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Fussball

Mustafa Kucukovic: Der Fall vom Bundesliga-Shootingstar zum Brandschutztechniker und Drogendealer?

Von Robin Haack
Er galt als größtes Sturmtalent Deutschlands und spielte an der Seite von Hummels und Neuer. Heute kickt Mustafa Kucukovic in der Bezirksliga.

Er galt als größtes Sturmtalent Deutschlands und spielte an der Seite von Hummels und Neuer. Heute kickt Mustafa Kucukovic in der Bezirksliga.

Dieser Text erschien erstmals im Mai 2018.

Ein eisiger Wind pfeift über den Kunstrasenplatz in Hamburg-Hamm. Es ist Februar 2017 und auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt steht eine Lokalreporterin bei Hamm United am Spielfeldrand, um ein Interview mit einem Winter-Neuzugang des Landesligisten zu führen. Mit dickem Winterparka bekleidet, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, beantwortet die neue Sturmhoffnung Mustafa Kucukovic die Fragen offen, ehrlich und souverän.

Schon bei der Auswahl der Fragen wird klar, dass dieser Kucukovic kein "normaler" Neuzugang eines Landesligisten ist. Denn statt über den Abstiegskampf der Hamburger oder kommende Gegner wie den TSV Sasel oder USC Paloma zu sprechen, drehen sich die Fragen um Greuther Fürth, den HSV, Hansa Rostock und seine Motivation, nun in der 6. Liga die Schuhe zu schnüren.

Zusammen mit Lehrern, Studenten und Handwerkern steht Kucukovic von nun an dreimal in der Woche auf dem Platz - Usus bei den Hobbyfußballern in der Landesliga. Von der ganz großen Karriere und der Bundesliga träumt hier keiner mehr. Schon gar nicht der Deutsch-Bosnier, denn der hat bereits ein ereignisreiches Intermezzo im deutschen Profifußball hinter sicher. Als Hobbyfußballer konzentriert er sich mittlerweile auf seine Umschulung im Bereich Brandschutz- und Sicherheitstechnik.

Mustafa Kucukovic: An der Seite von Neuer, Hummels und Boateng

Auf den ersten Blick eine merkwürdige Entwicklung, denn mit dem Thema Sicherheit hatte der inzwischen 34-Jährige in seiner Zeit als Profifußballer wenig zu tun. Statt für Sicherheit zu sorgen, war es als 1,93-Meter großer Sturmtank sein Job, Unruhe in den Strafräumen der Republik zu stiften, denn keine 20 Jahre ist es her, da galt Kucukovic als größtes Sturmtalent des Landes. Damals war er Junioren-Nationalspieler, stand zusammen mit Manuel Neuer, Kevin-Prince Boateng oder Mats Hummels auf dem Platz und schoss Tore wie am Fließband.

29-mal traf er 2003/04 in 29 Spielen für die U19 des VfL Bochum, womit er sein Team zur Vize-Meisterschaft ballerte. Nachdem es an der Seite von Neuer und Benedikt Höwedes in der Jugend des FC Schalke zuvor nicht optimal für ihn gelaufen war, erwies sich der VfL als perfekter Entwicklungsschritt, bis schnell zahlreiche Top-Klubs auf Kucukovic zukamen. "Ich hätte zu Bayern gehen können oder zurück zu Schalke 04. Auch ein Verbleib in Bochum war eine Alternative. Am Ende ging es nicht ums Finanzielle", erklärte er später in einem Interview, nachdem er sich für einen Wechsel zum Hamburger SV entschieden hatte.

Dort bot man ihm als 17-Jährigem die Möglichkeit, mit den Profis zu trainieren, bevor er mittelfristig fest zum Bundesligakader gehören sollte. Und die Versprechungen der HSV-Verantwortlichen sollten sich erfüllen. Mit 17 Jahren und zehn Monaten debütierte er am 11.09.2004 gegen den VfB Stuttgart als jüngster Hamburger der Historie in Deutschlands höchster Spielklasse.

Treffer im Nordderby: Der Höhepunkt von Mustafa Kucukovic

Wenig später folgte sein erster Treffer. Ausgerechnet im Nordderby, zum umjubelten Ausgleichstreffer gegen Werder Bremen. "Das war der schönste Moment meiner Karriere", sagte er rückblickend. Zu dieser Zeit lief es wie im Traum und Kucukovic spielte in seinem Kopf bereits das Szenario einer Traumkarriere durch, schließlich wurde er von der Presse gefeiert, war Junioren-Nationalspieler und kickte mit 17 bereits in der Bundesliga.

Doch, was er damals nicht wusste - es sollte der letzte große Bundesligamoment des Sturmtalents gewesen sein. Denn statt weiter stetig auf der Karriereleiter zu klettern, fand er nicht mehr so richtig in Tritt und es folgte eine echte Odyssee durch den deutschen und auch den europäischen Profifußball.

