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Fussball

Youssoufa Moukokos Ex-Trainer Michael Feichtenbeiner im Interview: "Mir hat Moukoko manchmal leidgetan"

Youssoufa Moukoko vom BVB absolvierte vier U16-Länderspiele unter Michael Feichtenbeiner.

Seit über 30 Jahren arbeitet Michael Feichtenbeiner als Trainer und Sportdirektor im Fußballgeschäft. Zwischen 2015 und 2019 trainierte der 60-Jährige die U15, U16 und U17 des DFB - darunter auch den damals noch zwölfjährigen Youssoufa Moukoko, der am kommenden Wochenende mit 16 sein Bundesligadebüt für den BVB feiern könnte.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Feichtenbeiner, der aktuell in Malaysia als Technischer Direktor bei Selangor FA arbeitet, über seine Erinnerungen an das erste Kennenlernen mit Moukoko und den großen medialen Hype um ihn.

Zudem erklärt Feichtenbeiner, weshalb er dem Stürmer die Bundesliga zutraut und wie Moukoko einst beim Singen seine Mitspieler dirigierte.

Herr Feichtenbeiner, Youssoufa Moukoko feierte unter Ihnen in der U16 im September 2017 sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft - als Zwölfjähriger. Wie kam denn die Entscheidung zur Berufung damals zustande?

Michael Feichtenbeiner: Er war bei mir zuvor schon häufig bei den U15-Lehrgängen des 2002er-Jahrgangs dabei. Schon damals hat er als 2004er Jahrgang bei der U15 des FC St. Pauli mitgespielt und war bereits herausragend. Bei mir ist dann der Entschluss gereift, ihn nicht mit zu den 2001ern zu nehmen, sondern auf die 2002er zu warten. In diesem Jahr ist er nämlich auch nach Dortmund gewechselt und hat dort in der U15 ebenfalls mit den 2002ern gespielt. Er war in diesem Jahrgang also gut integriert und hat wie im Verein auch bei uns richtig gute Leistungen gebracht.

Ein Länderspiel für die deutsche U15 hat er aber nicht absolviert. Wieso nicht?

Feichtenbeiner: In Deutschland handhaben wir es so, dass wir über das gesamte Jahr eher ausschließlich Lehrgänge machen und nur zum Abschluss der Saison im Mai zwei Vergleichsländerspiele gegen die Niederlande absolvieren. Rein sportlich hätte er dort schon sein Debüt geben müssen, aber wir haben bewusst entschieden, ihn damals noch wegzulassen. Es dauerte ja dann auch nur ein paar Monate, bis er im September zu seinem U16-Debüt kam.

War er in Ihren Augen ein normaler Zwölfjähriger?

Feichtenbeiner: Nein, natürlich nicht. Er war körperlich extrem weit, hatte eine gute Muskulatur sowie insgesamt kompakte athletische, körperliche Voraussetzungen - auch schon mit zwölf. Er hat einfach super zu diesem zwei Jahre älteren 2002er-Jahrgang gepasst. Dass er dann trotzdem auch bei diesem Jahrgang alles zerschießt und keinerlei Starallüren zeigt, das war außergewöhnlich.

Wie haben Sie ihn als Typen kennengelernt?

Feichtenbeiner: Youssoufa ist ein ganz feiner und völlig normaler Junge. Der will einfach kicken. Für mich als Trainer war es bei all dem Hype um ihn beruhigend zu sehen, dass er auf dem Platz Kind geblieben ist. Er hatte Spaß mit seinen Teamkameraden und im Training war alles um ihn herum vergessen, da er da einfach Fußballer war. Man muss den Hut ziehen, wie er all die Dinge weggesteckt hat. Er hat da wirklich ein dickes Fell.

Wie groß war der mediale Hype um ihn zu dieser Zeit?

Feichtenbeiner: Es war in seinem Alter nicht so einfach wie bei den meisten anderen Spielern. Wir haben im Vorfeld natürlich überlegt, ob wir das einem Zwölfjährigen auch alles zumuten wollen. Die Medien hatten sich sehr auf die Geschichte mit seinem Alter und ob das denn wirklich alles so sein könne fokussiert. Bei seinem Debüt waren dann auch extrem viele deutsche Medien vor Ort. Das war für ihn in manchen Bereichen schon ziemlich anstrengend und nervig.

"Warum sollte ich an Moukokos Alter zweifeln?"

Wie haben Sie persönlich dabei empfunden?

Feichtenbeiner: Mir hat er manchmal leidgetan, wenn die Boulevardmedien meinten, in ihrem Sportteil einem Zwölfjährigen eine Doppelseite widmen zu müssen. Das war schon nicht normal. Unser damaliger Teammanager Markus Löw hat die Sache aber toll geregelt. Er war rund um die Spiele wie ein Bodyguard für Youssoufa.

Die Frage, ob Moukoko denn wirklich so jung ist, geisterte lange Zeit durch die Medien. Haben Sie sie sich auch gestellt?

Feichtenbeiner: Nein. Ich muss mich auf das verlassen, was an Geburtsurkunde und Personalausweis vorliegt. Warum sollte ich auch daran zweifeln? Erst recht, wenn ich einerseits einen Rocco Reitz sehe, der kürzlich sein Debüt in der Bundesliga für Gladbach gab, damals aber nur 1,40 Meter groß war und bei der U15 aussah wie ein Elfjähriger. Oder eben andere, die mit 14 oder 15 schon richtige Maschinen waren und man sich denkt: Das kann doch nicht sein, dass die noch so jung sind. Youssoufa war insofern kein Einzelfall.

