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Fussball

Christopher Trimmel von Union Berlin im Interview: "Wenn alles passt, geht es rein in den Moshpit"

Christopher Trimmel zeigt seinen tätowierten Oberkörper (Stand August 2018).

Christopher Trimmel ist nicht nur Kapitän von Union Berlin, sondern auch professioneller Tätowierer, ehemaliger Bauarbeiter und leidenschaftlicher Konzertgänger. Im Interview mit SPOX und Goal erzählt er von seinen unterschiedlichen Leidenschaften.

Der 33-jährige Österreicher schwärmt von Zlatan Ibrahimovics Rücken, erteilt Handwerkern ein Hausverbot und berichtet von seiner Stabilität in Moshpits.

Herr Trimmel, Union Berlin ist aktuell Tabellenachter, Sie persönlich stehen bereits bei sechs Assists und nach jahrelanger Abstinenz wieder regelmäßig im Kader des österreichischen Nationalteams. Zufrieden?

Christopher Trimmel: Ich erlebe gerade die schönste Zeit meiner Karriere.

Union gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als Kult-Klub. Wie erleben Sie das von innen?

Trimmel: Das ist für einen Außenstehenden schwierig zu erklären. Der Klub und das ganze Umfeld sind sehr familiär. Wir Spieler machen privat viel zusammen und pflegen auch einen engen Kontakt zur Fanszene.

Sie spielen seit sechseinhalb Jahren für Union. Welche verbindenden Momente mit der Fanszene sind Ihnen dabei besonders in Erinnerung geblieben?

Trimmel: In erster Linie der Aufstieg und der Platzsturm samt Party danach, aber auch der Abschied des langjährigen Capos Vossi bei einem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach im November 2019. Alle Spieler kannten ihn persönlich und wussten, mit wie viel Herz er dabei war. Vossi wollte seinen Abschied nicht an die große Glocke hängen, aber da haben wir nicht mitgemacht. Wir haben spezielle T-Shirts vorbereitet und sind für ihn Spalier gestanden. Das war ein rührender Moment.

Stehen Sie als Kapitän mit den führenden Figuren der Fanszene besonders eng in Kontakt?

Trimmel: Ja, und das habe ich schon bei meinem Ex-Klub Rapid so gemacht. Ich schreibe und telefoniere ständig mit ihnen. Wir besprechen, was wir uns gegenseitig geben können: Zum Beispiel, ob die Fans vor einem Spiel als Motivation eine geile Choreo organisieren. Sowas ist wegen der Geisterspiele aktuell zwar leider nicht möglich, den regelmäßigen Austausch finde ich aber gerade deswegen umso wichtiger. Weil die Fans nicht ins Stadion dürfen, muss man ihnen auf anderen Wegen Nähe zurückgeben.

Bei einigen Geisterspielen waren Gesänge von außerhalb des Stadions zu hören. Wie kommt das bei den Spielern an?

Trimmel: Das muss man sich mal vorstellen: Da stellen sich Fans in den Wald, sehen nichts vom Spiel und feuern uns einfach nur an. Allein der Umstand ist motivierend. Und dann schreien sie nicht nur herum, sondern liefern sogar koordinierten Gesang - natürlich unter Einhaltung aller Abstandsregeln.

Union-Kapitän Trimmel über seine Leidenschaft Tätowieren

Als Dankesgeste an die Fans haben Sie ihnen nach dem Aufstieg angeboten, gegen Materialkosten Aufstiegs-Tattoos zu stechen. Wie viele Fans haben dieses Angebot in Anspruch genommen?

Trimmel: Nach ungefähr 30 musste ich aus zeitlichen Gründen aufhören. Das waren sehr schöne Begegnungen, weil ich auf diesem Weg ganz persönliche Aufstiegsgeschichten gehört habe.

Sie betreiben ein eigenes Tattoo-Studio. Wie sind Sie zum Tätowieren gekommen?

