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Fussball

"Nagelsmann ist der Beste von allen"

Seit Saisonbeginn ein Gespann: Co-Trainer Alfred Schreuder (l.) und Chefcoach Julian Nagelsmann

Alfred Schreuder war ein gestandener Spieler der niederländischen Eredivisie, begann nach der Karriere als Co-Trainer bei Vitesse Arnheim und wurde später bei Twente Enschede selbst Chefcoach. Über Huub Stevens kam der 44-Jährige zur TSG 1899 Hoffenheim und assistiert dort nun Julian Nagelsmann. Im Interview spricht Schreuder über den Start ins Trainergeschäft, sein Null-Spiele-Engagement bei der holländischen Nationalmannschaft, den frühen Tod seiner Tochter und erklärt, was er an Nagelsmann besonders beeindruckend findet.

SPOX: Herr Schreuder, Sie haben als Profi 338 Spiele in der Eredivisie heruntergerissen und die Niederlande nie verlassen - bis Sie Huub Stevens im Oktober 2015 ein paar Wochen nach Ihrer Entlassung als Chefcoach von Twente Enschede als Co-Trainer mit nach Hoffenheim nahm. Nun nach etwas mehr als 16 Monaten in Deutschland: Wie kommen Sie mit diesen Begebenheiten klar?

Alfred Schreuder: Es war ein großer Schritt für mich, erstmals die Familie zurück zu lassen. Ich bin fast den ganzen Tag über am Trainingsgelände und habe daher nur wenig Kontakt mit Leuten außerhalb des Klubs. Immerhin habe ich nun eine Wohnung gefunden und wohne nicht mehr im Hotel. Meine Frau und die drei Kinder sind knapp 500 Kilometer entfernt. Einmal pro Woche versuche ich nach Hause zu fahren, sie besuchen mich dann immer mal zu Heimspielen.

SPOX: Sind Sie damit zufrieden?

Schreuder: Das Trainergeschäft ist nun einmal familienunfreundlich. Man beschäftigt sich den ganzen Tag ausschließlich mit Fußball - und abends guckt man häufig noch das aktuelle Live-Spiel. Daher ist es für mich rein beruflich gesehen nicht schlecht, hier alleine zu wohnen.

SPOX: Sie kennen Stevens bereits seit Sie als 14-Jähriger im Internat der PSV Eindhoven wohnten, er war dort drei Jahre lang Ihr Trainer. Haben Sie sich über die Jahre regelmäßig ausgetauscht?

Schreuder: Wir hatten zwischenzeitlich nur noch ganz wenig Kontakt. In der Sommervorbereitung 2015 hatten wir mit Twente ein Testspiel gegen Schalke, Huub war als Zuschauer dabei. Anschließend hat er mich angerufen und wir haben nach etwas längerer Zeit mal wieder miteinander gesprochen. Da wird bei ihm wohl die Idee gereift sein, mich bei seiner nächsten Trainerstation eventuell mitnehmen zu wollen.

SPOX: Stimmt es, dass Stevens gar nicht verriet, mit wem er verhandelte und Sie dachten, er würde ein weiteres Mal beim VfB Stuttgart anheuern?

Schreuder: Ja. Ich hatte ihm gesagt, dass ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könne - aber nicht so schnell. Ich war sieben Jahre am Stück bei Twente und nach meiner Entlassung erst einen Monat ohne Job. Doch kurz darauf rief er wieder an, sprach von Hoffenheim und zwei Tage später waren wir dann dort. Das ging alles ganz schnell.

SPOX: Lange überlegen war also gar nicht?

Schreuder: Nein. Es gibt dazu auch eine Art Vorgeschichte: Als Kapitän von NAC Breda hatte ich mit 30 Jahren ein Angebot von Austria Wien, damals trainiert von Joachim Löw. Ich überlegt lange hin und her, doch meine Familie wollte nicht mitkommen. Drei Wochen später wurde Paul Bosvelt, Kapitän von Feyenoord, zu Manchester City verkauft - und dann hat mich Feyenoord als Ersatz geholt. Damals hieß es, dass ich Austria nicht zugesagt hätte, weil ich von Bosvelts Verkauf schon wusste. Das stimmt aber nicht. Dennoch wurde mir dadurch später bewusst, dass ich in meiner Karriere einmal gerne im Ausland gearbeitet hätte.

