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Der illegale Pionier

Von Thorben Rybarczik
Freitag, 11.09.2015 | 17:38 Uhr
Spencer Haywood trumpfte in seiner ersten Saison für Seattle richtig auf
© getty
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Spencer Haywood ebnete als Pionier den Weg für viele NBA-Stars nach ihm. Er kämpfte vor Gericht für sein Recht zu spielen und wurde anschließend als "Illegaler" beschimpft. Nun wurde er endlich in die Hall of Fame aufgenommen - denn neben seinen Verdiensten für seine Nachfolger dominierte er auch auf dem Feld.

27 Jahre sind eine lange Zeit. Vor allem, wenn man auf etwas wartet. Und Spencer Haywood kann ein Lied davon singen. "Es wird dann passieren, wenn Gott es will. Nicht, wann ich es will", sagte der heute 66-Jährige vor ein paar Jahren.

Die Rede ist von seiner Aufnahme in die Hall of Fame, die nun endlich zelebriert wurde. Ein längst überfälliger Schritt, denn er ebnete als Pionier den Weg für zahlreiche "High School Kids" wie Kobe Bryant oder LeBron James, indem er vor Gericht für seine Rechte kämpfte. Haywood jedoch besteht darauf, für das in Erinnerung zu bleiben, was er auf dem Feld geleistet hat. Denn zu seinen besten Zeiten konnte ihn niemand stoppen.

Ein Teenie in Mexiko

Seine besten Jahre hatte Haywood schon sehr früh in seiner Karriere. Nachdem er am College bei Trinidad State 28,2 Punkte und 22,1 Rebounds (!) pro Spiel auflegte, wurde er 1968 zum Tryout für die Olympia-Mannschaft der USA eingeladen. Mit 19 Jahren. Insgesamt 88 Spieler hofften auf den Sprung in den Kader, Namen wie Pete Maravich oder Calvin Murphy schafften es nicht. Der Junge vom College dagegen schon, denn Head Coach Bob Lanier war von der Athletik und seinen Dunks so beeindruckt, dass er das Risiko eingehen wollte.

Für diesen Schritt wurde Lanier belohnt. Haywood spielte beim Turnier in Mexiko City bereits wie ein alter Hase, dominierte die Bretter mit seiner Athletik und düpierte die Verteidiger mit seiner Finesse. Das Markenzeichen: ein Dribbling mit Spin Move und anschließendem Fadeaway, den er mit schlafwandlerischer Sicherheit immer und immer wieder in der Reuse unterbrachte. Er war damals einer der wenigen Power Forwards, die auch über ein Händchen von außen verfügten und sich ihren eigenen Wurf mit dem Rücken und dem Gesicht zum Korb stets selbst kreieren konnten.

Am Ende des Turniers hatte Haywood nicht nur die olympische Goldmedaille um den Hals hängen, sondern auch rekordverdächtige Zahlen aufgelegt: 16.1 Punkte pro Spiel bei einer Feldwurfquote von 71,9 Prozent.

Stats wie Wilt

In der folgenden College-Saison sah seine Zeile auf dem Statistikbogen für Detroit Mercy nicht anders aus - anschließend von der ABA umworben, die im Schatten der NBA händeringend nach einem Star und Aushängeschild suchte. Er entschied sich für die Denver Rockets, die später zu den Nuggets wurden. Er pulverisierte in seiner Rookie-Saison jegliche Franchise-Rekorde, die bis heute ungebrochen sind: 30.0 Punkte pro Spiel, 49,3 Prozent aus dem Feld sowie 19,5 Rebounds. Zahlen, die man sonst nur von Wilt Chamberlain kannte. "Die Leute erstarrten vor Ehrfurcht, wenn sie ihn sahen", fasst es sein damaliger Teamkollege Byron Beck zusammen. Das logische Ergebnis: Haywood wurde gleichzeitig zum Rookie of the Year, zum MVP der Saison und zum MVP des Allstar Games ernannt. Mehr geht nicht.

