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BVB-Busfahrer und -Zeugwart Hartmut "Bomber" Wiegandt im Interview - Teil eins

Hartmut "Bomber" Wiegandt feiert mit Michael Rummenigge und Günter Kutowski den Pokalsieg des BVB 1989 in Berlin.
© imago

Hartmut "Bomber" Wiegandt ist ein Dortmunder Urgestein. Wiegandt war von 1982 bis 2002 Busfahrer und Zeugwart bei Borussia Dortmund.
 

Seite 1: Wiegandt über Kartoffeln auflesen für den BVB, seinen Spitznamen und den Alltag

Im Interview spricht Wiegandt über seinen Spitznamen, den Alltag beim BVB, Trikots für Polizisten, Dosenbier im Bus und den berühmten Zitronenkuchen. Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews mit Hartmut Wiegandt!

SPOX: Herr Wiegandt, Sie kommen gebürtig aus Hagen bei Dortmund und standen schon in den 1950er Jahren im Stadion Rote Erde, um den BVB anzufeuern. Wie sehen Ihre frühesten Erinnerungen an Borussia Dortmund aus?

Hartmut Wiegandt: Ich war immer schon Dortmunder. In meiner Straße gab es auch Fans von Schalke, aber das kam für mich nicht in die Tüte. Das Ganze geht auf meine Schulzeit zurück. Ich habe bei den ortsansässigen Bauern nach dem Unterricht den ganzen Tag Kartoffeln aufgelesen. Dafür bekam man sechs Mark. Das hat gereicht, um mit dem Zug nach Dortmund zu fahren und sich eine Jugendkarte zu kaufen. Ab dann habe ich kaum ein Heimspiel verpasst.

SPOX: Nach der Schulzeit haben Sie eine Lehre zum Elektriker gemacht, bis Sie von 1962 bis 1968 bei der Bundeswehr waren. Wann kam das Thema Busfahren zum ersten Mal auf?

Wiegandt: Ich habe alle meine Führerscheine beim Bund gemacht, auch den Busschein. Als ich entlassen wurde, habe ich alles umschreiben lassen und bei uns in der Nähe bei einem Busunternehmen angefangen. 1970 habe ich meine Frau Ulla geheiratet und bin anschließend zum Busunternehmen Quecke gewechselt, weil da Teile meiner Verwandtschaft arbeiteten. Dort bin ich über 15 Jahre lang Linienbus in Schwerte, Unna und Hagen gefahren - und nebenbei immer ins Stadion gegangen.

Wiegandt über seinen Start beim BVB und seinen Spitznamen "Bomber"

SPOX: 1982 fingen Sie beim BVB an und lösten den legendären Busfahrer Jupp Wietlake ab, der die Dortmunder jahrzehntelang fuhr. Woher wussten Sie, dass diese Stelle zu haben ist?

Wiegandt: Mein Vater hatte gemeinsam mit meiner Schwiegermutter ein Toto-Lotto-Geschäft geführt. Dank des leider kürzlich verstorbenen ehemaligen BVB-Spielers Hoppy Kurrat bekamen wir 1971 auch einen Kartenvorverkauf für Spiele der Borussia in den Laden. Er hatte eine Gaststätte, in der wir häufig aßen, er hat wiederum bei uns Lotto gespielt. Ich bin zu der Zeit häufig nach Dortmund gefahren und habe in der damaligen Geschäftsstelle unter der Nordtribüne die Abrechnung für die Karten gemacht. Dadurch hörte ich, dass der Busfahrer aufhören wird. Ich habe dann eine klassische Bewerbung abgeschickt.

SPOX: Wie sah die Rückmeldung aus?

Wiegandt: Jemand vom BVB rief mich kurz darauf an. Sie wollten, dass ich gleich am nächsten Wochenende mit zum Auswärtsspiel nach Karlsruhe fahre. Jupp Wietlake fuhr bis kurz nach Siegen, den Rest der Strecke habe ich übernommen. Nach der Partie ging's wieder in Arbeitsteilung zurück. Nach der Fahrt hat der Vorstand die beiden Kapitäne Manni Burgsmüller und Rolf Rüssmann gefragt, die direkt hinter dem Busfahrer saßen, wie ich mich geschlagen hätte. Sie wussten ja, dass Jupp aufhören wird und meinten nur: Den nehmen wir.

