Tennis

Saschas Traumwoche: Wie Zverev auch außerhalb des Platzes überzeugte

Alexander Zverev
© getty

Die ATP Finals in London haben mit einem Knall geendet: mit dem Sensationssieg von Alexander Zverev über Novak Djokovic. Die Leistung von Zverev auf dem Platz war grandios - aber sie stimmte auch abseits davon.

Von Florian Goosmann aus London

Alexander Zverev galt in Pressekonferenzen bislang als... nun, nennen wir es "schwieriger Kandidat". Gerne gab er patzige Antworten auf Fragen, die ihm nicht gefielen. Oftmals kam der Konter: "Hab ich schon zig Mal gehört, bitte nicht schon wieder." Im August erst forderte er einen Journalisten auf, sich die Mitschrift seiner Pressekonferenz von vor ein paar Tagen geben zu lassen, "ich bin sicher, die ATP händigt Ihnen gerne eine Kopie aus". Was Zverev gerne mal vergisst: Viele Lokaljournalisten kümmern sich im übrigen Jahr um anderes als Tennis, sie haben nicht alle Antworten der Monate zuvor mitbekommen.

Auch in London war Zverev kurz davor, einem später hinzugekommenen Reporter seine "Habe ich schon beantwortet"-Aussage abzuliefern und weiterzumachen. "Ich habe diese Frage schon drei Mal beantwortet", sagte er auch - dann zeigte er eine neueren Ansatz: "Aber ich kann sie noch mal beantworten, wenn Sie wollen." Und das tat er dann auch in einiger Ausführlichkeit.

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Gerne wird Zverev als unnahbar und kantig dargestellt, teils ist er das auch. Aber, und das ist bemerkenswert: Er hat seine eigene Meinung. Und äußert diese auch. Ein Lieblingsthema zuletzt: die Überfrachtung des Turnierkalenders. Wobei Zverev klarstellte: Es gehe nicht darum, dass unterm Jahr zu viele (verpflichtende) Turniere stattfinden, sondern um die Kürze der Off-Season. Vor einigen Jahren habe er nach dem Stockholm-Turnier (also Mitte Oktober) sein Jahr beendet und vier Wochen Fitnesstraining durchgezogen, gefolgt von vier Wochen Tennistraining. Als Top-8-Spieler geht das nicht mehr. (In eine ähnliche Kerbe schlug auch Roger Federer. Mit mehr Pausen könne man bestimmte Schläge trainieren, "ich könnte ein halbes Jahr nur Volley üben, oder Serve-and-Volley", sagte er.)

Zverev erklärte weiter, mit Novak Djokovic bereits über das Thema Auszeit gesprochen zu haben. "Er denkt seit zehn Jahren genauso, hat aber nie drüber geredet. Jetzt, wo es mehr Spieler thematisieren, spricht er es auch aus." Ob sich etwas ändert? Zunächst nicht - dank der Davis-Cup-Reform wird es 2019 für einige Spieler noch mehr.

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Amüsant die Coaching-Beziehung zu Ivan Lendl. Der gilt ja als Stoiker, allerdings pries schon Andy Murray seinen trockenen Humor. Davon hat Zverev auch genug. Für Irritation sorgte seine Aussage: "Wenn man zu strikt mit mir ist, was Regeln und Co. anbelangt, wird die Beziehung nicht lange halten." Das habe Lendl auch sehr schnell kapiert.

Im Laufe der Woche ruderte Zverev zurück. Bei wichtigen Dingen, beim Training also, sei er ja sehr diszipliniert. Wie Lendl die Sache sah? War ihm natürlich nicht anzumerken. Als er am Freitag auf den Platz trottete und Jamie Murray erblickte, grüßte er mit einem trockenen Kommentar und grinste. Vermutlich hatte er einen Witz gerissen.

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Nur in einem Punkt, der die Tenniswelt umtreibt, blieb Zverev schweigsam: Was denn Ivan Lendl genau mit ihm anstelle, an was man aktuell arbeite. "Er hat mir geraten, nichts darüber zu sagen. Also halte ich mich dran", erklärte er. Eine Sache ließ sich jedoch nicht verleugnen: der verbesserte Aufschlag. Dies sei tatsächlich ein großer Ansatzpunkt von Lendl gewesen, gab Zverev schließlich zu, nachdem er mit Djokovic im Finale den weltbesten Returnspieler in den Wahnsinn geballert hatte.

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Auffällig war schon zuvor, wie imposant der Aufschlag in dieser Woche kam. Gegen Isner habe er eigentlich mit weniger Tempo und mehr in die Ecken servieren wollen, "beim Satzball gegen mich habe ich dann doch mit 143 mp/h (230 km/h) nach außen aufgeschlagen, das war recht gut", flachste er. Das war es tatsächlich, das Ergebnis war ein Ass. Insgesamt schlug er gegen Isner übrigens 18 Stück. Und gegen Djokovic donnerte er in Satz eins ganze 88 Prozent erste Aufschläge ins Feld!

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Ob seine Vorhand der Schlag mit dem meisten Potenzial zur Verbesserung sei, wurde Zverev ebenfalls gefragt. "Ihr glaubt immer, meine Vorhand sei grottenschlecht", wunderte er sich und verzog sein Gesicht, wie er es gerne mal verzieht, wenn er irritiert ist und gleichzeitig einen Witz platziert. "Ich denke, dass sie eigentlich recht gut ist." Vor allem solle man sie doch bitte nicht mit der von Andy Murray vergleichen. Aber natürlich müsse er sie verbessern - wie jeden anderen Schlag auch.

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Der tolle Auftritt gegen gegen Roger Federer - er wurde etwas getrübt von den Pfiffen, die Zverev (zu Unrecht) erhielt, weil er während des Ballwechsels (zu Recht) auf einen Ball hinwies, der auf den Platz trullerte. Im On-Court-Interview mit Annabel Croft entschuldigte sich Zverev für die Situation, was ihm weitere Pfiffe einbrachte.

Verrückt: Zum einen gab es für Zverev keinen Grund zur Entschuldigung (er hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil er bei der Wiederholung ein Ass geschlagen hatte), zum anderen war es umso respektabler, dass er dennoch Sorry sagte, eben für die Situation an sich (und Federers Aus). Von vielen Dingen, die man in dieser Woche positiv über Zverev berichten konnte: Es war vielleicht die Aktion, die ihm am meisten Lob einbrachte.

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Dass Zverev in der Szene einen guten Ruf genießt, zeigte auch der Umgang mit Djokovic. Der gab sich als großzügiger Verlierer und meinte gar, er hoffe, dass Zverev ihn bei der Anzahl der ATP-Finals-Titel übertrumpfen werde (Djokovic gewann fünf Mal). "Ich wünsche ihm das aufrichtig. Er ist einer, der mit vollem Einsatz dabei ist. Zweifellos ist er eine total nette Person. Einer, der mit allen gut klarkommt." Und weiter: "Ich freue mich, dass er diesen großen Titel gewonnen hat, weil wir eine sehr gute und freundliche Beziehung pflegen. Wir wohnen am selben Ort, trainieren viel zusammen, sehen uns oft. Und er hat eine sehr nette Familie." Eine feine Wertschätzung unter Kollegen.

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Zverev hatte sich zuvor bei der Siegerehrung auch nicht lumpen lassen. "Ich möchte einfach sagen, was für ein großartiger Mensch du bist", pries er Djokovic. "Wir haben so tolle Gespräche, nicht nur über Tennis, sondern auch über andere Dinge, über das Leben." Um was genau man zuletzt sprach... das behielt er jedoch lieber für sich.

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