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Fussball

Die Gala-Nacht von Real Madrid gegen PSG: Die "alten Säcke" können es noch

Von Fatih Demireli

Kylian Mbappe zerlegte Real Madrid in seine Einzelteile und Paris Saint-Germain träumte schon vom Viertelfinale und vom "Finale dahoam". Doch dann bekamen zwei betagte Herren im Real-Trikot die Lust an einer magischen Nacht und bewiesen, dass sie es noch können. Selbst die Rivalen feierten Karim Benzema und Luka Modric.

Fußball ist einfach ein wunderschöner Sport. Man kann stundenlang über Taktik sinnieren, die Außenverteidiger abkippen lassen, die Restverteidigung analysieren, das Umschaltverhalten studieren. xG hoch, xG runter.

Dann kommt Luka Modric, packt sich die Kugel, dribbelt mit seinen 36 Jahren komplett über den Platz, lässt das Pariser Starensemble wie Groupies stehen. Weil das nicht reicht, chippt er den Ball dann nochmal und leitet das 2:1 für Real Madrid gegen Paris Saint-Germain im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League ein.

Da kann man stundenlang tiefgreifende taktische Analysen machen, so nah an die Magie dieses Spiels wird man niemals kommen. So schön, so echt.

Keine Analyse kann den Abend des Karim Benzema beschreiben. 34 Jahre ist er inzwischen alt. Doch man merkt es ihm nicht an, wenn er voller Adrenalin ist und ein ganzes Stadion in seinen Bann zieht, indem er drei Tore in 17 Minuten gegen PSG macht. Zum 3:1-Sieg nach 0:1-Hinspiel-Niederlage.

Später werden die Statistiker berichten, dass Benzema der älteste Spieler der Champions-League-Geschichte ist, dem ein Hattrick gelang. Die UEFA wählte ihn zum Spieler des Spiels. Aber man braucht keine Statistiken und Auszeichnungen, um die Leistung des Franzosen zu beschreiben.

Erst zauberte Mbappe, dann die alten Jungs

Seit Monaten reden sie bei Real Madrid über Kylian Mbappe. Und das auch völlig zurecht. Der magische Abend im Madrid war auch einer, weil der jüngere der französischen Stürmer so aufdrehte und Reals Defensive mehrmals an den Rand der Verzweiflung brachte.

Als ihn Madrids Dani Carvajal in der zweiten Hälfte entnervt an der Seitenlinie vom Feld schubste, weil Mbappe wieder vorbeizog, schien Carvajal zu sagen: "Junge, wie soll ich dich sonst aufhalten!" Mbappe, das ist auch wunderschön anzusehen, und Real bekommt den künftig besten Spieler der Welt, aber die große Bühne gehört immer noch auch den anderen.

Luka Modric und Karim Benzema haben in der Nacht des 8. März 2022 bewiesen: Die "alten Säcke" können es noch!

Sie sind immer noch in der Lage, aus einer aussichtslos wirkenden Situation einen denkwürdigen Abend zu machen, an dem man so in Ekstase verfallen kann, dass ein David Alaba mit einem Klappstuhl jubelt und tausende Menschen im Stadion einfach drauflos weinen. Von wegen verwöhntes Publikum, das nur beim Titelgewinn glücklich ist.

Reals Camavinga: "Karim ist derjenige, der uns den Weg zeigt"

Kurz nach dem Spiel twitterte Real Madrid den kompletten Klubnamen. Einfach nur sagen, wer man ist. Einfach nur mitteilen, wofür der Klub steht. Er steht für große Erfolge, für Abende wie diese. Und er steht für große Namen. Wie Modric. Wie Benzema.

"Er schrieb schon Geschichte, aber nun ist er eine Legende", schrieb die Marca wenige Minuten nach Schlusspfiff über den Franzosen. Auch die Kollegen des Stürmers waren voller Begeisterung: "Karim Benzema ist die beste Nummer 9 der Welt. Robert Lewandowski erzielte gestern auch drei Tore, aber da waren zwei Elfmeter dabei. Heute hat Karim gezeigt, warum er dieses Jahr den Ballon d'Or gewinnen sollte. Karim rannte, kämpfte, humpelte sogar", frohlockte Thibaut Courtois nach dem Spiel.