Das Problem: Es bekam kaum einer mit. Die ABA war neu, die ABA setzte auf Show statt auf Qualität, die ABA spielte mit einem weißblauen Ball. Und vor allem wurde die ABA nicht im nationalen TV übertragen. Trotzdem konnten es sich die Rockets leisten, ihrem neuen Star einen Sechsjahresvertrag über 1,9 Millonen Dollar anzubieten - für damalige Verhältnisse eine astronomische Summe. Doch dieser Vertrag sollte nie erfüllt werden.

Haywood fand heraus, dass ihn die Franchise über den Tisch ziehen wollte. Im Kleingedruckten war eine Klausel versteckt, die ihm nur 400.000 Dollar eingebracht hätte. Der Rest war für mysteriöse Anlagen gedacht, auf die der Spieler erst ab seinem 50. Lebensjahr hätte zugreifen können. Wenn überhaupt. Mit Hilfe eines Anwalts konnte er den Vertrag auflösen und unterschrieb bei den Seattle Supersonics aus der NBA, der "richtigen" Liga also.

"Haywood gegen die NBA"

Da galt es allerdings ein nicht unerhebliches Hindernis zu überwinden. Die NBA verbot es damals, Spieler unter Vertrag zu nehmen, die nicht die kompletten vier Jahre am College absolviert hatten. Haywood hätte also gar nicht spielen dürfen, doch er und die Franchise gingen dagegen vor: Sie klagten gegen die Association. Eine mutige und langwierige Entscheidung, die Aufsehen erregte: "De NCAA und die NBA gingen sehr hart mit uns um. Sie befürchteten, dass ihr komplettes System zusammen brechen würde und dass eine Entscheidung zu meinen Gunsten eine Kettenreaktion auslösen würde", so Haywood.

Doch der Kläger blieb stur und zwang die Liga in die Knie. Er hatte auf seine finanzielle Notlage hingewiesen und darauf, dass er der Einzige war, der seine Familie ernähren konnte. Er hatte insgesamt zehn Geschwister, sein Vater war längst verstorben, die Mutter arbeitete für wenige Dollar am Tag. Dieses Argument überzeugte die Geschworenen - und ab sofort durften Athleten in ähnlichen Situationen den Weg in die NBA gehen. Unabhängig von ihrem Bildungsstand.

Die erreichte Entscheidung ebnete den Weg für kommende Generationen von Spielern, die ihr College vorzeitig für die NBA beendeten oder gar direkt von der High School den Sprung wagten. "Ich ging den Weg ins oberste Gericht um den Kampf 'Haywood gegen die NBA' auszutragen. Das Ergebnis hat all diesen Jordans, Magics und den Birds erst ihren Weg in die Liga geebnet. Und ich könnte diese Liste bis zu Kobe und LeBron weiter führen", so der Pionier.

Ein "Illegaler" auf dem Court

Damals löste das Urteil allerdings eine Welle der Entrüstung aus. Den Supersonics wurde vorgeworfen, sich einen Wettbewerbsvorteil erschlichen zu haben, die Wut der gegnerischen Fans richtete sich gegen den Deserteur. "Vor dem Tip-off bei Auswärtsspielen rief der Hallensprecher in sein Mikrofon: Ladies and Gentleman, wir haben hier einen Illegalen auf dem Feld, also kann das Spiel nicht beginnen, solange er nicht hinausbegleitet wird!' Dann buhten die Zuschauer teilweise oder bewarfen mich solange mit Gegenständen, bis ich das Feld verlassen musste. Es war eine schreckliche Zeit", erinnert sich Haywood und fügt an: "Wäre ich nicht in Mississippi aufgewachsen, wo ich bereits alles erlebt hatte, dann hätte ich das nicht durchgestanden."

Der "Illegale" ließ sich aber nicht beirren und legte in den 33 Spielen, die ihm nach den Verhandlungen noch blieben, 20,6 Punkte und 12 Rebounds auf. Der Teamerfolg blieb allerdings vorerst aus. Wie gesagt: vorerst.

