Fussball

Borussia Dortmunds hausgemachtes Sturmproblem: Früher war alles besser

Von Stefan Petri
Stürmten 2013/14 gemeinsam beim BVB: Robert Lewandowski (l.) und Pierre-Emerick Aubameyang

Im Champions-League-Auswärtsspiel bei Inter Mailand wird Borussia Dortmund (21 Uhr im LIVETICKER) zum wiederholten Mal auf Torjäger Paco Alcacer verzichten müssen. BVB-Trainer Lucien Favre muss improvisieren, ein echter Backup-Stürmer steht nicht zur Verfügung. Notlösungen statt einer echten Alternative - ein selbstgemachtes Problem.

Ein bisschen sehnsüchtig wird man im BVB-Quartier in Mailand am gestrigen Abend nach Piräus geschaut haben. Dort agierte der frühere BVB-Angreifer Robert Lewandowski mal wieder als personifizierte Lebensversicherung der Bayern und stellte mit einem Doppelpack die Weichen für den 3:2-Auswärtssieg des deutschen Rekordmeisters.

Sehnsüchtig nicht unbedingt im Hinblick auf die erfolgreichen Jahre mit dem polnischen Stürmer, konnte man mit ihm den Bayern schließlich 2011 und 2012 erfolgreich die Meisterschale streitig machen. Auch die erstaunliche Torserie Lewandowskis, der in den letzten zwölf Spielen immer getroffen hat, dürfte man verkraften. Schwarz-Gelb hat schließlich selbst einen durchaus fähigen Torjäger in den eigenen Reihen, der es immerhin in seinen ersten sechs Saisonspielen jedes Mal auf die Anzeigetafel geschafft hat.

Nein, es ist nicht nur die Tatsache, dass Lewandowski trifft und trifft und trifft, die es den BVB-Machern angetan haben dürfte - sondern auch die, dass der 31-Jährige spielt und spielt und spielt. Der letzte verletzungsbedingte Ausfall Lewandowskis im Bayern-Trikot datiert vom Januar 2018, während der oben erwähnte Torjäger, Paco Alcacer, aufgrund muskulärer Probleme erst gar nicht nach Mailand gereist ist.

BVB-Verantwortliche sind "schuldig im Sinne der Anklage"

Diese muskulären Probleme für sich genommen würden harmlos klingen, ein bisschen unglücklich vielleicht. Allerdings schließen sie sich an einen mehrwöchigen Ausfall Alcacers aufgrund einer Achillessehnenreizung an. Nimmt man die Verletzungen aus der Vorsaison dazu, muss man erst einmal tief Luft holen. Da wären: mehrfache muskuläre Probleme, Oberschenkelprobleme, eine Schulterverletzung, eine Zerrung und eine Armverletzung. Nein, ein Ironman vom Schlage Lewandowskis wird Alcacer wohl nicht mehr.

Und deshalb geht die Rechnung nicht auf, die BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Juli in den Ruhrnachrichten aufmachte, als er nach einem möglichen Backup für Alcacer befragt wurde. "Ich habe das Gefühl, dass wir einen gelernten Mittelstürmer haben. Und damit haben wir genauso viele gelernte Mittelstürmer wie Bayern München, nämlich einen", wischte Watzke die Bedenken weg.

Alcacer habe die Saisonvorbereitung voll absolviert und sei "dieses Jahr deutlich straffer", und zudem habe man ja auch noch "Mario Götze, Thorgan Hazard und Jacob Bruun Larsen, die diese Position spielen können." Die Stürmer-Diskussion, sie werde "überwiegend von den Medien geführt", betonte Watzke.

"Schuldig im Sinne der Anklage", muss man an dieser Stelle wohl konstatieren. Denn genannte Diskussion wollte der BVB auch in den vergangenen Wochen nicht führen, als Alcacer wahlweise von Götze, Marco Reus oder Julian Brandt in der Spitze vertreten wurde.

Auch Marco Reus gegen Inter nicht einsatzfähig

Gegen Inter ist Kapitän Reus ebenfalls nicht an Bord, das Fehlen seiner beiden besten Torschützen kommentierte Lucien Favre auf der Pressekonferenz am Dienstag gewohnt wortkarg: "Sie sind abwesend und fertig." Man habe "andere Spieler, die das auch gut machen können."

