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Fussball

Auswärtsspiel - die SPOX-Kolumne: Thomas Tuchel? Plötzlich Liebe

Von Fatih Demireli
Thomas Tuchel könnte mit dem FC Chelsea ins CL-Finale einziehen.

Thomas Tuchel wurde immer als großartiger Trainer wahrgenommen. Er macht das Spiel besser, die Spieler besser. Aber als Mensch? Naja. Doch das Blatt hat sich gewendet. Zumindest im Ausland hat Tuchel nun die Zuneigung, die ihm in Deutschland noch verwehrt wird.

Da stand er dann da. Mit rotem Anzug und roter Fliege. So wie es eben in der Einladung stand: Dresscode: rot. Es war ja schon ein kleines Wunder, dass Thomas Tuchel der Kleiderordnung für die Geburtstagsparty von Neymar Jr. tatsächlich folgte. Und eigentlich, dass er überhaupt kam.

Und im Gegensatz zu vielen anderen, berichten Augenzeugen, hatte Tuchel sogar ein Geschenk mit dabei. Wie es sich eben für einen guten Gast auf einer Geburtstagsfeier gehört. Tuchel, auch das berichten Augenzeugen, hatte an diesem Abend in Paris im Kreis vieler illustrer Namen sehr viel Spaß. Und auch an anderen Abenden in exklusiven Pariser Locations, wo die Stars und Sternchen ein und aus gehen.

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Ausgerechnet der Mann, von dem die Deutschen berichtet hatten, er habe so viel soziale Kompetenz wie ein Dinkelbrot. Dessen Umgang mit Mitmenschen keine sofortige Zulassung beim TÜV bekommen würde. In Paris konnte man das nach eigener Beobachtung aber schnell nicht mehr nachvollziehen.

"Er ist ein guter Mensch, und er hilft dir, ihm zu folgen, um 100 Prozent für ihn zu geben", sagte Paris' Dauerrenner Marco Verratti, dem nun auch nicht gerade nachgesagt wird, dass er dazu neigt, allen Mitmenschen mit unendlicher Liebe zu begegnen.

Tuchel? "Mit ihm gibt es viel Genuss"

In England lobt man neuerdings den Humor von Thomas Tuchel. Simon Johnson verfolgt seit über 20 Jahren den FC Chelsea, wo Tuchel seit Anfang des Jahres arbeitet. Johnson lernte alle großen Trainer der Blues in den letzten Jahren kennen. Jose Mourinho, Carlo Ancelotti, Guus Hiddink, Antonio Conte und viele andere.

Doch Tuchel hat es ihm besonders angetan: "Seine Pressekonferenzen sind sehr aufschlussreich, sein Humor und seine Bereitschaft, alles zu geben, sorgen für ein Lächeln in den Gesichtern." Und er sagt: "Mit ihm gibt es viel Genuss."

In Deutschland lesen nun einige den letzten Absatz noch einmal. Sie prüfen nach, ob es da wirklich um Thomas Tuchel geht oder ob man fälschlicherweise bei einem Artikel über Jürgen Klopp gelandet ist. Nein, es geht um Thomas Tuchel. Um den Mann, den man in Deutschland als hervorragenden Trainer respektiert hatte, aber aufgrund seines Rufs als schwieriger Mensch keinen Anlass sah, ihn noch zusätzlich zum Liebling der Nation zu erklären.

Jürgen Klopp? Ja, das ist der perfekte Schwiegersohn, der nicht nur an Weihnachten Geschenke mitbringt. Hansi Flick? Ach ja, der liebe Hansi. Er ist Weihnachten selbst. Ja und bei Florian Kohfeldt lieben wir doch seine ehrliche Haut. Und Tuchel? Er bringt keine Geschenke mit. Er ist der erste Arbeitstag nach Weihnachten und Neujahr. Und seine Haut mag ehrlich sein, aber sie ist schroff und man mag sie nicht berühren.

Mbappe und Neymar bedanken sich bei Tuchel

Und man ist davon so überzeugt, dass man auch nicht bereit ist, einzusehen, dass sich ein Mensch verändern kann. Als Tuchel Ende 2020 in Paris entlassen wurde, sah sich Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke genötigt, Tuchels Art und Weise in einem Podcast nochmals zu hinterfragen: "Thomas ist schon ein schwieriger Mensch, das sieht man jetzt auch in Paris."

Dabei war die Trennung von Tuchel in Paris ein Ergebnis eines Machtspielchens, das Sportdirektor Leonardo, der mit vielen Kompetenzen ausgestattet ist, für sich entschied. Es ging um Transfers, um unterschiedliche Ansichten. Hasan Salihamidzic und Weihnachten lassen grüßen.

Kenner sagen, dass Leonardo nur auf den richtigen Augenblick wartete, um Tuchel loszuwerden und seine Wunschlösung Mauricio Pochettino zu holen. Der richtige Augenblick war ein 4:0-Sieg, den Tuchel mit Paris gegen Straßburg holte. Danach gab es die Trennung - aus sportlicher Sicht für viele überraschend.

