Boris Becker, Michael Stich und das vergebene Jahrhundert-Finale

Das Matchball-Drama um Michael Stich

Dienstag, 12.09.2017 | 20:18 Uhr
Michael Stich, Boris Becker
© imago

tennisnet.com blickt auf das tragische Davis-Cup-Halbfinale im Jahre 1995 in Russland zurück, das eine deutsche Negativserie in diesem Wettbewerb einläuten sollte.

Von Christian Albrecht Barschel

Im Jahre 1995 sieht die Lage im deutschen Herrentennis noch sehr rosig aus. Mit Boris Becker und Michael Stich verfügt der Deutsche Tennis Bund über zwei Weltklassespieler. Ein Karriereende der beiden deutschen Vorzeigespieler ist noch in recht weiter Ferne und ein möglicher vierter Triumph im Davis Cup ist zudem in Reichweite. Becker und Stich, die immer wieder Querelen untereinander hatten, ziehen endlich an einem Strang und wollen die "hässlichste Salatschüssel der Welt" endlich auch gemeinsam gewinnen.

Mit einem Sieg im Halbfinale in Russland soll der Grundstein für ein mögliches Heimfinale gegen die USA gelegt werden und der vierte Davis-Cup-Titel nach 1988, 1989 und 1993 gewonnen werden. tennisnet.com blickt auf dieses legendäre Davis-Cup-Wochenende zurück und beleuchtet vor allem das Matchball-Drama um Michael Stich, der zur tragischen Figur wurde.

"Wasser marsch" in Moskau

Vom 22. bis 24. September 1995 wird in der Moskauer Olympiahalle das Halbfinale zwischen Deutschland und Russland gespielt. Das Team um Kapitän Niki Pilic erlebt schon gleich zu Beginn eine negative Überraschung der besonderen Art. Die Auftaktpartie zwischen Boris Becker, Nummer vier der Welt, und Andrei Chesnokov, Nummer 59 der Welt, kann nicht rechtzeitig begonnen werden. Der Sandplatz, auf dem sich die Russen die besten Chancen ausgerechnet haben, ist völlig durchnässt. Was war passiert? In der Nacht wurde die Sprenganlage "versehentlich" die ganze Nacht laufen gelassen.

Die Russen wollten den schon vorher langsamen Platz noch um einiges langsamer machen, um die beiden Offensivspieler Becker und Stich auszubremsen. Nach komisch anmutenden Versuchen, den Platz mit kleinen Fönen trocken zu bekommen, geht die Partie mit einstündiger Verspätung schließlich los. Der Plan der Russen scheint aufzugehen. Becker, der im Davis Cup immer in Hochform ist und zu diesem Zeitpunkt eine Bilanz von 35:3-Einzelsiegen vorzuweisen hat, kommt mit dem Bedingungen auf dem Platz überhaupt nicht zurecht. Später wird er ihn als "schlimmsten Acker, auf dem ich je gespielt habe" bezeichnen.

Becker ackert auf dem "Acker", Stich glänzt gegen Kafelnikov

Der Deutsche verspielt eine 5:2-Führung, vergibt einen Satzball und verliert den Satz im Tiebreak. Doch Becker, wäre nicht der herausragende Davis-Cup-Spieler, wenn er sich davon beirren lässt. Nach nervenaufreibenden 3:38 Stunden ringt er Chesnokov mit 6:7 (4), 6:3, 7:6 (3), 7:5 nieder und sorgt für die 1:0-Führung für Deutschland, obwohl der Platz ihn an "Joggen am Strand" erinnert. Im zweiten Einzel treffen Michael Stich, Nummer zwölf der Welt, und Yevgeny Kafelnikov, Nummer sechs der Welt, aufeinander. Mit dem sicheren Gefühl der Führung spielt Stich gegen seinen "Angstgegner" Kafelnikov groß auf und bügelt den Russen in schnellen 2:13 Stunden mit 6:1, 4:6, 6:3, 6:4 ab. Es steht 2:0 für Deutschland und mehr als die halbe Miete zum Finaleinzug ist eingefahren.

