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Fussball

BVB - Thomas Meunier von Borussia Dortmund im Interview: "Das Profigeschäft erschien mir vollkommen unmöglich"

Thomas Meunier spielt seit Sommer 2020 beim BVB.

Thomas Meunier wollte lange Zeit kein Fußballprofi werden, doch dank YouTube schaffte es der Belgier von Borussia Dortmund doch nach ganz oben. Zuvor war Meunier Postbote, Fabrikarbeiter und Social-Media-Phänomen - ehe dem einstigen Stürmer der Durchbruch beim FC Brügge gelang. Über Paris Saint-Germain landete der 29-Jährige schließlich beim BVB.

Im Interview mit SPOX und Goal erzählt Meunier ausführlich seine ungewöhnliche Geschichte. Der BVB-Rechtsverteidiger spricht dabei über einen "Betrug" beim Futsal, virale Videos, den ungekannten Ruhm und die glitzernde Welt bei PSG.

Zudem äußert sich Meunier zu seinem Zoff mit den Pariser Ultras, der schwachen ersten Saison in Dortmund und seinem Wunsch für das Karriereende.

Herr Meunier, Sie wurden 2006 mit 14 Jahren als Stürmer in der Nachwuchsakademie von Standard Lüt­tich aussortiert und wollten anschließend mit dem Fußball aufhören. Haben Sie mittlerweile als Profi noch einmal mit den damaligen Verantwortlichen über deren Entscheidung gesprochen?

Thomas Meunier: Nein, denn sie lagen zweifelsohne richtig. Ich war sehr oft verletzt und hatte Probleme mit der Leiste, dem Rücken und den Knien. Ich habe ihnen auch zu verstehen gegeben, dass es nicht meins ist, Fußballprofi zu werden. Man hatte als Spieler in der Akademie kaum ein Leben. Ich wollte aber eines haben und war weder bereit noch motiviert genug, alles zu opfern.

Sie haben es Ihrer Mutter zu verdanken, dass Sie anschließend bei einem Klub namens Royal Excelsior Virton landeten.

Meunier: Sie las eine Anzeige in der Zeitung, wonach der Verein einen Sichtungstag für junge Spieler ausrichten würde und rief dort einfach an. Sie wusste, dass Fußball mein Leben war, auch wenn ich kein Profi werden wollte. Der Fußball war trotzdem die einzige Sache, die ich wirklich liebte. Doch ich wollte im Grunde nur meine Ruhe haben und auch nicht ständig über Fußball sprechen.

Mussten Sie dann überredet werden, um dorthin zu gehen?

Meunier: Nein, aber ich habe es nur zum Spaß gemacht. Ich durfte in der U16 mitspielen. Wir haben gegen ein unterklassiges Team 15:3 gewonnen und ich habe zehn Tore geschossen. Dann dachte ich mir: Ach, wieso soll ich es nicht einfach noch einmal versuchen?

Sie spielten lange nebenbei auch Futsal. Für denselben Verein?

Meunier: Nein, für Olympique IDT. Wir spielten in der dritten nationalen Futsal-Liga. Über zehn Jahre lang habe ich Futsal gespielt, das hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Ich sage zu meinen Freunden bis heute: Wenn man mit dem Futsal ähnlich gut verdienen würde wie mit dem Fußball, hätte ich mich längst dafür entschieden.

Sie spielten auch noch Futsal, als Sie bereits in Virton mit 17 Ihr Debüt in der ersten Mannschaft, damals in der 2. Liga, gaben. Wie vertrug sich das beides zusammen?

Meunier: Wir hatten jeden Freitag ein Futsal-Spiel und samstags habe ich dann in Virton gestürmt. Es wurde sogar ein anderer Name in meinen Spielerpass geschrieben, damit mir das möglich ist. Nach ein paar Monaten hat mich aber jemand verraten, so dass ich mich schließlich für eine der beiden Mannschaften entscheiden musste. Beides war leider nicht möglich. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit Virton in der semi-professionellen dritten Liga, in der ich gutes Geld bekam. Daher blieb mir keine Wahl.

Da Sie in Virton 600 Euro pro Monat ver­dienten, haben Sie sich einen Job gesucht und als Postbote angefangen. Wie kam das zustande?

Meunier: Ich schloss mit 18 die Schule ab, konnte aber nicht in eine große Stadt zum Studieren gehen, da ich ja in Virton spielte und wir viermal die Woche Training hatten. Zudem liegt Virton eine Autostunde von meiner Heimatstadt entfernt, daher war das alles nicht machbar. Ich musste mir also einen Job suchen. Einer meiner Kumpels arbeitete bei der Post. Er meinte, dass sie dort befristete Arbeiter suchen und ob ich nicht Lust hätte. Ich dachte mir: Warum eigentlich nicht Postbote und unterschrieb einen Vertrag über zwei Monate.

Wie sahen Ihre Arbeitszeiten aus?

Meunier: Die Schichten begannen um 4.30, fünf Uhr und endeten um zwölf. Das war für mich perfekt, denn abends war ja Training in Virton. So hatte ich genug Zeit und musste mich nicht beeilen. Es war wirklich schön, Postbote zu sein.

Wie viel bekamen Sie dort?