Zunächst an den ambitionierten Zweitligisten aus Fürth ausgeliehen, wollte sich Kucukovic als Jungprofi für höhere Aufgaben empfehlen, doch er konnte sich nie durchsetzen. Rückblickend machte er den großen Druck dafür verantwortlich. "Für die Anhänger war ich der Shootingstar aus der Bundesliga, eine Art Heilsbringer. Diesem Druck konnte ich nicht gerecht werden", gab er zu. Eine Entwicklung, die ihm zu denken gab.

Mustafa Kucukovic: Eine niederschmetternde Diagnose verändert alles

Als ewiges Talent abgestempelt, fiel er auch bei 1860 München durchs Raster, bevor er über Grenoble (Frankreich) und SönderjyskE (Dänemark) schließlich bei Energie Cottbus landete. Wider Erwarten hatte er an der Lausitz jedoch einen schweren Stand und wurde von den kritischen Anhängern schnell als Söldner verpönt.

Nach einigen Fehltritten und Negativschlagzeilen in der Boulevardpresse flüchtete er nach nur einem halben Jahr nach Zypern - auch, um dem Trubel und den Erwartungen an seine Person zu entkommen. Als es gerade ruhiger wurde und Kucukovic tatsächlich wieder Freude am Fußballspielen fand, meldete sich sein Schicksal und beendete die heile Welt innerhalb von nur wenigen Tagen.

Auf Zypern immer mal wieder von Magenschmerzen geplagt, blieb dem damals 25-Jährigen eines Morgens nichts anders übrig, als den Notarzt zu rufen. Die niederschmetternde Diagnose: Nierensteine. Doch damit nicht genug. Beim routinemäßigen Eingriff stellten die Mediziner fest, dass die rechte Niere des Deutsch-Bosniers schwer entzündet war. Zwei weitere Operationen waren nötig, um das Problem in den Griff zu bekommen und der Traum einer großen Karriere geriet plötzlich komplett in den Hintergrund - wichtig war einzig, wieder ein normales, schmerzfreies Leben zu führen.

Im besten Fußballeralter war Kucukovic also gezwungen, fast ein Jahr komplett auf Sport und zu viel Anstrengung zu verzichten - für einen jungen Mann, der sein ganzes Leben nichts lieber gemacht hat, als dem Ball hinterherzujagen, eine Tortur. Komplett mit dem Fußball aufzuhören war trotz des Schicksalsschlags aber keine Option und so kämpfte sich der 1,93-Hüne zurück und unterschrieb im Juli 2013 bei Hansa Rostock in der 3. Liga einen stark leistungsbezogenen Zwei-Jahres-Vertrag.

Mustafa Kucukovic: Brandschutztechnik statt Bundesliga

Unabhängig von seiner Krankheit hatte man in Deutschlands Profifußball inzwischen Bedenken, was die Qualitäten von Kucukovic angeht. Er galt als komplizierter Charakter, der schnell den Verein wechselte, wenn Probleme aufkamen - keine guten Voraussetzungen für den ersehnten Neustart. Knapp zwei Jahre spielte er für Hansa und hatte in dieser Zeit stets einen schweren Stand bei den Fans. Sein Söldner-Image wurde er nie komplett los, bis er seinen Vertrag auf eigenen Wunsch auflöste.

Mit dem Profifußball hat er seitdem abgeschlossen. Und während seine ehemaligen Mitspieler Mats Hummels, Sami Khedira (mittlerweile auch schon in Fußball-Rente) oder Manuel Neuer inzwischen gefeierte Weltmeister sind und längst Millionen verdient haben, spielte Kucukovic nur noch aus Liebe zum Spiel. Erst beim Lüneburger Sportklub Hansa in der Regionalliga und anschließend bei Hammer United. "Ich bin nicht unzufrieden, wie es gelaufen ist", sagt er noch vor nicht allzu langer Zeit, ehe er dann schon bald seine Schuhe an die Wand nagelte.

Er beendet am Ende seiner ersten Hammer-Saison Saison seine Karriere und hoffte dann, ein normales Leben zu führen - mit einem normalen Job im Bereich Brandschutz- und Sicherheitstechnik - weit weg von den Neuers und Boatengs in der Bundesliga.

Mustafa Kucukovic: Haftstrafe wegen Drogendealens?

Es wurde still um den heute 34-Jährigen. Doch im Jahr 2021 kam ein ganz anderer Nackenschlag auf Kucukovic zu: Der gebürtige Bosnier wurde festgenommen, weil er zusammen mit einer weiteren Person 310 Kilogramm Drogen erworben und verkauft haben soll.

Die Vorwürfe gegen Kucukovic sind handfest, zwischenzeitlich war der Ex-Shootingstar wieder auf freiem Fuß, um nun darauf zu warten, wie es weitergeht. Seine Unschuld beteuert er weiterhin.

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