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FC Bayern München: Niko Kovac fahndet nach dem dominanten Mittelfeld

Von Dennis Melzer
Niko Kovac setzte gegen Mainz im Mittelfeld auf Kimmich, Thiago und Coutinho. Ein Modell mit Zukunft oder ein einmaliges Experiment?

Niko Kovac setzte gegen Mainz im Mittelfeld auf Kimmich, Thiago und Coutinho. Ein Modell mit Zukunft oder ein einmaliges Experiment?

"Wir wollen die Abwehr nicht auseinanderreißen", begründete Bayern-Trainer Niko Kovac im Vorfeld der Partie gegen Mainz 05 bei Sky, warum er Joshua Kimmich, den er bekanntermaßen eher als Rechtsverteidiger denn als Sechser sieht, zum zweiten Mal in Folge im defensiven Mittelfeld aufbot. Anders als beim 3:0 auf Schalke, als der Nationalspieler gemeinsam mit Corentin Tolisso und Thomas Müller im Zentrum agierte, wurden ihm diesmal Thiago und Neuzugang Philippe Coutinho zur Seite gestellt.

"Ein sehr gutes Mittelfeld" sei das, erklärte Kovac mit Blick auf das Trio und schob nach: "Drei tolle Fußballer, die das Spieltempo hoffentlich heute bestimmen zu können." Eine Hoffnung, die sich zunächst zerschlagen sollte. "Die ersten Minuten haben wir verpennt, da war Mainz aggressiver als wir", analysierte Niklas Süle nach der Begegnung in der Mixed-Zone. "Deshalb haben wir auch verdient den Rückstand bekommen." Der Innenverteidiger befand anschließend: "Wir haben zu viel Raum gelassen, obwohl wir Druck erzeugen wollten. Das hat in den ersten 25 Minuten überhaupt nicht geklappt."

Bayern-Sieg gegen Mainz: Trinkpause als Wendepunkt des Spiels

Tatsächlich brauchte der Rekordmeister ebenjene 25 Minuten, um den unangenehmen Gästen aus Rheinhessen gänzlich den Schneid abzukaufen. Besonders die von Schiedsrichter Markus Schmidt anberaumte Trinkpause wurde im Anschluss von mehreren Protagonisten als Wendepunkt ausgemacht, der schließlich dazu führte, dass ein sattes 6:1 auf der Anzeigetafel stand.

"Nach der Trinkpause hat es dann besser funktioniert und wir haben uns viele Chancen erspielt", sagte Süle. Ganz ähnlich äußerte sich Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Wir sind am Anfang nicht ins Rollen gekommen. In der Trinkpause haben wir uns gestärkt und danach unser Spiel besser aufgezogen." Linksverteidiger David Alaba fasste zusammen: "Uns ist es nicht gelungen, von Beginn an Gas zu geben. Wir waren nicht aggressiv, sind nicht mit Tempo angelaufen. Nach der Trinkpause wurde es besser."

Bayern München: Abstimmungsprobleme im Mittelfeld

Doch woran hatte es eingangs gehapert? Vor allem im Mittelfeld klafften eklatante Lücken. Die von Kovac beschworenen "tollen Fußballer", was auf alle drei zweifelsohne zutrifft, hatten mit erheblichen Abstimmungsproblemen zu kämpfen. Kimmich ließ sich häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, holte sich Ball um Ball ab, fand aber nur in den seltensten Fällen in Thiago oder Coutinho einen Anspielpartner. Zu groß war der Abstand zwischen den Dreien, zu selten gelang es, die Mainzer Defensive aus der Mitte vor Aufgaben zu stellen.

Im Umschaltspiel wurden die Gäste mit viel Platz bedacht, einzig gelang es den Mainzern nicht, die Räume wirklich zu nutzen. Was auch in der Folge, also nach besagter Trinkpause auffiel: Durch das Zentrum wurden aufseiten der Bayern nur wenige Angriffe initiiert. Alle Tore resultierten entweder aus starken Flanken, sprich, wurden über die Außen eingeleitet oder eben aus der individuellen Klasse David Alabas, die der Österreicher bei Freistößen in der Vergangenheit schon häufiger gezeigt hat.

Kimmich, Thiago und Coutinho fingen sich nach einer insgesamt verkorksten Anfangsphase zwar, spielten ordentlich, aber augenscheinlich nicht das, was sie normalerweise imstande sind zu leisten. Dass sich im Mittelfeld letztlich doch noch eine gewisse Dominanz entfaltete, war vornehmlich der Schwäche des Gegners geschuldet, der sich insbesondere nach dem Seitenwechsel seinem Schicksal ergab. Ob das Kimmich-Thiago-Coutinho-Modell zukunftsträchtig ist, ist dementsprechend äußerst fraglich, blieben doch mit dem wiedergenesenen Leon Goretzka, Corentin Tolisso und Javi Martinez drei mögliche Alternativen 90 Minuten lang auf der Bank.

Reservist Javi Martinez angefressen: "Besser, wenn ich heute nicht spreche"

Eine Tatsache, die Martinez übrigens ganz offensichtlich äußerst missfiel. Der Spanier machte sich als einer der ersten Bayern-Akteure auf den Heimweg. Allerdings nicht, ohne den anwesenden Reportern ein angefressenes "es ist besser, wenn ich heute nicht spreche" zuzuraunen. Wie Kovacs Plan mit ihm aussieht, ist derzeit etwas schleierhaft. 13 Minuten durfte Martinez in der laufenden Spielzeit bislang mitwirken, jedoch als Innenverteidiger. Dass der 30-Jährige, der sich kurz vor dem Saisonstart mit einer Knieprellung herumplagte, unter Kovac zur unverzichtbaren Stammkraft auf der Sechs avancieren könnte, ist enorm unwahrscheinlich.

Vermutlich auch dem Ergebnis geschuldet, schenkte der FCB-Coach statt Martinez dem jüngst aus Gladbach nach München gewechselten Michael Cuisance einige Spielminuten. Gefunden hat Kovac sein ideales Mittelfeld, eines, das die gewünschte Dominanz ins Spiel bringt, nach drei Spieltagen jedenfalls noch nicht. In jeder Partie bot er - auch aufgrund von Verletzungen - eine andere Dreier-Konstellation auf. Jüngst bezeichnete der Kroate Kimmich noch als Notlösung für die Sechs. "Auf der rechten Seite hat er offensiv unglaubliches Potenzial", sagte Kovac und ergänzte: "Er wird diese Position nicht endgültig verlassen, dafür ist er zu gut."

Wie sieht Kovacs Lösung fürs Mittelfeld aus?

Die Frage ist, wen der 47-Jährige endgültig auf der Sechs sieht. Thiago ist sicherlich Kandidat Nummer eins, ist aber noch wertvoller, wenn er etwas weiter vorne zum Einsatz kommt, Tolisso, Goretzka und Coutinho sowieso, Cuisance ist noch nicht so weit, eine tragende Rolle zu übernehmen und Martinez, der einzige, der über die körperlichen Voraussetzungen eines echten, klassischen Sechsers verfügt, steht bei Kovac nicht allzu hoch im Kurs.

Ob die Maßnahme, Kimmich erneut im Mittelfeld aufzubieten, vielleicht ein subtiles Signal an die Bosse war, doch noch einmal auf dem Transfermarkt tätig zu werden? Viel Zeit bleibt nicht mehr, am Montag schließt das Transferfenster.

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