Meunier: 1000 Euro. Das war auch der Betrag, mit dem ich monatlich ungefähr rechnen konnte, denn das Geld, das ich vom Fußball bekam, ging fast komplett für Benzin drauf. Ich musste ja fast täglich hin- und herfahren. In meinem Vertrag waren aber zum Glück auch ein paar Sieg- und Torprämien enthalten. In einem sehr guten Monat kamen so am Ende auch mal insgesamt 2500 Euro herum.

Nach den zwei Monaten als Postbote heuerten Sie in der Fabrik von "Autover" an, einem Hersteller von Autofenstern. Dort mussten Sie von sechs bis 14 Uhr ran, füllten Regale auf und kamen im Monat auf 1200 Euro. Wie sind Sie dort gelandet?

Meunier: Der Co-Trainer von Virton arbeitete da und vermittelte mich. Ich habe später sogar noch bis zum Sommer weitergearbeitet, nachdem ich im Januar 2011 meinen ersten Profivertrag in Brügge unterschrieben hatte.

Wie sah zu diesem Zeitpunkt Ihre Motivation für den Fußball aus, haben Sie irgendwie Richtung Profigeschäft geschielt?

Meunier: Kein bisschen, das erschien mir vollkommen unmöglich. Mein Wunsch war es weiterhin, ein normales Leben führen und Zeit mit meiner Freundin, meinen Kumpels und meiner Familie verbringen zu können. Ich konnte damals an einem Freitagabend mit meinen Jungs weggehen oder einen Film im Kino schauen und samstags auf dem Feld stehen. Ich hatte keinerlei Druck - und das gab am Ende den Ausschlag, dass ich doch noch Profi wurde. Ich habe mich total wohlgefühlt, konnte befreit aufspielen und schoss sehr viele auch sehr schöne Tore.

Videos davon landeten schließlich bei YouTube. Es entwickelte sich ein regelrechter Hype um Sie, da diese Videos viral gingen und plötzlich ganz Belgien über den Drittliga-Stürmer sprach, der solch schöne Treffer erzielt.

Meunier: YouTube ist in erster Linie für meinen Erfolg verantwortlich. Bei dem Spiel, von dem das erste Video viral ging, war ein lokaler Fernsehsender vor Ort und zeichnete die Partie auf. Das landete aber erst danach bei YouTube, da es Fans vom TV abfilmten und online stellten. Sie wollten mich und meine Tore pushen, denn ich traf damals echt wie wild: per Rabona, per Volley, direkt ins Kreuzeck. Es war vollkommen verrückt, was daraus und auch den folgenden Videos geworden ist.

Wie haben Sie auf diesen plötzlichen Hype reagiert?

Meunier: Mir war zwar sehr bewusst, was gerade geschieht, aber die Sache brach mit voller Wucht über mich herein. Von einem auf den anderen Tag stand mein Name in der Zeitung. Selbst außerhalb von Wallonien in Flandern, also im nördlichen Teil Belgiens, wurde über mich gesprochen.

Das traf sich gut, denn die Mehrzahl der belgischen Profiklubs ist in Flandern beheimatet. Haben Sie gehofft, dass durch die Sache nun doch etwas Richtung Profibereich geht?

Meunier: Nicht wirklich. Nachdem aber auch dort über mich gesprochen wurde, kam mir dieser Gedanke schon. Ich habe nichts erwartet, aber ein kleines bisschen geträumt. Ich spielte in der dritten Liga und hatte zuvor schon ein paar Anfragen aus der zweiten. Das war besser als nichts. Ich wollte aber nicht für 500 Euro mehr 200 Kilometer von meiner Heimat entfernt spielen.

Hatten Sie denn einen Berater oder wie sind Sie vorgegangen, als auf einmal beinahe die Hälfte der belgischen Erstligaklubs hinter Ihnen her war?

Meunier: Über meinen Schwiegervater Didier Panzokou, der früher auch Profi war, lernte ich zu genau diesem Zeitpunkt einen seiner ehemaligen Mitspieler kennen. Er hatte ein paar Kontakte zu Erstligisten. Da ich nur 200.000 Euro kosten sollte, stellte ich für die Vereine kein finanzielles Risiko dar. Plötzlich wollten sie mich alle haben.

Sie wechselten zum FC Brügge, einem der ältesten und erfolgreichsten Vereine des Landes. Nach welchen Kriterien haben Sie denn entschieden?

Meunier: Ich wollte zum bestmöglichen Verein, denn es ist immer einfacher, wenn du mit den bestmöglichen Spielern zusammenspielst. Mir haben zwar fast alle gesagt, ich solle das nicht machen, weil der Sprung zu groß sei. Wäre ich aber zu einem kleineren Klub gegangen, der gegen den Abstieg kämpft, wäre ich eventuell schnell in der zweiten Liga gelandet. Ich dachte mir: Wenn das bei Brügge nicht hinhaut, kann ich immer noch einen Verein finden, der sich normalerweise ohne größere Schwierigkeiten in der ersten Liga hält. Brügge wollte mich auch direkt weiterverleihen, doch am Ende entschied der Trainer, mich zu behalten.

BVB - Thomas Meunier und die Leistungsdaten seiner Profi-Karriere

VereinSpieleToreVorlagenMinuten
FC Brügge198202215.007
Paris Saint-Germain12813229600
Borussia Dortmund33121969
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