Fussball

FC Bayern München zum Saisonstart nur Remis gegen Hertha: Transferdurchbruch schluckt Frust

Von Dennis Melzer
Der FC Bayern kommt zum Saisonauftakt gegen Hertha BSC nicht über ein 2:2 hinaus. Über einen frustrierenden Abend, der letztlich versöhnlich endete.

Der FC Bayern kommt zum Saisonauftakt gegen Hertha BSC nicht über ein 2:2 hinaus. Über einen frustrierenden Abend, der letztlich versöhnlich endete.

Joshua Kimmich ist traditionell einer der Profis des FC Bayern, die an einem solchen Abend prädestiniert sind, als Sprachrohr zu fungieren, die Probleme erkennen und benennen, Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen, Selbstkritik üben. Statt sich nach einem enttäuschenden Spiel den Journalisten in der Mixed-Zone zu stellen, um wie gewohnt reflektiert zu erläutern, dass das, was der amtierende Meister gezeigt hatte, über weite Strecken einigermaßen ideenlos war, stapfte der Nationalspieler diesmal überraschenderweise allerdings als einer der Ersten von dannen.

Mit dunkler Miene machte er deutlich, dass er "den anderen" das Redefeld überlassen wolle. Frustriert darüber, gegen unangenehme, aber keineswegs herausragende Berliner nur ein 2:2 zum Liga-Auftakt eingefahren zu haben. Seine Kollegen und Vorgesetzten sprangen wie von Kimmich angekündigt in die Bresche.

Robert Lewandowski: "Das tut weh"

"Wir haben nur einen Punkt geholt, das tut weh", klagte beispielsweise Doppeltorschütze Robert Lewandowski etliche Minuten nach Kimmichs Verschwinden und schob nach: "Wir hätten drei Punkte verdient gehabt, weil wir mit Tempo gespielt und uns viele Chancen erarbeitet haben." Insbesondere das erste Gegentor, das aus einem abgefälschten Fernschuss durch Hertha-Neuzugang und Bayern-Schreck Dodi Lukebakio (erzielte in der Vorsaison in Diensten Fortuna Düsseldorfs bereits drei Tore in der Allianz Arena gegen den FCB) resultierte, hatte der Pole als Knackpunkt identifiziert.

Auch Thomas Müller hatte eine dominante Vorstellung der Hausherren gesehen. "Wenn man so auftritt, gewinnt man höchstwahrscheinlich neun von zehn Spielen gegen die Hertha. Heute war das eine Spiel, das man eben nicht gewinnt." Es sei "viel zusammengekommen, ohne dass wir uns viele Vorwürfe machen müssen." Der Angreifer ergänzte: "Wir haben aber nicht die gewünschten drei Punkte geholt, deshalb ist das eine riesige Enttäuschung. Das fühlt sich ein bisschen komisch an."

Wahrscheinlich, weil das Gefühl, das Auftaktmatch in eine neue Spielzeit nicht zu gewinnen, auch ihm nicht geläufig war. Elfmal hatten die Münchner vor der Begegnung mit den Hauptstädtern eine Bundesliga-Saison eröffnet, zehnmal gingen sie als Sieger hervor. Nur einmal langte es ebenfalls nur zu einem 2:2, im Jahre 2008 gegen den Hamburger SV.

Warum an diesem sommerlichen Freitag ebenjenes Resultat nach Abpfiff auf der Anzeigetafel prangte, versuchte Niklas Süle zu erläutern: "Es kann immer vorkommen, dass man mal einen einfachen Ballverlust in der Vorwärtsbewegung hat. Das wurde heute leider bestraft. Wir haben uns dann versucht, in der Kabine zu sammeln und uns nach der Pause viele Möglichkeiten herausgespielt. Manchmal hat der letzte Pass gefehlt."

Hasan Salihamidzic verkündet Transferdurchbruch: Coutinho kommt

Vielleicht, weil dieser recht eindimensional und dementsprechend ausrechenbar zumeist in Form von Flanken gespielt wurde, die von den robusten Hertha-Verteidigern immer wieder aufs Neue bereinigt wurden. Das sei aber "normal, wenn die Wege noch nicht stimmen und die Abstimmung noch ein bisschen fehlt", versicherte diesbezüglich Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der im Anschluss aber endlich über das große Thema sprechen durfte, das die Presselandschaft der bayrischen Landeshauptstadt seit Wochen in Atem hält: Neuzugänge.