SPOX: Kurz darauf nannte Sie beim BVB jeder nur "Bomber". Lag das daran, dass Sie früher selbst erfolgreich Amateurfußball bei den Sportfreunden Sölderholz gespielt haben?

Wiegandt: Genau. Ich hatte einen Mitspieler, der bei der Polizei gearbeitet hat. Der hielt eines Tages den BVB-Spieler Bernd Klotz an, als dieser zu schnell fuhr. Bevor er ihn wieder weiterfahren ließ, sagte er noch: Grüßen Sie mir den Bomber! Klotz wusste von nichts und meinte: Welcher Bomber? Der Wiegandt heißt in unserem Verein Bomber, sagte mein Mitspieler. Und ab dem nächsten Tag hat mich beim BVB niemand mehr Hartmut genannt.

SPOX: Wie kann man sich den Bomber als Mittelstürmer vorstellen?

Wiegandt: Ich hatte vor allem einen wuchtigen Schuss. Früher war ich auch deutlich kräftiger und habe mich immer schön breitgemacht. Ich spielte bis zur Amateur-Oberliga und habe sogar zwei Spiele zusammen mit dem ehemaligen BVB-Kapitän Wolfgang Paul absolviert. Später wurde ich Obmann des Vereins und habe auch noch mit 40 und über 100 Kilo in Notfällen immer wieder ausgeholfen. Die Zuschauer riefen: Jungs, deckt den Vereinswirt! (lacht) Als ich bei der Borussia anfing, habe ich aber die Schuhe an den Nagel gehängt.

Hartmut "Bomber" Wiegandt und seine Titelsammlung mit dem BVB

TitelJahr
Deutscher Meister1995, 1996
DFB-Pokal1989
DFL-Supercup1989, 1995, 1996
Champions League1997

SPOX: Hätten Sie in dieser Anfangszeit gedacht, eines Tages einmal eine derartige Rolle beim BVB einzunehmen?

Wiegandt: Nicht im Traum.

SPOX: Kaum waren Sie Busfahrer, haben Sie auch den Job als Zeugwart übernommen. Wie kam das zustande?

Wiegandt: Jupp Wietlake und Zeugwart Walter Betzer waren schon ältere Semester. 1984 hörte dann auch Betzer auf. Ich hatte ihm sowieso immer geholfen, weil ich nicht wirklich ausgelastet war. Er hatte mir gezeigt, wie man die Klamotten vor dem Training auslegt, welche Schuhnummern zu welchen Trikotnummern gehören und so weiter.

SPOX: Hatten Sie Unterstützung?

Wiegandt: Nein. Ich wollte auch keinen, der mir dazwischenfunkt. Wenn ich es mache, dann alleine, habe ich immer gesagt. So musste ich keinen anscheißen und war für alles selbst verantwortlich. Das war aber eine Maloche, sage ich Ihnen. Wenn du da in der Nacht aus Hamburg vom Spiel gekommen bist, durfte ich am nächsten Morgen die Leder-Fußballschuhe alle einzeln putzen, Spanner rein und dann ab damit in den Trockenraum. Da habe ich keinen anderen rangelassen. Meine Frau hat immer gesagt: Du bist vielleicht bescheuert, irgendwann liegst du vorm Bus. (lacht)

Wiegandt über seinen Alltag als Busfahrer und Zeugwart beim BVB

SPOX: Was kam noch auf Sie zu?

Wiegandt: Metallkörbe mit Kleidung schleppen beispielsweise. Der BVB hatte in den 1980er Jahren kaum Geld, das wurde erst mit dem Pokalsieg 1989 besser. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich das so nicht mehr machen werde. Alle anderen hatten Kisten und Körbe mit Rollen, ich aber musste selbst schleppen und danach noch den Bus fahren. Und dann haben sie mich noch geneckt, dass ich abends beim Essen immer so reinhauen würde.

SPOX: Wann ging der Tag an einem Spieltag los?

Wiegandt: Ich habe zwischen 7 und 7.30 Uhr gefrühstückt und war immer der Erste, auch am Trainingsgelände. Anschließend bin ich mit dem Bus ins Stadion gefahren. Dort habe ich die Kabine aufgeschlossen und in aller Ruhe alles fürs Spiel vorbereitet. Danach wieder zurück ins Mannschaftshotel, Mittagessen, Verkehrslage checken und zwischen 13.30 und 14 Uhr ging es mit der Mannschaft ins Stadion. Da musste man höllisch aufpassen, nicht in einen Stau zu geraten. Wenn das passiert ist, haben mich die Jungs von hinten im Bus immer mit Sprüchen eingedeckt.

