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Fussball

Kommentar zur Mitgliederversammlung beim VfB Stuttgart: Wenn Fans ihren Verein zurückgewinnen

Die für Stuttgarter Verhältnisse nahezu erschreckend harmonische Mitgliederversammlung mit der Wiederwahl des amtierenden Präsidenten Claus Vogt läutet beim VfB eine neue Ära ein. Die Fans haben ihren Verein zurückgewonnen. Ein Kommentar.

2007 gewann der VfB Stuttgart zum letzten Mal die deutsche Meisterschaft. Angesichts der Entwicklung in der deutschen Fußball-Landschaft vielleicht zum letzten Mal für alle Zeiten. In den 14 Jahren seit dem Titel verlor der VfB aber längst nicht nur an sportlicher Bedeutung - er verlor etwas viel Wichtigeres: die Bindung und das Vertrauen der Fans.

Die denkwürdige Mitgliederversammlung 2021 hat jetzt endgültig eine positive Entwicklung fortgesetzt, die mit dem forcierten Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Wolfgang Dietrich nach der legendären Mitgliederversammlung 2019 begann und mit der Inthronisierung des neuen Präsidenten Claus Vogt wenig später den entscheidenden Wendepunkt bekam.

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Zwei Jahre nachdem der VfB ins totale Chaos versank und zum Gespött wurde, ist er nun an einem Punkt angekommen, an dem der Verein so gut für die Zukunft aufgestellt scheint wie nie zuvor. Es ist zu spüren: Die Fans haben ihren Verein zurückgewonnen.

Vogt macht Fehler - andere waren der Fehler

Zu einem großen Teil verdanken sie das dem Präsidenten Vogt, der für seinen Kampf gegen den alten negativen VfB und sein immenses Durchhaltevermögen am Sonntag von den Mitgliedern mit einem überwältigenden Ergebnis (historische 92,25 Prozent) beschenkt wurde.

Zur Verdeutlichung: Der Mann, den gewisse Kräfte im Verein um jeden Preis verhindern, gar nicht mal mehr zur Wahl antreten lassen wollten, bekommt über 92 Prozent der Stimmen. Das alleine zeigt das ganze Dilemma, in dem dieser Verein steckte. Das heißt nicht, dass Vogt nicht dazulernen muss. Vogt hat in seiner bisherigen Amtszeit Fehler gemacht.

Vogt ist der Erste, der das immer wieder offen einräumt. Vogt gefällt sich selbstverständlich auch in der Rolle des aufrechten Kämpfers für Fans und Mitgliederrechte, was aber nicht verwerflich, sondern in erster Linie vor allem eines ist: menschlich. Vogt macht Fehler, viele andere beim VfB waren der Fehler.

Die alten Seilschaften sind Geschichte

Jetzt ist von den sogenannten alten Seilschaften nichts mehr übrig geblieben. Sie haben sich selbst zugrunde gerichtet. Durch ihre Rollen im Datenskandal, der den VfB bis in seine Grundfesten erschütterte.

Durch ihre skrupellosen Versuche, selbst bis kurz vor der Mitgliederversammlung die Machtverhältnisse durch Schmutzkampagnen gegen Vogt wieder auf ihre Seite ziehen zu wollen. Durch ihre nicht mehr zeitgemäße Geisteshaltung.

Bezeichnend: Wilfried Porth, der unbeliebte Vertreter des Anker-Investors im Aufsichtsrat, soll sich bei der Mitgliederversammlung für eine Rede in der Aussprache angemeldet haben, zog dann aber offenbar doch zurück.

Man könnte das Bild malen, dass er schon früh die Dynamik der Stimmung im Stuttgarter Stadion sah und im letzten Moment erkannte: Das letzte Gefecht, das ist ja schon vorbei - es ist verloren. Porth hatte im Vorfeld angekündigt, bei einem Präsidenten namens Vogt in Zukunft nicht mehr Teil des Aufsichtsrats sein zu wollen, am Montag zog er die Konsequenzen und legte sein Amt nieder.

VfB: Jetzt gibt es keine Entschuldigungen mehr

Der Weg ist damit endgültig frei, mit einem komplett runderneuerten Führungspersonal in allen Gremien, bei denen, das sei am Rande unbedingt erwähnt, immerhin auch zwei Frauen ihren Platz fanden, den VfB der Zukunft zu gestalten.

Denn eines ist auch klar: Mit der gewonnenen Ruhe, Kontinuität und Planungssicherheit gibt es in der Post-Corona-Zeit auch keine Entschuldigungen mehr. Vogt hat Mitstreiter an der Seite, mit denen er zum Wohle des VfB an einem Strang ziehen kann. In den nächsten vier Jahren muss geliefert werden. Der erdrutschartige Sieg ist eine Verpflichtung.

Vogt muss es vor allem schaffen, der Ankündigung, mit Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger verlängern zu wollen, Taten folgen zu lassen. Und Hitzlsperger muss bestätigen, dass er das Votum der Mitglieder selbstverständlich akzeptiert und einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Vogt nicht im Wege steht.

Er muss sich nicht zum hundertsten Mal entschuldigen - er muss die gute Zusammenarbeit einfach nur ehrlich wollen und sich darauf einlassen. Mehr nicht.

Der neue VfB: Identifikation unabhängig von sportlichem Erfolg

Die sportliche Situation in Stuttgart ist dank der Arbeit von Hitzlsperger, von Sportdirektor Sven Mislintat und Coach Pellegrino Matarazzo extrem vielversprechend. Selten haben VfB-Fans einer Saison mit mehr Vorfreude entgegen geblickt.

Der VfB hat es geschafft, dass spontane Begeisterung entsteht, wenn wie am Sonntag ein Wechsel von Chris Führich aus Paderborn nach Stuttgart quasi feststeht. Das hat es lange nicht gegeben.

Aber es wird der Moment kommen, da werden Hitzlsperger, Mislintat und Matarazzo nicht mehr beim VfB sein. Es werden die nächsten sportlichen Krisen kommen. Und dann?

Vogt formulierte sein Ziel im Interview mit SPOX und Goal so: "Wir müssen es schaffen, dass die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl zum VfB haben wie bei einer Familie. Der VfB muss ein Verein sein, zu dem man gerne dazu gehört. Weil der VfB in der Stadt, in der Region und in der Gesellschaft Werte vertritt und sich klar zu ihnen bekennt. In einer Familie schätzt man sich, man kann aber auch gut miteinander diskutieren und mal kritische Worte sagen. Das Sportliche wird immer eine extreme Bedeutung haben, aber der VfB muss mehr sein als Platz sechs, neun oder elf."

Der 18. Juli 2021 wird nicht wegen eines gewonnenen Titels in die VfB-Geschichte eingehen. Das Glücksgefühl dürfte bei vielen Fans aber auch so enorm gewesen sein, so richtungsweisend war dieser Tag für die Zukunft des Vereins.

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