Eine für alle Beteiligten leidige Angelegenheit, die sich mit all ihren dramatischen Irrungen und Wirrungen zu einer echten Posse entwickelt hatte, scheint sich langsam zu entspannen und ist nunmehr auf dem Wege, ein halbwegs versöhnliches Ende zu nehmen.

Endlich kein Herumgedruckse mehr, endlich keine Entschuldigungen, weil man mit öffentlichen Avancen andere Klubs verärgert hatte, sondern die Legitimation, verkünden zu dürfen: "Ich kann bestätigen, dass Karl-Heinz Rummenigge und ich in Barcelona waren und gute Gespräche mit dem Verein, dem Spieler und seinem Berater geführt haben. Wir haben uns auf einen Transfer auf Leihbasis geeinigt. Ein Jahr mit anschließender Kaufoption." Gemeint war damit Philippe Coutinho, der bereits in den kommenden Tagen in der Isarmetropole erwartet wird, um den obligatorischen Medizincheck zu absolvieren.

Brazzo über Coutinho: "Präsentieren unseren Fans etwas Spektakuläres"

Da ist sie also doch noch, die so sehnlichst erwartete namhafte Verstärkung. "Ich brauche niemandem erzählen, was für Qualitäten er hat. Mit diesem Spieler präsentieren wir unseren Fans etwas Spektakuläres." Trainer Niko Kovac prophezeite: "Ich bin der Meinung, dass die komplette Bundesliga und ganz Deutschland sich freuen können, solch einen Top-Spieler hier begrüßen zu können. Er wird das zeigen, was er kann, nämlich hervorragend Fußball spielen."

Tatsächlich rückte die Verkündung des Deals mit Coutinho den Ärger über das Remis gegen die Hertha in den Hintergrund.

Lewandowski, der in der jüngeren Vergangenheit mit besonderer Vehemenz Neuankömmlinge gefordert hatte, die sofort weiterhelfen können, strahlte plötzlich, als er auf den Brasilianer angesprochen wurde: "Das ist ein Top-Spieler, er eröffnet viele Optionen. Das kann den Unterschied ausmachen. Sein Spielstil passt zu uns. Ich glaube, er wird nicht viel Zeit benötigen, um sich anzupassen."

Süle freute sich mit Blick auf seinen künftigen Teamkameraden: "Ich kenne ihn nicht persönlich, aber habe ihn bislang als überragenden Fußballer wahrgenommen. So eine Verpflichtung tut uns unglaublich gut. Wir haben momentan nicht so viele Spieler im Kader, aber mit ihm sieht das Ganze jetzt schon besser aus."

Es kam in der Folge sogar noch besser. Salihamidzic war offenbar nach seiner frohen Coutinho-Kunde auf den Geschmack gekommen und ließ gleich im Anschluss verlautbaren, dass auch Gladbach-Talent Michael Cuisance nach München kommen wird. "Auch das kann ich bestätigen", sagte er. "Diesen Spieler beobachten wir schon sehr lange, ein großes Talent. Er hat seine Stärken im Ballbesitzfußball. Er besitzt die nötige Mentalität und bringt eine herausragende Technik mit. Wir werden sicherlich viel Freude an ihm haben."

Frustabbau durch positive Transfernachrichten

Nach Ivan Perisic, der - ebenfalls auf Leihbasis kommend - bereits am vergangenen Mittwoch offiziell vorgestellt wurde, tüteten die Bayern also binnen weniger Tage die nächsten beiden Neuzugänge ein. Eine obligatorische Maßnahme selbstredend, der Zeitpunkt der Verkündung aber mindestens unkonventionell. Vielleicht lag aber auch genau darin das Kalkül.

Abwarten, wie die Partie verläuft und im Falle eines nicht zufriedenstellenden Ergebnisses mit positiven Meldungen wieder für Ruhe oder im Idealfall gar für Aufbruchstimmung sorgen. Das ist den Protagonisten jedenfalls gelungen, nimmt man die Erfahrungswerte her, welche Auswirkung ein Nicht-Sieg vor heimischer Kulisse in München üblicherweise hat: Frust. Ob Joshua Kimmich bereits informiert wurde, dass dieser gar nicht angebracht ist? 

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