Wie haben Sie sein Umfeld kennengelernt?

Feichtenbeiner: Zu Beginn hatte ich einen engen Austausch mit allen Verantwortlichen des FC St. Pauli. Wir sind dann auch einmal in Hamburg Essen gegangen. Da waren Youssoufa, sein Vater und der sportliche Leiter des St. Pauli-Nachwuchses dabei. Sein Vater war natürlich sehr um seinen Sohn bemüht. Wir befanden uns ständig in einem guten Kontakt mit allen Entscheidungsträgern, um immer genau abzuwägen, welcher nächste Schritt für ihn der beste ist. Auch später beim BVB wurde das alles sehr gut gehandhabt.

Wie hat Moukoko damals beim Essen denn auf Sie gewirkt?

Feichtenbeiner: Das war das einzige Mal, wo ich ihn wirklich ziemlich schüchtern erlebt habe. Damals ging er in Hamburg aber auch noch auf eine französische Schule und konnte noch nicht so gut deutsch.

Unmittelbar vor seinem möglichen Debüt in der Bundesliga hofft man beim BVB, dass die Erwartungshaltung an ihn nicht zu hoch angesetzt wird und man keine Glanztaten erwartet, wie er sie in steter Regelmäßigkeit im Nachwuchsbereich vollbracht hat. Wie sehen Sie seine aktuelle Situation?

Feichtenbeiner: Der Hype ist mittlerweile natürlich ungleich größer geworden, aber Youssoufa ist das Thema seit Jahren gewohnt und auch enorm gereift. Ich weiß, dass er gerne sein Bundesligadebüt geben würde. Das ist sein großer und berechtigter Wunsch. Es wird ja auch nur eine Frage der Zeit sein, bis das geschieht. Ich würde es ihm auch wünschen, dass es gleich am Samstag passiert, denn dann hat er es hinter sich und zumindest diese Schlagzeilen würden sich nicht wiederholen. Er muss aufgrund seines Alters schlichtweg damit leben, dass er mehr Medienaufmerksamkeit generiert als andere. Ich vertraue aber darauf, dass er das weiterhin cool wegsteckt.

"Moukoko wird noch manchen Rekord brechen"

Glauben Sie, dass er sich auf Anhieb beim BVB und in der Bundesliga durchsetzen kann?

Feichtenbeiner: Ja. Er hat diese Zielstrebigkeit in sich und gerade mit seinem linken Fuß einen sehr sauberen Abschluss. Youssoufa hat einfach Qualität. Gerade in einem Umfeld wie in Dortmund mit so vielen jungen Spielern ist es für ihn noch einmal ein Stückchen leichter. Das sieht man ja auch an Jude Bellingham, der als 17-Jähriger aus England kommend wenige Probleme zu haben scheint, das Niveau mitgehen zu können.

Inwiefern sehen Sie denn vielleicht auch Gefahren im Umgang mit Moukokos derzeitiger Situation?

Feichtenbeiner: Eine Gefahr würde ich es nicht nennen. Mit gerade einmal 16 in der Bundesliga zu spielen, ist allerdings schon etwas ganz Extremes. Von diesen außergewöhnlichen Talenten, die in ganz jungem Alter in den Fokus geraten sind, gibt es ja auch viele, die dann doch irgendwann mal stagniert sind. Man muss daher erst einmal abwarten, ob er auch die Karriere macht, die man ihm zurecht zutraut. Bis dahin ist es schließlich noch ein ganz weiter Weg.

Sie sind seit über 30 Jahren als Trainer tätig: Ist Moukoko das größte Talent, da Sie je trainiert haben?

Feichtenbeiner: Definitiv. Ein solches Talent gibt es in Deutschland nicht alle fünf Jahre. Er ist von seinen fußballerischen Fähigkeiten einfach überragend und ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Er hat ja überall seine Tore gemacht - und da wird es auch kein Ende geben. Youssoufa wird in der Bundesliga noch manchen Rekord brechen.

An welche besondere Anekdote erinnern Sie sich bei ihm am liebsten?

Feichtenbeiner: Wenn man bei uns in der U-Nationalmannschaft einmal leicht verspätet war oder das falsche T-Shirt angezogen hatte, mussten die Spieler bestimmte Dienste verrichten oder vorsingen. Viele haben ja eine große Klappe, aber wenn sie dann alleine vor dem Betreuerstab und den anderen 20 Spielern stehen, sieht es wieder anders aus. (lacht) Youssoufa musste auch zweimal singen. Clever wie er ist hat er alle Mitspieler nach vorne gebeten, um die Nationalhymne zu intonieren - und er hat sie dirigiert. Später in der U16 hat er ein französisches Lied gesungen und dazu seine tänzerischen Moves gemacht. Da haben alle gelacht ohne Ende.

Youssoufa Moukoko: Seine Statistiken in der BVB-Jugend

MannschaftSpieleToreTorvorlagen
Borussia Dortmund U19254710
Borussia Dortmund U17569016
Borussia Dortmund Youth League U19741
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