SPOX: Und wie sah der Alltag in der Trainingswoche aus?

Wiegandt: Morgens habe ich erst alles fürs Training ausgelegt. Danach wieder alles einsammeln, ab damit in die Wäscherei und wieder alles auslegen für das Nachmittagstraining. Wir hatten auch drei, vier Ausstattungssets, so dass ich während des späten Trainings schon alles für den nächsten Morgen vorbereiten konnte. So habe ich mir ein paar zeitliche Puffer einbauen können. Feierabend hatte ich meist zwischen 18 und 19 Uhr.

Seite 2: Wiegandt über Trikots für Polizisten, Dosenbier im Bus und den Zitronenkuchen

SPOX: Klingt ganz schön stressig.

Wiegandt: War es auch. Ich erinnere mich an die Fahrten an den Vierwaldstädter See, dort hatten wir einige Jahre lang unser Sommer-Trainingslager. Morgens habe ich den Bus vollgepackt und bin dann zehn Stunden lang dort runtergefahren. Meine Frau hat zehn Kuchen gebacken, die waren bei der Ankunft alle weg. Und dann musste ich dort noch den Bus komplett ausladen.

SPOX: Hat Ihnen dabei niemand geholfen?

Wiegandt: Anfangs nur selten. In den 1990er Jahren habe ich mich mal bei der Regierung um Ottmar Hitzfeld beschwert. Er hat dann die Ansage ans Team gemacht, dass künftig angepackt wird, weil der Bomber ja nicht alles alleine machen könne. Dann haben sie die Kisten ins Hotel geschoben und vor den Spielen auch zusammen mit mir den Bus eingeladen.

Hartmut "Bomber" Wiegandt und "seine" BVB-Trainer

TrainerZeitraum
Karlheinz Feldkamp01.07.1982 - 05.04.1983
Helmut Witte06.04.1983 - 30.06.1983
Uli Maslo01.07.1983 - 23.10.1983
Helmut Witte24.10.1983 - 30.10.1983
Hans-Dieter Tippenhauer31.10.1983 - 15.11.1983
Horst Franz16.11.1983 - 30.06.1984
Timo Konietzka01.07.1984 - 24.10.1984
Reinhard Saftig25.10.1984 - 27.10.1984
Erich Ribbeck28.10.1984 - 30.06.1985
Pal Csernai01.07.1985 - 20.04.1986
Reinhard Saftig20.04.1986 - 30.06.1988
Horst Köppel01.07.1988 - 30.06.1991
Ottmar Hitzfeld01.07.1991 - 30.06.1997
Nevio Scala01.07.1997 - 30.06.1998
Michael Skibbe01.07.1998 - 07.02.2000
Bernd Krauss08.02.2000 - 13.04.2000
Udo Lattek14.04.2000 - 30.06.2000
Matthias Sammer01.07.2000 - 30.06.2004

 

SPOX: Wie liefen die Busfahrten generell ab?

Wiegandt: Ich weiß noch, dass Michael Zorc bei den Rückfahrten von Auswärtsspielen immer genau wissen wollte, wann wir wieder in Dortmund ankommen. Er und ein paar andere hatten abends immer noch was vor. Die waren ja auch noch jung und wollten Gas geben. Ich bin manchmal gefahren wie ein Verrückter, das darf man eigentlich keinem erzählen. Einmal habe ich links einen PKW überholt. Als ich zu den Umkleidekabinen ins Stadion Rote Erde einbog, um das ganze Zeug wieder auszuladen, stand schon die Polizei da.

SPOX: Und?

Wiegandt: Ich hätte mit 110 km/h einen Wagen überholt, sie würden gerne einmal den Fahrtenschreiber sehen. Dann habe ich jedem ein Trikot in die Hand gedrückt und weg waren sie. Das konntest du früher alles noch machen. Ich habe anfangs auch kaum eine Pause gemacht. Einmal haben wir in Passau gespielt, da bin ich die fast 700 Kilometer nach dem Spiel am Stück nach Hause gefahren. Und am nächsten Morgen war wieder Training.

SPOX: Ist man bei Partien im Ausland auch mit dem Bus angereist?

