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Baltimore Ravens und die neue Offense um Lamar Jackson: Die Antithese

Die Baltimore Ravens um Lamar Jackson werden nächstes Jahr eine Offense spielen, die im krassen Gegensatz zum Trend der Zeit stehen wird.

Der Trend in der NFL geht ganz klar in eine Richtung: Das Passing Game ist Trumpf. Die Gehälter von Quarterbacks steigen und steigen, der Zusammenhang zwischen dem Passspiel und der Entscheidung über den Ausgang eines Spiels lässt sich immer intensiver nachweisen. Doch ein Team setzt auf den gegenteiligen Ansatz: Die Baltimore Ravens arbeiten an der spannendsten Rushing Offense 2019.

Die Offense, die gerade bei den Arizona Cardinals entsteht, ist für viele NFL-Analysten eines der spannendsten Projekte der kommenden Saison. Kliff Kingsbury installiert mit Kyler Murray seine Version der Air Raid Offense, es könnte in verschiedenen Bereichen des Passing Games neue Türen in der NFL aufstoßen und soll sich im Idealfall an die Spitze des Passing-Trends setzen.

In gewisser Weise sind die Baltimore Ravens auf dem entgegengesetzten Pfad unterwegs.

Obwohl Baltimore zu Beginn der Saison die passlastigste Offense der Liga stellte, hatte am Ende kein Team mehr Rushing-Versuche auf dem Konto als die Ravens - 547 Mal lief Baltimore den Ball. Nachdem Jackson in Woche 11 den Startplatz übernahm, war er alleine für durchschnittlich 17 Runs pro Spiel verantwortlich; eine enorme Quote.

Ab Woche 11 lief Baltimore bei 64 Prozent seiner Offense-Snaps, ein einsamer Spitzenplatz. Noch deutlicher war es bei First Down, hier spielten die Ravens zu 74 Prozent einen Run, gefolgt von den Seahawks (70 Prozent). Doch während Seattle dann bei Second Down deutlich häufiger den Ball warf (Run-Quote: 51 Prozent), blieben die Ravens auch hier der Run-Spitzenreiter (60 Prozent).

Lamar Jackson: Vom Gimmick zum Fokus

Kurzum: Baltimores Offense über grob das letzte Saison-Drittel nahm Rushing-Dimensionen an, wie man sie in der heutigen NFL eigentlich nicht mehr sieht; und die Ravens stellten ihre Offense während der Saison darauf um, als sich Flacco verletzte und sie den Quarterback-Tausch vollzogen.

"Eigentlich", betonte Coach John Harbaugh, "ist das quasi unmöglich. Aber wir hatten das schon vorher in die Offense eingebaut. Die Blocking-Schemes hatten wir trainiert, bereits im Training Camp. Dennoch ist es bemerkenswert, dass die Coaches und Spieler das so umsetzen konnten." Bis er als Starter übernahm, war Jackson ein Gimmick-Player, der für einzelne Run- und gelegentliche Trick-Plays aufs Feld kam. Und wie auf Knopfdruck war plötzlich die gesamte Offense um ihn herum gestaltet.

Das soll sich jetzt fortsetzen und intensivieren. Die Ravens sehen ihre Run-lastige Offense mit Jackson nicht als Eintagsfliege oder Übergangslösung, bis Jackson sich vielleicht als Passer steigert und seine Accuracy konstanter wird. Vielmehr sehen die Coaches das, was man letztes Jahr mit Jackson gesehen hat, erst als den Anfang einer neuen Offense, mit der sie auch 2019 angreifen wollen.

"Wir werden verschiedene Aspekte nutzen", führte Harbaugh im Adam Schefter Podcast weiter aus, "wir werden Dropback-Pässe haben, ein Downhill-Run-Game, Run Pass Options, Triple Options, Play Action, Zone-Runs - wir werden viele verschiedene Dinge einsetzen, um Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen und für uns gute Matchups zu schaffen."

Ravens: Greg Roman als das Mastermind der neuen Offense

Eine Personalie, die in gewisser Weise sinnbildlich dafür steht, ist Greg Roman. Roman wurde nach der vergangenen Saison zum Offensive Coordinator befördert, und es gibt in der NFL derzeit wohl wenige Coaches, die derart viel Erfahrung mit Option-Offenses, die um einen Quarterback mit Rushing-Potenzial herum aufgebaut werden, hat. Roman war der Offensive Coordinator in San Francisco in der Hochphase von Colin Kaepernick, er war der Offensive Coordinator in Buffalo, als die Bills Tyrod Taylor verpflichteten.