Auch Eduardo Camavinga war im Benzema-Wahn: "Er ist ein Anführer, er ist der Kapitän, er ist derjenige, der uns den Weg zeigt, so wie er es heute getan hat. Er hat drei Tore geschossen, er hat uns gerettet, das ist Karim." Selbst die Erzrivalen erweisen ihren Respekt. Barcelonas Dani Alves schrieb bei Instagram: "Es ist mir egal, ob er bei Real Madrid spielt. Karim Benzema ist ein hervorragender Fußballer."

Die spanische Liga lechzt seit dem Abgang von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi nach neuen Gesichtern, um wieder die alte Anziehungskraft zu erlangen und vergisst dabei Kaliber wie Benzema oder Modric.

Modric und Benzema: Ihr Weg ist nicht zu Ende

Sicher: Die Selbstinszenierung und der Glamourfaktor sind nicht so ausgeprägt wie beim Portugiesen und beim Argentinier, aber ihr Einfluss auf den Erfolg ihres Klubs ist fast genauso groß. Und sicherlich ist auch das Haltbarkeitsdatum der Real-Legenden, die schon seit 2009 bzw. seit 2012 bei Real spielen, begrenzt. Doch ihr Weg ist nicht zu Ende.

Es sind nicht nur die Glücksmomente mit Vorlagen und Toren, die diesen Schluss zulassen. Mit 36 hatte Modric (10,54 km) die beste Laufleistung bei Real gegen Paris, Benzema folgte auf Platz zwei mit 10,17 km. Wobei: Bleiben wir dabei und lassen die Statistiken nicht sprechen.

Dafür spricht ihr stolzer Trainer: "Karim und Luka werden jeden Tag besser. Ich habe das Vergnügen, mit ihnen zusammen zu sein. Karim hatte eine Verletzung und jetzt ist er zurück und Luka spielt immer auf höchstem Niveau, egal wo er ist."

Klar ist auch, dass Benzema und Modric ihrem Klub das Leben schwer machen, was die Zukunftsplanung angeht. Bei Modric ist man eigentlich schon sehr weit, was einen neuen Vertrag angeht. Bei Benzema ist der Kontrakt noch bis 2023 datiert. Sollte Mbappe kommen, wird er Benzema den Platz nominell nicht streitig machen.

Warmer Empfang für Mbappe in Madrid

Aber wenn Präsident Florentino Perez in seinem Größenwahn auch noch Borussia Dortmunds Erling Haaland holen will, wird es eng. Benzema ist sicherlich kein Spieler für die Bank. In dieser Verfassung schon gar nicht. Haaland natürlich auch nicht.

Womöglich liegt es tatsächlich an der Ehrfurcht von Benzema, dass man tatenlos zusehen wird, wie Haaland zum FC Barcelona wechselt. Oder sonst wohin. Perspektivisches Handeln hin oder her, diesen Respekt hat sich Benzema verdient und das nicht erst seit Mittwochabend im Bernabeu.

Respekt gab es aber auch für Mbappe in Madrid. Als vor dem Spiel im Stadion die Aufstellung der Gäste verlesen wurde, gab es für jeden Spieler Pfiffe. Bei Mbappe gab es Applaus und Jubel. Zwar hörte man dann im Laufe der Partie wieder Pfiffe und auch Mbappe war im Kampfmodus, aber man wird sich im Sommer wohl wieder sehen.

Benzema tröstet Mbappe

Wer aufgrund Mbappes kleiner Spielchen noch die Hoffnung hatte, es bestehe eine Chance, dass er in Paris bleibt, wird spätestens nach diesem Ausscheiden die Gewissheit haben. Die Gewissheit, dass sich in Paris im Sommer wieder einiges verändern wird, um den nächsten Großangriff zu starten. Schon am Mittwochabend wurde über die Ablösung von Mauricio Pochettino spekuliert. Auch die L'Equipe geht von "Konsequenzen" für den Trainer nach dem bitteren Ausscheiden aus.

Man hatte so große Lust, die plötzliche Chance vom "Finale dahoam" wahrzunehmen und die Champions League in der eigenen Stadt zu gewinnen. Aber wieder wurde nichts draus und wieder braucht PSG eine neue Idee. Dann ohne Mbappe, weil seine Zeit gekommen ist.

Trost bekam er noch im Stadion von einem Landsmann, der weiß, wie es ist, auch mal Rückschläge zu erleben und dennoch immer wieder zurückzukommen und dann als Held gefeiert zu werden: von Karim Benzema. "Natürlich ist Kylian enttäuscht, das ist normal", sagte er: "Aber er ist jung und hat noch alle Zeit." Zeit zu zeigen, wie schön dieser Sport ist.

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