wird sich Guardiola gut überlegen müssen, ob er diesmal wieder etwas komplett Neues austüftelt; in der Champions League hat er sich zuletzt ja öfter mal verzettelt. "In der Champions League grüble ich immer zu viel nach, deswegen haben wir so gute Resultate in der Champions League", sagte Guardiola am Montag und fügte mit einem Hauch von Selbstironie hinzu: "Es wäre langweilig, wenn wir immer gleich spielen würden. Mir würde es nicht gefallen, auf die gleiche Art gegen Atletico und Liverpool zu spielen. Die Laufwege sind anders, die Spieler sind anders, sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Deswegen grüble ich und überlege mir dumme Taktiken. Heute Nacht werde ich eine Inspiration bekommen und morgen eine unglaubliche Taktik spielen lassen. Wir werden mit zwölf Mann spielen."

Als Simeone bei Guardiola hospitierte

Grundsätzlich sind Guardiolas Eingebungen und Ideen aber so gut, dass er sich seit Jahren die berechtigten Fragen verdient, ob er der beste Trainer der Welt ist.

Eine Idee, die sich einst selbst Diego Simeone einst aus nächster Nähe ansah. Bevor er Trainer bei Atletico wurde, hospitierte er bei Guardiola in Barcelona. Was er gesehen hat, beeindruckte Simeone aber nicht besonders.

Vor Jahren erzählte Guardiola im spanischen Fernsehen von diesem Besuch: "Simeone kam vor ein paar Tagen, um uns beim Training zuzusehen. Wir haben uns unterhalten und ich erinnere mich, dass er mir gesagt hat: 'Ich mag das nicht, ich fühle es nicht.' Dann habe ich geantwortet: 'Das ist gut, darum geht es'."

Simeone ereilte die Erkenntnis, dass er den Fußball nicht so passorientiert und nicht so risikobehaftet sieht. Er war ja schon Trainer in Südamerika, bei Racing, bei Estudiantes, bei River Plate und bei San Lorenzo. Er hatte schon Erfahrung und auch Erfolg, aber beim Sprung nach Europa sollte man jede Perspektive sehen, dachte sich Simeone und sah bei Guardiola vorbei.

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist das Verhältnis der beiden Top-Trainer nicht zerrüttet. Sie verfolgen einfach nur einen anderen Weg, um Erfolg zu haben. Diese unterschiedlichen Wege gingen die beiden auch als Spieler schon. Simeone konnte einen Gegner mit seiner Impulsivität brechen, Guardiola mit seiner spielbestimmenden Eleganz.

Nun sehen sie sich wieder - mit den bekannten Vorzeichen. Nicht "eine Sekunde" werde er über diese "dumme Debatte" reden, sagte Guardiola jedoch in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Atletico, angesprochen auf den Kampf der unterschiedlichen Systeme. "Jeder von uns versucht das Spiel zu gewinnen. Wenn sie gewinnen, haben sie recht. Wenn wir gewinnen wir. Am Ende werden die Spieler den Unterschied machen."

Simeone hat seiner Mannschaft etwas mehr Freiheit nach vorne gegeben, laut Guardiola spiele Atletico offensiver, "als die Leute denken". Aber gegen ManCity dürfte Simeone sehr gerne wieder die Rolle des Underdogs einnehmen, der gegen den spielstärkeren Gegner erstmal dicht macht.

Champions League: Das Viertelfinale im Überblick

HeimteamAuswärtsteamHinspielAuswärtsspiel
Manchester CityAtletico MadridDienstag, 05. AprilMittwoch, 13. April
Benfica LissabonFC LiverpoolDienstag, 05. AprilMittwoch, 13. April
FC ChelseaReal MadridMittwoch, 06. AprilDienstag, 12. April
FC VillarealFC BayernMittwoch, 06. AprilDienstag, 12. April

Die Statistik, die Guardiola Mut machen könnte

Und Guardiola schwant auch schon wieder Böses: "Wir wissen, dass es schwierig wird, unser Spiel durchzusetzen. Wir müssen schlau sein und auf den richtigen Moment warten. Sie können vermeiden, was du darstellst. Sie können tief verteidigen, aber sie können dich manchmal auch hoch unter Druck setzen."

Simeone spart nicht mit Lob, lässt sich aber nicht so tief in die Karten gucken: "Ich habe große Bewunderung für Guardiola und für die Arbeit, die er in den letzten Jahren geleistet hat." Sein Kapitän Koke, der damals gegen die Bayern mit dabei war, als man Guardiolas Kugel wegnahm, wird da schon etwas genauer: "Es wird eine ausgeglichene Begegnung mit Intensität und hohem Niveau. Am Ende entscheiden die Details. Wichtig ist, wie man es gegen Manchester United gesehen hat, dass wir als Einheit angreifen und verteidigen."

Aber auch bei ihm ist es nicht anders - der Respekt ist groß: "Sie haben einen großartigen Trainer, einige großartige Spieler, sie spielen großartigen Fußball."

Vielleicht gibt es einen Aspekt, der Pep diesmal mehr Mut macht als 2016. Nimmt man alle Pflichtspiele dieser Saison zusammen, hat ManCity mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Tore erzielt, was jetzt alles nicht völlig unerwartet daherkommt. Aber: In der Disziplin, Tore zu verhindern, ist Pep in dieser Saison mehr Simeone als Simeone. Bei ManCity liegt der Durchschnitt an Gegentoren bei 0,74. Bei Atletico 1,26.

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