Es scheint somit nur noch Formsache zu sein, dass der dritte und siegbringende Punkt geholt wird. Becker und Stich treten am Samstag gemeinsam im Doppel an und haben laut Aussage von Pilic "nie zuvor ein wichtiges Match verloren". Und das stimmt auch, denn beide holten nicht nur drei Jahre zuvor die olympische Goldmedaille, sondern gewannen auch alle drei gemeinsamen Davis-Cup-Doppel. Becker und Stich gehen als die klaren Favoriten in das Match gegen Kafelnikov und Andrei Olhovskiy.

Drama beginnt im Doppel, Becker zieht zurück

Doch vor allem Becker wirkt nicht ganz frisch in der Begegnung und zeigt ungewohnte Schwächen beim Aufschlag. Nachdem die Sätze eins und zwei mit 6:7 (3) und 4:6 verloren gehen, finden Becker/Stich zurück ins Spiel und gleichen mit 6:2, 7:6 (5) in den Sätzen aus. Dabei wehrt das Duo im vierten Satz vier Matchbälle ab. Eine Breakführung mit 4:2 im fünften Satz reicht aber nicht. Der Satz und das Match gehen mit 5:7 verloren und das Drama beginnt. Statt einer uneinholbaren 3:0-Führung steht es nur noch 2:1 für Deutschland.

"Es ist nicht so, dass wir schlecht gespielt haben oder einfache Bälle im letzten Satz ausgelassen haben. Es ist so gewesen, dass sie einfach jeden Ball getroffen haben", kommentiert Stich anschließend die Niederlage. Am nächsten Tag kommt es noch schlimmer für das Pilic-Team. Becker sagt seinen Einsatz im Spitzeneinzel gegen Kafelnikov ab. Begründung: Muskelprobleme im Rücken und in der Wade sowie Schmerzen am Knie. Bernd Karbacher muss für den deutschen Davis-Cup-Heroen einspringen und ist mit der Situation überfordert. Gegen Kafelnikov ist Karbacher mit 1:6, 6:7 (5), 2:6 chancenlos.

Stich als Hoffnungsträger gegen Chesnokov

Der Spielstand sagt 2:2 aus und das letzte Einzel zwischen Stich und Chesnokov muss die Entscheidung bringen. Die Voraussetzungen, dass Stich, auf dem nun die ganze Last sowie sämtliche Hoffnungen ruhen, Deutschland ins Davis-Cup-Finale bringt, sind dennoch gut. Denn im direkten Vergleich gegen Chesnokov führt der Elmshorner mit 6:3 und konnte dabei die letzten vier Spiele, die allesamt auf Sand ausgetragen wurden, gegen den Russen gewinnen. Doch, dass der Davis Cup eigene Gesetzte hat, wird sich auch diesmal im Hexenkessel in Moskau bewahrheiten.

Von Anfang an entwickelt sich ein Spiel der Gegensätze. Auf der einen Seite Stich, der mit Serve-and-Volley bedingungslos agiert und attackiert. Auf der anderen Seite Chesnokov, der mit Engelsgeduld reagiert und kontert. Bis zum 4:4 im ersten Satz ist Stich der etwas bessere Spieler, verpasst es jedoch, Kapital daraus zu schlagen. Doch dann schlägt Chesnokov gnadenlos zu, macht sagenhafte zwölf Punkte in Folge und gewinnt den ersten Satz mit 6:4.

Hitzige Atmosphäre in Moskau

Der Satzverlust ist aber so etwas wie der Weckruf für Stich, der in den beiden folgenden Sätzen die perfekte Mischung findet und mit kontrollierter Offensive den Russen an die Wand spielt. Mit 6:1, 6:1 holt sich der dominante Stich die 2:1-Satzführung - der Finaleinzug scheint wieder nur noch Formsache zu sein. Die Stimmung in der Moskauer Olympiahalle wird nun immer hitziger. Die sonst so kühlen russischen Zuschauer stören mit Zwischenrufen immer wieder den Spielablauf bei den Ballwechseln und klatschen, als Stich seinen ersten Aufschlag ins Netz oder Aus schlägt.