Haywood schraubte vor allem seine Effizienz nach oben und führte Seattle 1975 erstmals in die Playoffs. Sein Coach war damals kein Geringerer als Bill Russell. Das Verhältnis der beiden war aber nicht immer einfach, was Haywood heute bereut: "Es war eine sehr gute Erfahrung mit ihm als Coach, aber er und ich haben das erst zu schätzen gelernt, nachdem wir getrennt wurden." Haywoods 13,4 Rebounds pro Spiel aus der Saison 73/74 sind bis heute Franchise-Rekord, seine 29,2 Punkte aus dem Jahr davor konnten nur von Kevin Durant getoppt werden.

Ein zu großes Erbe

Und diese Trennung ließ nicht lange auf sich warten, sie folgte direkt nach der Playoff-Saison. Haywood wurde etwas überraschend zu den New York Knicks getradet, der damals glamourösesten Franchise der Association. Recht war ihm das nicht: "Ich habe mich von Seattle verraten gefühlt. Nach allem, was ich dort durchgemacht hatte, einfach weggegeben zu werden - das schmerzte schon".

Seine neue Situation im Big Apple war keine einfache. Mit Willis Reed, Dave DeBusschere and Jerry Lucas gingen drei Franchise-Player in den Ruhestand und Spencer Haywood sollte sie beerben. Alle drei. Dieses Unterfangen war zum Scheitern verurteilt, vor allem, nachdem er auf einer Pressekonferenz auf die Frage, ob er der "Retter" sein, mit ja antwortete. Jede schlechte Leistung wurde ihm angelastet, immer wieder musste er Vergleiche mit allen drei Ex-Stars über sich ergehen lassen.

Seine Leistungen auf dem Court litten darunter, er konnte nie mehr an seine glorreichen Zeiten aus Seattle anknüpfen. Stattdessen flüchtete er sich ins Star-Leben der New Yorker Szene, heiratete das Supermodel Iman Abdulmajid und tauchte ein in die Celebrity-Welt der Stadt.

Der Scheintote

Die Knicks wollten sich das nicht länger anschauen und schickten ihn zu den New Orleans Jazz, die ihn nach kurzer Zeit direkt zu den Los Angeles Lakers weitergaben. Dort nahm seine NBA-Karriere vorerst ein unrühmliches Ende. Während des Trainings schlief er beim Stretching plötzlich ein, seine Teamkollegen versuchten vergebens, ihn aufzuwecken, dachten bereits, er sei tot.

Tot war er zwar nicht, befand sich allerdings in einem Drogenrausch. Haywood war dem Kokain verfallen. Natürlich wurde er sofort suspendiert - und ausgerechnet nach diesem Vorfall holten die Lakers die Championship. Der Ring wurde ihm zunächst verwehrt und erst nach ein paar Jahren und vielen Diskussionen überreicht.

Haywood rappelte sich "nach einem augenöffnenden Gespräch" mit seiner Mutter wieder auf und ging ins Ausland, wo er sich in Italien bei Reyer Venezia sportlich wieder fing und eine neue Chance in der Association bekam. Bei den Washington Bullets lieferte er noch einmal konstante Leistungen ab (17,4 Punkte und 7,3 Rebounds in seiner ersten Saison) und setzte seinen Entzug fort - inzwischen ist er seit über drei Jahrzehnten clean.

Fast genauso lange musste er auf seine Aufnahme in die Hall of Fame warten. Und eines freut ihn - als es endlich soweit war - besonders: "Junge Spieler werden sich nun fragen: Was für eine Art Spieler war er? Sie werden mich nicht nur aufgrund meiner Pionierrolle in Erinnerung behalten, sondern wegen meines Spiels." Und das hat sich Spencer Haywood zweifelsohne verdient.

Der NBA-Spielplan im Überblick

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