SPOX: Im kommenden Mai wird Ihre erste Trainerausbildung, die Sie mit 34 noch als Profi beim FC Twente begannen, zehn Jahre zurückliegen. Schon zu Ihrer aktiven Zeit trainierten Sie Jugendteams Ihres Heimatvereins SDV Barneveld. Woher kam die Begeistung für den Trainerberuf?

Schreuder: Sie kam auf jeden Fall schon sehr früh. Wim Jansen, der 1974 auch im WM-Finale stand, hat mich Anfang der 1990er Jahre als Profi zu Feyenoord geholt. Es hat mir sehr imponiert, wie er mit uns als Mannschaft umgegangen ist. Auch Huub Stevens muss ich nennen, da er mir als Jugendlicher den großen Schritt von Feyenoord nach Eindhoven ins Internat ermöglicht hat. Eine harte, intensive Zeit, wir waren nur 20 Stunden pro Woche bei unseren Familien - drei Jahre lang in Folge. Und das noch unter Huub. (lacht) Aber ich bin ihm sehr dankbar dafür, ich bin durch ihn als Spieler und Mensch schneller erwachsen geworden.

SPOX: Im Januar 2009 beendeten Sie bei Vitesse Arnheim Ihre Profilaufbahn und fingen unmittelbar danach als Co-Trainer an. Im Sommer desselben Jahres kehrten Sie nach Enschede zurück und begannen dort Ihren siebenjährigen Aufenthalt. Wieso dieser Einstieg und kein anderer?

Schreuder: Direkt nach dem Karriereende fehlten mir natürlich noch Lizenzen, um gleich als Chefcoach einzusteigen. Als ich 2008/2009 nach Arnheim wechselte, wurde Theo Bos, der leider schon verstorbene Mister Vitesse, dort mal wieder Trainer. Er hat mich gefragt, ob ich nicht meine Karriere beenden und auf Anhieb sein Co-Trainer werden möchte. Wir kannten uns sehr gut, daher habe ich das sofort gemacht. In den ersten sechs Monaten sind wir von Platz 17 im Abstiegskampf noch auf Rang zehn marschiert.

SPOX: Wenn es auf Anhieb so gut begann, wieso gingen Sie dann so schnell wieder zurück zu Twente?

Schreuder: Das hatte ich Präsident Joop Münsterman versprochen. Der Deal war: Ich spiele ein Jahr bei Vitesse, komme zurück nach Enschede und arbeite dort mit im Trainerstab. Diese Entscheidung war im Nachhinein gesehen auch die richtige, denn bei Twente ging Co-Trainer Erik ten Hag mit Fred Rutten nach Eindhoven und ich wurde dort unter Steve McClaren neuer Co-Trainer. Im ersten Jahr sind wir auch sofort Meister geworden.

SPOX: Nach drei Jahren bei Twente sollten Sie nach der EM 2012 in Personalunion Assistenztrainer von Bert van Marwijk bei der niederländischen Nationalmannschaft werden. Durch das Ausscheiden in der Vorrunde des Turniers verlor van Marwijk seinen Job und die Sache zerschlug sich.

Schreuder: Van Marwijk hatte mich 2003 aus Breda ein zweites Mal zu Feyenoord gelotst. Zu ihm hatte ich seitdem einen guten Draht. Er hatte schon immer ein Faible dafür, ehemalige Spieler als Co-Trainer bei sich zu engagieren. Im Winter, ein halbes Jahr vor der EM, war schon alles unter Dach und Fach: Philippe Cocu wurde Cheftrainer in Eindhoven und ich sollte Co-Trainer von Oranje werden. Mein Vertrag war aber sozusagen an van Marwijk gekoppelt und da er entlassen wurde und Nachfolger Louis van Gaal seinen eigenen Stab mitbrachte, war die Geschichte leider vom Tisch. Immerhin war ich der Null-Spiele-Co-Trainer, wie die holländische Presse dann schrieb. (lacht)