Irgendwann wird es auch dem französischen Oberschiedsrichter Gilbert Ysem zu bunt, der das russische Publikum über Lautsprecher zur Ruhe aufruft und darauf hinweist, dass es Konsequenzen für das eigene Team geben könnte. Stich scheint die hitzige Atmosphäre zu hemmen und gibt seinen Aufschlag zum 1:2 im vierten Satz ab. Ein weiteres Break zum 3:6 besiegelt den Satzausgleich durch Chesnokov.

Break zum 7:6, Stich hat Finale auf dem Schläger

Der Russe hat nun den Vorteil im fünften und entscheidenden Satz mit seinem Aufschlag immer vorlegen zu können. Chesnokov tut dieses auch souverän bis zum 5:5, Stich dagegen hat leichte Schwierigkeiten bei seinem Aufschlag und steht bei 4:5 schon zwei Punkte vor dem Matchverlust. Der Elmshorner erspielt sich bei 5:5 dann einen Breakball und stürmt bei jeder Möglichkeit an das Netz. Ein leichter Vorhandfehler macht das mögliche Break aber zunichte und Chesnokov geht wieder in Führung.

Stich hält dem Druck bei eigenem Aufschlag weiter stand, gleicht zum 6:6 aus und breakt Chesnokov anschließend. Die Entscheidung scheint gefallen, vor allem weil sich Stich bei eigenem Aufschlag zum 40:30 den ersten Matchball erspielt. Doch ein leichter Volleyfehler mit der Rückhand verhindert den Matchgewinn. Dann der zweite Matchball und wieder unterläuft Stich, der bei jedem Aufschlag bedingungslos Serve-and-Volley spielt, ein Fehler beim Rückhandvolley.

Neun Matchbälle bringen keine Entscheidung

Das Spielchen geht munter so weiter. Beim Matchball Nummer drei gelingt Chesnokov ein unerreichbarer Passierschlag, bei den Matchbällen vier und fünf segelt der Rückhandvolley erneut ins Aus. Beim sechsten Matchball hat Stich dann Pech mit der Netzkante, beim siebten und achten Matchball serviert er einen Doppelfehler. Der erste Aufschlag des Deutschen findet zu dieser Phase nicht mehr in das Feld von Chesnokov, der sich immer noch keinen Breakball erspielen kann. Es ist wie verhext bei den Matchbällen! "Ich habe nur an den Punkt gedacht und dass ich heim möchte", erklärt der Elmshorner hinterher.

Auf der Einstand-Seite glänzt Stich immer wieder mit herausragendem Serve-and-Volley, auf der Vorteilseite ist sein Selbstvertrauern aber wie weggeblasen. Beim neunten Matchball trudelt der Return des Russen vor der Grundlinie ein. Schließlich gibt es den ersten Breakball für Chesnokov, der diesen auch eiskalt ausnutzt. Die Moskauer Olympiahalle steht Kopf. Stich ist verständlicherweise völlig geknickt nach den neun ausgelassenen Matchbällen. Es kommt, wie es kommen muss. Der Russe bringt seinen Aufschlag zum 8:7 durch und hat danach bei 15:40 und Aufschlag des Elmshorners selbst zwei Matchbälle. Doch Stich wehrt jeweils mit zwei Schmetterbällen die Matchbälle ab und zieht den Kopf aus der Schlinge.

Doppelfehler beendet das Drama

Soll dieses Drama doch noch sein Happy End finden? Erstaunlicherweise hält Stich trotz dieser nervlichen Belastung noch lange durch. Seine Mannschaftskameraden Becker, Karbacher, Marc-Kevin Goellner sowie Teamchef Pilic feuern ihn immer wieder an. Aber das Match will einfach kein Ende finden. Bei Aufschlag von Chesnokov ist der Deutsche nun komplett chancenlos und erspielt sich in vier Aufschlagspielen nicht einen Punktgewinn. Mit etwas Mühe legt Stich nach und macht immer wieder den Ausgleich: 9:9, 10:10, 11:11, 12:12.