Dass die menschlichen Komponenten nicht der Grund für die Trennung sein können, bewiesen die Superstars Kylian Mbappe und Neymar, die sich über ihre eigenen Social-Media-Kanäle persönlich bei ihrem Ex-Trainer verabschiedeten. "So ist leider das Gesetz des Fußballs, aber niemand wird Ihre Zeit hier vergessen. Sie haben ein gutes Kapitel in der Geschichte des Klubs geschrieben und ich danke Ihnen", schrieb Mbappe.

Auch beim BVB ist nicht alles schiefgelaufen

Neymar postete ein Foto, auf dem Tuchel den (mal wieder) weinenden Neymar nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen den FC Bayern tröstete. Ausgerechnet der Brasilianer, von dem - gerade in Deutschland - viele behaupteten, dass er mit Tuchel nicht funktionieren würde.

So wie in Deutschland eben, wo er beim BVB menschlich nicht ankam; nach der Emotionskanone Klopp wie eine biedere Steuererklärung wirkte. Der alles Leckere von der Speisekarte in der Kantine eliminierte und neue Benimmregeln aufstellte. Es kam nicht bei jedem gut an und sicherlich machte Tuchel auch große Fehler.

Unvergessen bleibt die öffentliche Kritik des damaligen Dortmunder Kapitäns Marcel Schmelzer über die Ausbootung von Nuri Sahin für das Pokalfinale Dortmunds gegen Eintracht Frankfurt, das die Borussia mit 2:1 gewann. Sahin hatte zuvor im ZDF-Sportstudio leicht kritische Töne Richtung Tuchel verloren. Das Pokalfinale war Tuchels letztes Spiel als BVB-Trainer. Danach erklärte BVB-Boss Watzke, Tuchel sei "nicht kompatibel" mit den Werten der Schwarzgelben.

Doch dass auch beim BVB nicht alles schiefgelaufen sein muss, zeigen die Äußerungen von Ousmane Dembele. Auch der Franzose ist - wenn man es leicht vorsichtig formuliert - kein Spieler, von dem man ausgeht, dass er alle Benimmregeln auswendig kann.

Dembele: "Thomas Tuchel ist mein Lieblingstrainer"

Dembele war ein Problemfall mit einigen Eskapaden. Also kein Typ für Tuchel, aber heute sagt der Flügelflitzer, der inzwischen beim FC Barcelona angekommen ist: "Thomas Tuchel ist mein Lieblingstrainer. Wenn er geblieben wäre, wäre es sehr schwer gewesen, Dortmund zu verlassen." Und er fügt an: "Ich hätte es wohl nicht getan."

Nun, dass er stattdessen seinen Weggang durch einen Streik erzwang, kann man nicht mit der Liebe zu Tuchel erklären, aber eine gewisse Aussagekraft hat es dann schon, wenn nacheinander sogenannte Problemkinder sich ohne Zwang positiv über einen Trainer äußern.

Irgendwann in der Zeit zwischen Dortmund und Paris muss in Tuchel etwas passiert sein. Man kann nicht davon ausgehen, dass er sich als Mittvierziger einen neuen Charakter zugelegt und sich neu erfunden hat. Tuchel muss spätestens nach seiner BVB-Zeit gemerkt haben, dass es nicht reicht, als hochdekorierter Absolvent der DFB-Trainerschule die besten Matchpläne zu haben.

Er hat gemerkt, dass es nicht reicht, ein Fußball-Genie zu sein. In einem Interview mit dem Guardian sagte er auf die Frage, wie er seinen Erfolg misst: "Ich habe dafür keine klare Definition. Natürlich zählen Siege und Titel, aber da gibt es eben auch das Verhältnis zu den Spielern. Einem Spieler in einer schweren Phase seiner Karriere zu helfen, ist das kein Erfolg?"

Chelsea ist bei Tuchel "in guten Händen"

Und da wären wir wieder beim FC Chelsea. Dort stimmen die Ergebnisse auf dem Platz. Die Chance, Real Madrid auszuschalten und ins Champions-League-Finale einzuziehen - für Tuchel wäre es das zweite Mal in Folge - ist nach dem 1:1 im Hinspiel solide.

In der Liga stimmen die Ergebnisse, im FA Cup steht Chelsea im Finale und kann am 15. Mai gegen Leicester City seinen ersten Titel mit den Londonern holen. Doch Tuchels Job ist nicht nur Siege und Titel einzufahren. Chelsea stellte die Einkaufspolitik längst um. Die oberste Schublade ist längst für die noch reicheren Klubs reserviert. Chelsea holt junge Spieler mit viel Potenzial, von denen man sich erhofft, sie zu Weltstars zu machen.

Frank Lampard ist an diesem Vorhaben gescheitert, weil nicht nur die Ergebnisse ausblieben, sondern auch spielerisch keine Entwicklung gesehen wurde. Tuchel soll die Spieler besser machen und hat längst damit angefangen.

Das letzte Wort hat Simon Johnson: "Tuchel wird natürlich an Ergebnissen gemessen, aber die ersten Monate haben gezeigt, dass Chelsea in guten Händen ist." Der größte Titel für Tuchel wäre aber nicht ein Henkelpott, sondern endlich - wenn auch nur ein bisschen - geliebt zu werden.

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