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Das Vermächtnis des Generals

Von Jan-Hendrik Böhmer
Mittwoch, 30.01.2013 | 15:20 Uhr
Ray Lewis lässt sich manchmal von seinen Emotionen übermannen - was nicht jedem gefällt
© Getty
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Ray Lewis ist schon jetzt eine Legende. Er gilt als einer der besten Linebacker und emotionalsten Spieler aller Zeiten. Doch manchmal geht auch er zu weit...

Wenn Ray Lewis das Trikot mit der Nummer 52 überstreift, legt er einen Schalter um. In diesem Moment wird der 37-Jährige zum General, das Spielfeld zu seinem persönlichen Schlachtfeld. Und jeder im Stadion weiß: Somebody is pissed off for greatness.

Für viele Experten gilt Lewis als einer der emotionalsten Spieler aller Zeiten. Die Art und Weise, wie er Teamkollegen und Fans vor jedem Spiel aufpeitscht, ist legendär.

"Was auch immer der General sagt, alle haben zu folgen. Bottom line", sagt Lewis - und spricht anschließend davon, dass jeder selbst bestimmen könne, welches Vermächtnis er der Welt hinterlassen wolle. Seines solle aber ein großes sein, so viel sei sicher: "Wenn ich fertig bin, will ich, dass alle sagen: Ray Lewis war der Beste."

Reese: "Er rennt wie der Teufel"

Und es gibt in der NFL wohl auch kaum jemanden, der Lewis seine Verdienste auf dem Feld streitig machen wollte. Super-Bowl-MVP, zweifacher Defensive Player of the Year, 13 Pro Bowls - kurz gesagt: Er gilt als einer der besten Inside Linebacker aller Zeiten.

"Er strotzt nur so vor Motivation, hat großartige Instinkte, rennt wie der Teufel und macht einfach eine Menge wichtiger Plays", sagte der aktuelle Patriots-Berater und ehemalige Tennessee-Titans-Boss Floyd Reese bereits vor einigen Jahren. "Und wenn Du jemanden wie ihn verlierst, dann verliert dein Team einen Teil seiner Seele."

Doch genau das wird Baltimore nach dem Super Bowl passieren. Die Ravens werden Ray Lewis verlieren. Nach 17 Jahren, mehr als 2050 Tackles, 41,5 Sacks und 31 Interceptions verlässt der General das Schlachtfeld. Und er tut es, mit einem großen Knall.

Es gibt wohl kaum eine Zeitung, kaum ein TV-Sender und schon gar keine Internetseite, die in den Tagen vor dem großen Spiel in New Orleans auf einen Bericht über das bewegte Leben des Ray Lewis verzichten könnte. "4000 Journalisten - und alle schauen auf ihn", stellte Sports-Illustrated-Kolumnist Peter King fast schon ernüchtert fest.

Medien-Hype und Comedyshows

Ray Lewis ist auf jedem Kanal - und er genießt es. Doch nicht überall kommt das derzeit gut an. King spricht bereits vom "Ray Lewis overload" und ist nicht der einzige, dem der Hype vor dem letzen Akt des Ray Lewis sauer aufstößt. Die bekannte Comedy-Show "Saturday Night Live" machte sich vor kurzem darüber lustig, dass Lewis mittlerweile vor, während und nach jedem Spiel in eine dafür bereit stehende Kamera weinen würde.

Und selbst die "Baltimore Sun", eigentlich das Sprachrohr von Lewis und den Ravens, zog am Dienstag die Notbremse. "Das Weinen, das Beten, die Bibel-Zitate, die Knie-Fälle während der letzten beiden Spiele: das geht einfach zu weit", schrieb Kolumnist Mike Preston. "Ich zweifle nicht an seinen Emotionen oder seinem Glauben, aber ich habe seine Karriere jetzt 17 Jahre lang verfolgt.

Und während er auf der einen Seite der absolute Team-Player ist, so ist er sich doch am Ende selbst seine eigene Nummer eins. Ray liebt sein Team, doch Ray liebt eben Ray noch ein bisschen mehr", so Preston.