Andererseits muss es erlaubt sein, auf die Tatsache hinzuweisen, dass der Vergleich mit den Bayern, an denen man sich in diesem Jahr so offensiv orientiert, nicht funktioniert. Schließlich waren die Bayern lange auf der Suche nach einem Backup für Lewandowski, holten im Dezember 2017 schließlich Sandro Wagner - und konnten es sich erlauben, diesem rund ein Jahr später den Traum von der chinesischen Super League zu erfüllen. Ein Ersatzstürmer für die paar Minuten ohne Lewy, das lohnte sich einfach nicht.

Was nicht heißt, dass die Bayern-Fans nicht vor dem Ernstfall zittern. Sollte sich Lewandwoski tatsächlich einmal mittelschwer verletzen, hätte man keine 1B-, sondern lediglich Notlösungen.

Verlegenheitslösungen statt echter Mittelstürmer

Die fast regelmäßigen Verletzungen Alcacers, sie sind Realität. Und so wie in München gezittert wird, denkt man in Dortmund an die Zeiten zurück, als Lewandowski im Schatten von Lucas Barrios aufgebaut wurde und für diesen schließlich übernahm; analog lief es später mit Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang.

Oder als man als Backup für Aubameyang Adrian Ramos aus Berlin holte. Als Aubameyang im November 2016 für ein Spiel aus dem Kader flog, sprang Ramos ein und schoss den BVB mit seinem Tor gegen Sporting Lissabon ins Champions-League-Achtelfinale.

Das soll nicht heißen, dass Ramos in seinen Jahren beim BVB Bäume ausgerissen hätte (oder dass nicht eine Menge Glück dazugehörte, Ausnahmetalente wie Barrios, Lewandowski oder Aubameyang zu finden UND zu bekommen), aber wo damals echte Mittelstürmer in die Bresche sprangen, sind die von Watzke aufgezählten Spieler mehr Notlösungen denn echte Alternativen.

Hazard ist Flügelspieler und mehr Vorbereiter als Vollstrecker, Bruun Larsen bekommt fast gar keine Einsatzminuten mehr, egal auf welcher Position.

Mario Götze mit Problemen - Julian Brandt braucht noch Zeit

Selbst ein Mario Götze, der sich in der Saison 2018/19 als umfunktionierter Stürmer durchaus achtbar schlug, fühlt sich hinter der Spitze deutlich wohler. Favre scheint vom WM-Helden von 2014 an vorderster Front zudem nie ganz überzeugt gewesen zu sein. Zuletzt schob der Schweizer Neuzugang Julian Brandt neben Reus zentral in die Spitze, als "Neuner oder Neuneinhalber". Woran sich der Ex-Leverkusener erst noch gewöhnen muss: "Dieses Hin und Her ist schon ein bisschen schwierig."

Gegen Inter stellt sich ob der Abwesenheit von Alcacer und Reus der Angriff fast von selbst auf: Brandt und Götze werden sich als Stürmer und Zehner voraussichtlich abwechseln, flankiert von Hazard und Rückkehrer Jadon Sancho. Gut möglich, dass Brandt in seine neue Rolle hineinwächst, Favre setzt ohnehin auf Flexibilität und erwartet Torgefahr von allen vier Offensiven. Alcacers Rückkehr dürfte zudem kurz bevorstehen.

Mit jedem weiteren Spiel, das der Spanier verpasst, dürfte die Frage, ob die Verantwortlichen im Winter nicht doch noch einmal nachlegen müssen, aber ein Stückchen weiter in den Vordergrund rücken. Und der Blick hinüber zu den Bayern und Lewandowski noch sehnsüchtiger werden.

Dortmunder Offensive: Die Statistiken der Angreifer in dieser Saison

Spieler

EinsätzeStartelfSpielminutenToreVorlagen
Marco Reus12121.05761
Jadon Sancho111086147
Paco Alcacer9870971
Thorgan Hazard108692-5
Julian Brandt10450712
Mario Götze621991-
Jacob Bruun Larsen6-35-1
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