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Fussball

FC Bayern München: "Das siebte Weltwunder" Alou Diarra - von der FCB-Reserve ins WM-Finale

Alou Diarra stand im WM-Finale.

Während seiner zweijährigen Zeit beim FC Bayern München von 2000 bis 2002 kam Alou Diarra für die Profimannschaft kein einziges Mal zum Einsatz. Vier Jahre später spielte er für Frankreich im WM-Finale. Die Geschichte einer erstaunlichen Karriere - und einer Freundschaft.

9. Juli 2006, Berlin. Unten auf dem Rasen des Olympiastadions das WM-Finale zwischen Italien und Frankreich; oben im VIP-Bereich Sebastian Bönig vom damaligen Oberligisten Union Berlin inmitten der französischen Delegation.

"Da stand ich auf einmal zwischen all den Familien der französischen Nationalspieler, die ihre Hymne mitbrüllten", erzählt Bönig im Gespräch mit SPOX und Goal. Obwohl es schon fast 15 Jahre her ist, scheinen die Erinnerungen frisch zu sein - bis heute schwingt in seinen Worten aber auch ein Hauch Ungläubigkeit mit.

Bönig war gekommen auf Einladung seines Freundes und französischen Nationalspielers Alou Diarra. Nach ein paar Spielminuten in der Gruppenphase gegen Togo kam er im Finale zu seinem zweiten Einsatz, als er Anfang der zweiten Halbzeit für den verletzten Patrick Vieira eingewechselt wurde. Mit 1:1 ging es in die Verlängerung: Kopfstoß von Zinedine Zidane, Elfmeterschießen, David Trezeguet vorbei, Fabio Grosso rein, Italien Weltmeister. Fußball-Geschichte.

"Für mich war das ein Riesen-Erlebnis. Ich werde ihm für immer dankbar sein, dass er mir das ermöglicht hat", sagt Bönig. "Er hat nicht vergessen, dass ich versucht habe, ihn bei seiner Zeit in München so gut wie möglich zu unterstützen." Noch riesiger als für Bönig war das Erlebnis freilich für Diarra selbst. Für ihn war es trotz der Niederlage die Krönung einer erstaunlichen Karriere.

Diarra und Bönig: Ikea, Playstation und einmal im Club

Ziemlich genau sechs Jahre vor dem WM-Finale war der damals 19-jährige Diarra nach drei Einsätzen für den französischen Zweitligisten FC Louhans-Cuiseaux nach München gewechselt. Alleine. Kaum Englisch, kein Deutsch. Er kam ablösefrei, finanzielles Risiko hatte sein neuer Arbeitgeber FC Bayern keines. Bei der Reserve in der damals drittklassigen Regionalliga Süd sollte sich der defensive Mittelfeldspieler probieren. Vielleicht reicht es ja für mehr?

Zeitgleich schaffte Sebastian Bönig aus dem Münchner Vorort Erding den Sprung von der klubeigenen U19 in die Reserve. Auch er war defensiver Mittelfeldspieler. Ein potenzieller Rivale also, der aber zum Freund in der Fremde werden sollte. "Wir haben uns direkt sehr, sehr gut verstanden und viel Freizeit miteinander verbracht", erinnert sich Bönig und beginnt zu erzählen von gemeinsamen Erlebnissen.

"Am Anfang sind wir zusammen zu Ikea gefahren, um Möbel für seine Wohnung zu kaufen. Er hat in einer ganz, ganz kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Giesing gelebt. Sehr minimalistisch." Trotz der Enge blieb Diarra am liebsten zuhause. Playstation spielen und so. Wie die jungen Spieler heute, nur halt mit schlechterer Auflösung.

Hin und wieder ist Bönig mit Diarra ins Restaurant gegangen und einmal sogar abends in den Club. "Aber das war nicht unsere Welt", sagt er und lacht bei der Erinnerung. "Alou hat keinen Tropfen Alkohol getrunken. Das kam für ihn überhaupt nicht in Frage." Alles ordnete er dem Traum Profifußball unter.

Alou Diarras zwei Jahre beim FC Bayern München

Seinen ersten Einsatz hatte Diarra per Einwechslung gleich am ersten Spieltag der Saison 2000/01. In der Woche darauf stand er in der Startelf und sollte sie die restliche Saison über nicht mehr verlassen. "Wir hatten damals körperlich eine kleine Mannschaft", erinnert sich Bönig. Umso wichtiger war der 1,89 Meter große Diarra. Typ: Brecher. Vergleichswert: Patrick Vieira. "Er war ein unglaublicher Zweikämpfer, ein richtiger Fighter, eine wahnsinnige Kopfball-Maschine."

Zunächst bildete Diarra ein Mittelfeld-Duo mit Owen Hargreaves. Der eine größer und wuchtiger, der andere kleiner und wendiger. Und talentierter? "Geschmackssache", sagt Bönig. Profitrainer Ottmar Hitzfeld war mehr nach kleiner und wendiger. Als er aufgrund von Verletzungen Bedarf an einer Verstärkung von der Reserve hatte, zog Hitzfeld Hargreaves hoch. Der junge Engländer bewährte sich und so war er es, der im Mai 2001 beim Champions-League-Finale gegen den FC Valencia durchspielte und den Titel gewann - wenige Tage nachdem Diarra mit der Reserve gegen Eintracht Trier gespielt hatte.

Nur ein einziges Mal stand Diarra in der Saison 2000/01 im Profikader, zum Einsatz kam er aber nicht. Genau wie in der darauffolgenden Saison, in der er noch dazu monatelang mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte. Unter dem neuen Reserve-Trainer Hermann Gerland debütierten unterdessen die vielversprechenden Talente Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger.