Das Theater und die Show, das Sprechen von sich selbst in der dritten Person: Eine stattliche Anzahl Ravens-Fans habe davon in den vergangenen Wochen genug gehabt.

Mach' mir den Hirsch

Dass ausgerechnet jetzt auch noch Anschuldigungen laut werden, Lewis hätte während seiner gerade überstandenen Trizeps-Verletzung zu verbotenen Mitteln gegriffen, um schneller wieder fit zu werden, kommt seinen Kritikern gerade recht. Lewis, so heißt es in einem Bericht der "Sports Illustrated", habe sich mit "Deer Antler Spray" behandelt.

Die Einnahme des aus Hirsch-Geweih hergestellten Mittels, das unter die Zunge gesprüht wird, hat ähnliche Auswirkungen wie der Konsum von Wachstumshormonen: eine künstlich beschleunigte Muskel-Regeneration. Weshalb es von der NFL verboten wurde.

Lewis dementierte die Gerüchte mittlerweile. Er erklärte, dass es sich bei den Anschuldigungen lediglich um einen PR-Stunt der Firma handle, die das fragliche Mittel vertriebt. "Die haben das vor zwei Jahren schon einmal versucht und sind es nicht wert, etwas von meinem Rampenlicht abzubekommen", sagte Lewis, bevor er die Diskussion mit einem deutlichen "die nächste Frage bitte!" im Keim erstickte.

Mord-Anklage in der Super-Bowl-Nacht

Doch selbst wenn die Doping-Gerüchte, besonders wegen des Timings der angeblichen Enthüllungs-Story, schon sehr PR-verdächtig riechen, so passen sie doch ins Leben des Ray Lewis. Neben den großen Erfolgen und inspirierenden Momenten gab es hier nämlich auch immer wieder Schatten. So wie damals, in der Super-Bowl-Nacht 2000.

Damals feierte Lewis ausgelassen mit zwei Freunden in einem noblen Nachtklub in Atlanta, bevor es zwischen ihnen und einer Gruppe anderer Besucher zu einer Schlägerei kam. Die Situation eskalierte, zwei Männer starben - angeblich erstochen von Lewis und seinen Begleitern. 15 Tage verbrachte der damals 24-Jährige im Gefängnis, bevor er die drohende Mord-Anklage durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft und damit verbundenen Aussagen gegen seine Begleiter in eine 12-monatige Bewährungsstrafe umwandeln konnte. Die Angehörigen der Opfer verzichteten nach der Zahlung einer sechsstelligen Abfindung auf weitere Klagen, und auch Lewis' Begleiter wurden wenig später vom Gericht freigesprochen. Bis heute gilt der Fall ungeklärt.

Doch der Zwischenfall war ein Wendepunkt in Lewis' Karriere - vieles hat sich bei ihm mittlerweile verändert. Ein Freund habe ihm damals gesagt: "Ray, wenn Du mit den bösen Hunden rumhängst, musst Du Dich nicht wundern, wenn Du Dir Flöhe einfängst." Das saß. Mit der von ihm ins Leben gerufenen Stiftung hilft Lewis regelmäßig armen, kranken und benachteiligten Menschen und hat auch sein Umfeld stark umstrukturiert.

Ein letztes Mal die 52

Noch viel wichtiger für Lewis' öffentliche Rehabilitation war aber sein Verhalten auf dem Platz. Nach dem Zwischenfall schien sich Lewis nur noch mehr auf Football zu konzentrieren. Er explodierte förmlich und trug die Ravens in der kommenden Saison zum Super-Bowl-Erfolg über die New York Giants in Tampa.

Und genau das ist es, was Lewis auszeichnet. Denn bei all dem Theater um seine Person hat Lewis nicht vergessen, dass es im Football vor allem auf eine Sache ankommt: die Leistung am Sonntag. Und so lange er die bringt, werden ihm seine Fans fast alles verzeihen. Selbstinszenierung, Doping-Vorwürfe - all das ist vergessen, wenn sich der General zum letzten Mal das Trikot mir der Nummer 52 überstreift.

Dann werden sie alle ein letztes Mal auf das hören was er sagt. And that's the bottom line.

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