Trimmel: Kunst war neben dem Fußball schon immer meine zweite große Leidenschaft. Als Kind habe ich gerne gezeichnet und sogar an Wettbewerben teilgenommen. Daraus hat sich meine Liebe zu Tattoos entwickelt. Mit 16 habe ich mir das erste stechen lassen, ein Tribal am Bein. Während ich in Wien studiert habe, war ich fast wöchentlich bei meinem Tätowierer. Irgendwann haben wir beschlossen, dass ich es selbst versuche. Es hat mir Spaß gemacht und ich bin drangeblieben. Vor eineinhalb Jahren habe ich ein Gewerbe als selbstständiger Tätowierer angemeldet und betreibe seitdem mein eigenes Studio. Nach meiner Karriere als Fußballer will ich hauptberuflich tätowieren.

Wie viel Zeit widmen Sie dem Tätowieren aktuell pro Woche?

Trimmel: Im Schnitt wahrscheinlich 15 bis 20 Stunden. Meistens tätowiere ich am Montag und Dienstag. Zeitlich so weit weg von den Spielen wie möglich, weil es sowohl mental als auch körperlich für den Rücken anstrengend ist. An den übrigen Tagen kümmere ich mich hauptsächlich um die Zeichnungen und den Kundenkontakt. Zusätzlich befasse ich mich sehr intensiv mit Kunst- und Tattoo-Geschichte. Ich konsumiere viel Fachlektüre und bin bis Beginn der Corona-Pandemie auch regelmäßig auf Tattoo-Conventions gegangen, um Tätowierer aus der ganzen Welt kennenzulernen und mir ein Netzwerk aufzubauen.

Stehen Sie für einen bestimmten Stil?

Trimmel: Ich habe mich bisher auf keinen Stil eingeschossen, passe mich den Kundenwünschen an und probiere mich in allen Bereichen. Langfristig will ich mich aber auf den Realismus spezialisieren. Das ist der schwierigste Stil, weil man bei Porträts anders als bei Grafiken jeden kleinen Fehler sieht.

Zeichnen Sie die Entwürfe auf Papier oder digital?

Trimmel: Ich mache mittlerweile mehr auf dem iPad, weil die Technik vieles vereinfacht. Aber eigentlich bin ich von der alten Schule. Am liebsten nehme ich einen Bleistift und ein Blatt Papier in die Hand.

Trimmel: "Der Rücken von Ibrahimovic gefällt mir sehr gut"

Zeichnen Sie Bilder auch unabhängig von Tattoo-Entwürfen?

Trimmel: Ja, das ist schließlich die Basis. Gerade im Realismus ist es wichtig, dass man viel probiert und somit Details lernt. Zum Beispiel, wie man bei einem Gesicht mit Schattierungen den Effekt von Dreidimensionalität hinbekommt. Bei solchen Details sehe ich bei mir persönlich große Fortschritte. Wenn ich mir heute ein Porträt anschaue, das ich vor zehn Jahren gezeichnet habe, lache ich mich tot. Und in zehn Jahren wird es mit meinen Zeichnungen von heute hoffentlich nicht anders sein.

Haben Sie schon mal einen Mitspieler tätowiert?

Trimmel: Mehrere sogar, zum Beispiel Cedric Teuchert und Fabian Schönheim.

Gibt es Tattoos von anderen Fußballern, die Sie besonders begeistern?

Trimmel: Der Rücken von Ibrahimovic gefällt mir sehr gut. Er hatte früher viele einzelne Symbole, die er sich von seinem Tätowierer dann zu einem großen Bild zusammenfügen ließ. Das ist eine riesige Herausforderung. Seit ich darauf aufmerksam geworden bin, verfolge ich seinen Tätowierer über die sozialen Medien.

Welches Fußballer-Tattoo gefällt Ihnen gar nicht?

Trimmel: Für mich gibt es keine schlechten Tattoos. Viele stammen aus Zeiten, in denen es nichts Besseres gab. Obwohl es vielleicht nicht das schönste Tattoo ist, würde ich mir mein Tribal am Bein beispielsweise niemals entfernen lassen, weil es mich an eine gute, alte Zeit erinnert.

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