Der nun 20-jährige Diarra fühlte sich überholt. Er verlor den Glauben, es beim FC Bayern zu schaffen - aber er behielt den Glauben, es zu schaffen. "Als Alou den Eindruck hatte, dass eher auf andere Spieler gesetzt wird, hat er sehr schnell entschieden, dass er woanders hingehen muss", sagt Bönig. "Man hat bei ihm immer gespürt: 'Ich werde Fußballprofi - egal wo.'"

Alou Diarra: Keine Spiele für Liverpool, zwei Titel in Frankreich

Obwohl ihn der FC Bayern gerne weiterhin in der Reserve getestet hätte, wechselte Diarra nach zwei Jahren ablösefrei zum FC Liverpool. "Wir wollten mit ihm verlängern, aber er hatte ein riesiges Angebot von Liverpool, da konnte man nicht mithalten. Das war auch nicht zu rechtfertigen", sagte Gerland später.

Zunächst durften sich die Verantwortungsträger des FC Bayern bestätigt fühlen: Genau wie für den FC Bayern, machte Diarra auch für Liverpool kein Pflichtspiel. Drei Jahre blieb er, dreimal wurde er in seine Heimat Frankreich verliehen. AC Le Havre, SC Bastia und RC Lens, das ihn 2005 für drei Millionen Euro schließlich fest verpflichtete. Aufgrund der FIFA-Ausbildungsverordnung gingen fünf Prozent der Ablösesumme an den FC Bayern - wie bei jedem weiteren Wechsel auch.

Der Kontakt mit Bönig, der den FC Bayern im gleichen Sommer wie Diarra verlassen hatte, zu LR Ahlen gewechselt und schließlich bei Union Berlin gelandet war, riss unterdessen nicht ab. Als Diarra im Herbst 2005 mit Lens für ein UEFA-Cup-Spiel gegen Hertha BSC in die Stadt reiste, trafen sich die beiden im Hotel.

Ein halbes Jahr später kam es anlässlich des WM-Finals zum Wiedersehen in Berlin, anschließend wechselte Diarra für 6,25 Millionen Euro zu Olympique Lyon. Mit dem damaligen Serienmeister holte er 2007 seinen ersten Titel und nach seinem Wechsel zu Girondins Bordeaux zwei Jahre später seinen zweiten.

"Das siebte Weltwunder": Wiedersehen mit dem FC Bayern

Dann kam es endlich so, wie es kommen musste. Ausgerechnet. Ausgerechnet! In der darauffolgenden Champions-League-Saison traf Diarra mit Bordeaux auf den FC Bayern. "Ich habe schon lange darauf gewartet, gegen den FC Bayern zu spielen. Ich bin stolz darauf zu zeigen, dass ich die letzten Jahre nicht geschlafen habe", sagte Diarra damals. Er hatte die Chance, es allen zu zeigen. Und er zeigte es allen. Als Kapitän führte Diarra seine Mannschaft zu zwei Siegen gegen den Klub, bei dem er es nicht zum Profi geschafft hatte.

"Das ist für mich das siebte Weltwunder, dass der Kapitän bei Girondins ist und sogar in der französischen Nationalmannschaft spielt", sagte Manager Uli Hoeneß damals. "Wenn mir das vor fünf Jahren einer gesagt und mit mir gewettet hätte, hätte ich ein Vermögen verloren."

Geschmunzelt habe Bönig damals über Hoeneß' Aussage, sagt er heute. Denn: "Alous Weg zum Profi war vorgezeichnet." Aber dass er es tatsächlich so weit schafft? Bis in die Champions League und ins WM-Finale? "Ja, das ist schon krass", findet Bönig: "Chapeau." Ein bisschen Französisch ist ihm von der gemeinsamen Zeit also geblieben.

Alou Diarra beendete 2017 seine aktive Karriere

Diarra behielt seinen Platz in der Nationalmannschaft auch in den darauffolgenden Jahren, kam bei der WM 2010 und der EM 2012 zum Einsatz. Auf Klubebene spielte er nach seinem Engagement bei Bordeaux noch für Olympique Marseille und traf in der Champions League erneut auf den FC Bayern. Dann: Mal England, mal Frankreich. West Ham United, Stade Rennes, Charlton Athletic und AS Nancy, wo er 2017 seine aktive Karriere beendete.

"Zuletzt haben wir uns etwas aus den Augen verloren", sagt Bönig, mittlerweile genau wie Diarra 39 Jahre alt und Co-Trainer. Bönig bei Union, Diarra bei Lens. "Aber wenn wir uns wieder sehen würden, würden wir uns sicher sofort wieder an alte Zeiten erinnern." An Ikea-Besuche und WM-Finals und das gemeinsame Musik-hören: "Alou hat mir damals den französischen Rap nähergebracht."

Die Karrierestationen von Alou Diarra

ZeitraumKlub
1999 bis 2000FC Louhans-Cuiseaux
2000 bis 2002FC Bayern München II
2002 bis 2005FC Liverpool
2002/03AC Le Havre (Leihe)
2003/04SC Bastia (Leihe)
2004/05RC Lens (Leihe)
2005 bis 2006RC Lens
2006 bis 2007Olympique Lyon
2007 bis 2011Girondins Bordeaux
2011 bis 2012Olympique Marseille
2012 bis 2014West Ham United
2012/13Stade Rennes (Leihe)
2015 bis 2016Charlton Athletic
2016 bis 2017AS Nancy
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