SPOX: In Enschede hatte McClaren zwischenzeitlich seine zweite Amtszeit angetreten, trat Ende Februar 2013 aber wieder zurück. Sie wurden kurzzeitig Interimstrainer, mussten jedoch ins zweite Glied rücken, da Ihnen die nötige Lizenz für die Eredivisie fehlte. War damals schon klar, dass die Rollen zwischen Chefcoach Michel Jansen und Ihnen getauscht werden, sobald Sie die Lizenz inne hatten?

Schreuder: Das war eine neue Situation im niederländischen Fußball. Jeder wusste schon vor meiner letzten Lizenz, dass ich dort das Training mache und Michel so etwas wie ein Teamchef war. Das war also eine Übergangslösung.

SPOX: Im Mai 2014 war es dann so weit: Sie hatten die UEFA Pro Lizenz in der Tasche und wurden umgehend zum offiziellen Cheftrainer ernannt, Jansen arbeitete fortan als Co-Trainer. War der Job in der vordersten Reihe auch Ihr großes Ziel?

Schreuder: Ich wollte Cheftrainer werden, natürlich. Die Stellen als Co-Trainer haben mir gerade am Anfang sehr geholfen, dadurch habe ich ein besseres Gefühl für alle Abläufe und Entscheidungen bekommen. Gerade bei Twente bin ich in die Rolle als Chefcoach etwas hineingerutscht: McClarens zweite Amtszeit war schnell vorbei, ich habe am Ende der Saison übernommen und diese paar Spiele liefen auch gut. Der Vereine fragte mich, ob ich nicht bleiben wolle und da ich keine Lizenz hatte, wurde das Modell mit Michel Jansen in Absprache mit dem holländischen Verband so akzeptiert.

SPOX: Von Ihren ersten 17 Pflichtspielen als Twente-Coach ging nur ein einziges verloren, nach etwas mehr als einem Jahr wurde Ihnen aber ein schwacher Saisonstart zum Verhängnis und Sie wurden entlassen. Haben Sie derzeit den Drang, in Zukunft noch einmal als Chefcoach zu arbeiten?

Schreuder: Im Moment nicht. Mir gefällt es unter Julian Nagelsmann richtig gut. Er vertraut mir und ich habe schnell verstanden, was er möchte. Auch fußballerisch ist es ein enormer Unterschied zur Niederlande. Die Qualität der Spieler, das Tempo, die Struktur und Ordnung - das ist alles auf einem höheren Niveau. Ich arbeite hier ohne den Druck eines Cheftrainers und viel individueller mit den Spielern. Das ist richtige Fußballlehrer-Arbeit.

SPOX: In Enschede erlebten Sie unter anderem Steve McClaren, Michel Preud'homme oder Co Adriaanse, bei der TSG kam Stevens hinzu, zuvor Arnheims Legende Theo Bos. Was haben Sie von diesen Kollegen mitgenommen?

Schreuder: Von jedem sicherlich ein bisschen, das ist im Detail aber schwer zu benennen. Am meisten Eindruck hat eindeutig Michel Preud'homme auf mich gemacht. Er kam nach der überraschenden Meisterschaft zu Twente und auch ganz allein, ohne irgendein Funktionsteam. Er wollte sich um alles selbst kümmern und viele neue Dinge einbringen - zuvorderst ein neues Spielsystem. Wir haben uns noch gefragt, wieso er trotz des Erfolgs so viel verändern wollte. Ihm ging es vor allem darum, das bekannte Erfolgsgefühl aus dem Vorjahr ein wenig zu verändern. Anfangs hatten wir noch Recht, denn der Saisonstart verlief schleppend. Am Ende hat er den Pokal und den Supercup geholt und ist ins Viertelfinale der Europa League eingezogen. Die Verteidigung des Titels wurde nur um einen Punkt verpasst, weil das letzte Saisonspiel in Amsterdam verloren ging.

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