Bei 12:13 ist die Kraft des Deutschen aber am Ende angelangt. Chesnokov findet wieder einen Weg, um Stich am Netz in Bedrängnis zu bringen, erspielt sich ein 0:40 und hat somit drei weitere Matchbälle. Den insgesamt dritten Matchball kann Stich wieder mit einem Schmetterball abwehren. Doch dann ist alles aus und vorbei! Ausgerechnet mit einem Doppelfehler und passend zum Spielverlauf schenkt Stich nach 4:18 Stunden Spielzeit Chesnokov den Sieg und den Russen den Einzug ins Davis-Cup-Finale.

Stich: "Ich habe versagt"

Der Deutsche ist am Boden zerstört, vergräbt seinen Kopf minutenlang im Handtuch und weint bittere Tränen. Becker versucht seinen Landsmann zu trösten und massiert ihm seinen Rücken, doch Stich ist heute der einsamste Mensch in der Welt. Neun Matchbälle bei eigenem Aufschlag und keinen genutzt - es geht aber noch schlimmer. Zum Vergleich: Der Italiener Giorgio de Stefani konnte 1930 im Davis Cup gegen den US-Amerikaner Wilmer Allison 18 Matchbälle nicht nutzen und verlor ebenfalls. "Da gibt es nichts dran zu ändern: Ich habe versagt. Das war nicht die schlimmste, aber die schmerzhafteste Niederlage meiner Karriere. Als Menschen und Tennisspieler wird dieses Match mich immer prägen. Ich wusste nicht, wie brutal Sport sein kann" erklärt Stich hinterher.

Auch Pilic hadert mit dem Schicksal und spricht davon, dass man in den letzten Jahren viel Glück gehabt habe und dass es jetzt mit Zinsen zurückgenommen wird. Solch ein Comeback gegen einen Aufschläger wie Stich "so etwas passiert nur alle fünfzig Jahre". Damit war auch der große Traum vom Jahrhundert-Finale gegen die USA geplatzt. Der Einzug ins Finale hätte dem Deutschen Tennis Bund ein Gipfeltreffen mit Becker/Stich und Pete Sampras, Andre Agassi und Jim Courier beschert. Ein Spektakel, auf das die Tenniswelt sich riesig gefreut hätte.

Jahrhundert-Finale als Karriere-Krönung vor Augen

"Ein Finale in Deutschland gegen die USA kann die Krönung meiner Karriere werden", ist Becker vor dem Russland-Match voller Hoffnung gewesen. Doch es kommt schließlich anders. Das Finale, das in München oder Dortmund ausgetragen werden sollte, hätte dem Deutschen Tennis Bund laut Berechnungen mehr als zehn Millionen Mark in die Kassen gespült. "Es tat mir besonders leid für das Team, weil wir dadurch da so genannte Jahrhundert-Finale zu Hause gegen die USA mit Sampras und Agassi verpasst haben", sagt Stich nach Ende seiner Karriere.

Der 24. September 1995 markiert eine Zäsur im deutschen Davis-Cup-Team. Schon im Vorjahr war man zu Hause in Hamburg im Halbfinale an Russland gescheitert. Nach der bitteren 2:3-Niederlage in Moskau spielen Becker und Stich nie wieder gemeinsam im Davis Cup. Für den Elmshorner kommt es drei Wochen später dann knüppeldick. Beim ATP-Turnier in Wien knickt er mit seinem linken Fuß um und zieht sich einen schweren Bänderriss zu. Einige Monate später feiert er aber ein sagenhaftes Comeback. Als aktiver Spieler spielt Stich jedoch nur noch einmal im Doppel im Davis Cup. Das Drama von Moskau hinterlässt Spuren im deutschen Herrentennis. Erst 2007, zwölf Jahre später, erreicht das deutsche Davis-Cup-Team wieder das Halbfinale. Der Gegner ist Russland, gespielt wird in Moskau und es endet mit einer 2:3-Niederlage - trotz guter Chancen.

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