Und Roman hat eine ganz nüchterne Sichtweise darauf, was eine Offense in der NFL heute ausmachen sollte - ein gewisses Maß an Einfachheit: "Wenn man sich heute College-Spieler anschaut und sich damit beschäftigt, wie sie lernen, in welchen Systemen sie spielen und welche Erfahrung sie mitbringen, dann ist das ein ganz anderes Bild als vor 10, 20 Jahren. Viele dieser Jungs waren noch nie in einem Huddle. Viele müssen keine Plays ansagen. Es ist ein vereinfachter Ansatz, und diese Erfahrung bringen sie dann auch mit."

Einfach aber effizient: Die Ravens-Offense 2018

"Einfachheit" ist auch der übergreifende Begriff für das, was Baltimore letztes Jahr machte.

Es war faszinierend zu sehen, wie wenig komplex Baltimores Offense mit Lamar Jackson aus schematischer Sicht war. Sicher, die Blocking-Zuteilungen bekamen hier und da einige kleine Anpassungen; teilweise arbeiteten die Ravens bevorzugt Inside mit Double-Teams, teilweise hatten sie zwei Pull-Blocker, um ein nummerisches Übergewicht auf einer Seite zu schaffen.

Im Kern aber nutzten die Ravens nur eine Handvoll verschiedener Formationen, um mit Jackson im Run Game Offenses zu attackieren. Das oben abgebildete Design war dabei eines der absoluten Basic-Plays, in puncto Formation und in puncto Play-Design insgesamt.

Nachdem Jackson übernahm, spielten die Ravens nur noch 56 Prozent ihrer Snaps aus 11-Personnel (ein RB, ein TE, drei WR), der fünftniedrigste Wert ligaweit. Stattdessen arbeiteten sie zu 25 Prozent aus 12-Personnel, also mit zwei Tight Ends; der vierthöchste Wert. Und obendrauf kamen acht Prozent ihrer Snaps aus 13-Personnel, der dritthöchste Wert.

Die Ravens waren mit Jackson die Play-Action-lastigste Offense der Liga, und das wird sich auch 2019 fortsetzen. 42,9 Prozent seiner Pässe kamen via Play Action, fast 20 Prozent mehr (!) als es bei Flacco der Fall war (23,3 Prozent). Jackson war mit Play Action deutlich effizienter (2,9 Yards pro Pass mehr im Schnitt) als ohne und warf drei Touchdowns und nur einen Pick bei 87 Dropbacks - ohne waren es bei 30 Snaps mehr drei Touchdowns und zwei Interceptions.

Das ist eine Erklärung für den Anstieg an Formationen mit mehreren Tight Ends - Baltimore war so schwerer ausrechenbar in seinen Play-Action-Designs. Allerdings wurden, wie oben abgebildet, auch Plays, in denen ein Tight End neben Jackson und dem Running Back im Backfield stand und als Lead-Blocker fungierte, ein zentraler Part der Offense.

Und so sahen dann, wie im ersten und zweiten Beispiel, sehr viele Play-Designs aus. Jackson hatte die Möglichkeit, den Ball zu behalten, oder ihn an den Running Back zu übergeben - um diese Entscheidung zu treffen, liest er in aller Regel einen der Edge-Defender. Kommt der nach innen gesprintet, zieht Jackson den Ball zurück und läuft hinter seinem Tight End selbst los. Hält der Verteidiger die Edge, übergibt Jackson den Ball an seinen Running Back.

So blockt man mit dem Zone Read einen Verteidiger, ohne ihn physisch zu blocken - und so kreiert man ein numerisches Übergewicht. Unter Running Backs mit mindestens 130 Runs in der Regular Season liefen nur Todd Gurley (8,2 Prozent) und Frank Gore (12,1 Prozent) weniger ihrer Runs gegen acht oder mehr Verteidiger in der Box als Gus Edwards (13,1 Prozent), der gemeinsam mit Jackson in Woche 11 die Starter-Rolle übernahm.

Obwohl Teams also wussten, dass die Ravens laufen werden, hatte Edwards prozentual mehr leichte Boxes gegen sich als fast jeder andere Running Back. Die anderen beiden konstant auftretenden Elemente neben dem Tight End im Backfield waren Pre-Snap-Motion und Misdirection, wie im zweiten Beispiel ebenfalls zu sehen.

Baltimore nutzte Receiver bei angetäuschten Jet Sweeps gerne als Ablenkung, um die Defense zu Anpassungen in der Zuteilung zu zwingen und im Idealfall noch einen Verteidiger aus der Box zu ziehen - eine Rolle, in der man 2019 Rookie Marquise Brown häufig sehen dürfte. Und das führt direkt zur kommenden Saison und einigen der Konzepte, die weiter ausgebaut werden und elementare Parts der Ravens-Offense 2019 sein dürften.

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