Wiegandt: Bis 1989 sind wir nie geflogen. Ich bin alles selbst gefahren, kreuz und quer durch die Gegend. Als dann die Kasse etwas mehr klingelte, sind wir auch mal nach München oder Rostock geflogen. Ich habe damals einen zweiten Fahrer angeheuert, der ab und an ausgeholfen hat. Wenn wir geflogen sind, fuhr er mit dem Bus vor und ich saß mit der Mannschaft im Flugzeug. Nach der Ankunft habe ich mich dann wieder um die Klamotten und Schuhe gekümmert.

Wiegandt über Alkohol im BVB-Bus und den berühmten Zitronenkuchen

SPOX: Welche Erinnerungen haben Sie an die vielen Europapokalreisen Anfang der 1990er Jahre?

Wiegandt: Ich bin viel herumgekommen und es war immer schön, aber auch mit viel Arbeit verbunden. Am meisten konnte ich die Trainingslager genießen, denn da musste ich die Jungs nicht mit dem Bus zum Trainingsplatz fahren. Ich habe immer alles vorbereitet und sobald die weg waren, habe ich mich an den Swimmingpool gelegt. In der Schweiz hatten sie ein Sonnendeck und haben mir dort eine Liege sowie einen Kühlschrank mit Getränken hingestellt. Erst wenn die Spieler wiederkamen, habe ich das ganze Zeug aus deren Zimmern eingesammelt. In Spanien hatten wir immer den Bus von Real Madrid, damit unser eigener nicht kaputt gemacht wird. So konnten wir gemütlich ins Stadion oder zum Trainingsplatz fahren. Als wir 1989 bei Besiktas in Istanbul gespielt haben, bekamen wir von ihnen einen normalen Bus. Die Besiktas-Fans wussten aber irgendwie, dass wir da drinsitzen. Auf einmal flog ein großer Stein durchs Fenster und verfehlte den Kopf von Trainer Horst Köppel nur um Zentimeter.

SPOX: Apropos Kühlschrank und Getränke: Wie sah es denn mit Alkohol im Bus aus?

Wiegandt: Dosenbier hatte ich immer dabei. Von den Hotels nahmen wir immer Lunch-Pakete für die Rückfahrten mit und gerade nach den Spielen wurde immer mal wieder ein Döschen getrunken. Da hat auch keiner etwas gesagt, es hat sich ja niemand besoffen.

SPOX: Heute würde man die Hände über den Kopf schlagen.

Wiegandt: Häufig wurde auch Sprite getrunken, das besteht ja nur aus Zucker. Zu meiner Anfangszeit gab es immer Wasser, aber nur mit Kohlensäure. Irgendein Trainer, ich weiß nicht mehr wer es war, hat dann gesagt: Die Rülpserei muss aufhören. Er meinte, dass es nun ja auch Volvic gebe - ohne Kohlensäure. Kein Mensch wusste, was das sein soll. Also bin ich herumgefahren und habe das dann in einer Brauerei entdeckt. Später wurde uns das dann geliefert, zu Beginn habe ich das mit meinem alten VW immer selbst geholt.

SPOX: Wenn man in Dortmund von Ihnen spricht, fällt recht schnell das Wort "Zitronenkuchen". Den hat Ihre Frau gebacken und vor den Spielen an die Spieler verteilt. Das sollte Glück bringen. Wer kam auf diese Idee?

Wiegandt: Frank Mill. Früher habe ich meist Kekse und Bananen auf den Tisch in der Kabine gestellt. Meine Frau begann dann, ab und an einen Kuchen für nach dem Training zu backen. Franky meinte, sie könne doch auch mal einen Kuchen für den Spieltag machen. Das wurde dann der Zitronenkuchen. Als der in der Kabine stand, haben wir gesagt, dass wir ihn erst austauschen, wenn wir verlieren. Und das hat dann fast 20 Spiele lang gedauert. Den Spielern hing der Kuchen schon fast zum Hals heraus. (lacht)

SPOX: Von den Trainern gab es keinen Einwand?

Wiegandt: Nein, die haben ja mitgegessen.

SPOX: Was passierte nach der ersten Niederlage?

Wiegandt: Wir haben zum Schokokuchen gewechselt. Ich erinnere mich noch, dass Reporter wie Fritz von Thurn und Taxis oder Rolf Töpperwien bei mir an die Türe klopften, wenn die Spieler draußen beim Aufwärmen waren. Die wollten auch ein Stückchen Kuchen. Da war aber nichts zu machen. Hätte nämlich etwas gefehlt, hätte ich von den Spielern einen auf den Deckel bekommen.

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