Legenden-Serie: Oscar Robertson

Der Superstar, den niemand wollte

Von Jan Dafeld
Mittwoch, 20.11.2013 | 14:09 Uhr
Mit den Milwaukee Bucks gewann Oscar Robertson seinen einzigen Titel in der NBA
© getty
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Oscar Robertson gehört zu den größten Legenden in der Geschichte der NBA. Seine Triple-Double-Saison ist bis heute unvergessen. Dabei waren die Voraussetzungen für seine Karriere denkbar schlecht: Sein ganzes Leben lang kämpfte er gegen Rassismus und seine kritische Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Doch er sollte die Liga entscheidend verändern.

"Oscar Robertson ist der beste Basketballer, gegen den ich jemals gespielt habe." John Havlicek macht eine kurze Pause. Dann fügt er hinzu: "Er hatte keine Schwächen." The Big O gilt als komplettester Spieler seiner Generation. NBA-Experten vergleichen ihn mit den größten Legenden aller Zeiten. "Er war der Michael Jordan seiner Zeit", erklärt Red Auerbach, neunmaliger Meistertrainer mit den Boston Celtics. "In vielerlei Hinsicht."

Tatsächlich steht Oscar Robertson heute zusammen mit Superstars wie Michael Jordan, Magic Johnson oder Larry Bird in der Hall of Fame der NBA. Doch Robertsons Karriere verlief anders als die späterer NBA-Koryphäen. "Der größte Basketballer der Welt zu sein bedeutete überhaupt nichts für Oscar", meint sein langjähriger Teamkollege Wayne Embry. "Er durfte trotzdem nicht in einem Restaurant essen. Er musste trotzdem in der letzten Kinoreihe sitzen, wenn er sich einen Film ansehen wollte. Er musste trotzdem in dem ihm zugewiesenen Bereich im Bus Platz nehmen."

Keine Schwarzen als Vorbilder

Robertsons Stern am Basketballhimmel steht am höchsten, als ihn dort eigentlich überhaupt niemand sehen will. Zu Beginn der 1960er Jahre wird das Gesellschaftsbild in den USA nach wie vor vom Rassismus beherrscht. Es ist der Beginn der Protestbewegungen der afroamerikanischen Bevölkerung und dem Wirken von Martin Luther King in den Vereinigten Staaten, doch Farbige werden weiterhin als Menschen zweiter Klasse angesehen. Zujubeln möchte ihnen keiner.

"Die Medien, die Werbeindustrie, das Publikum, sie alle wollten Weiße als Helden haben. Doch Oscar war dummerweise einfach ein überragender Spieler", erklärt George Vecsey von der "New York Times". Robertsons Dominanz und Unaufhaltsamkeit will so gar nicht in das über Jahrhunderte kreierte Bild der niederen Rasse passen. Mit Bill Russell und Wilt Chamberlain wurden zwar bereits zwei Farbige zu MVPs in der NBA gewählt, doch vor allem Robertsons Position und Spielstil sind der Öffentlichkeit ein Dorn im Auge.

Kindheit in Armut

"Die Annahme war, dass Schwarze nicht klug sind. Sie sind dumm", erklärt Robertson. "Es wurde gesagt, sie könnten nicht dribbeln, könnten den Ball nicht im Backcourt kontrollieren. Sie konnten zwar spielen, aber angeblich nicht denken." Für den Point Guard ist diese öffentliche Wahrnehmung nichts Neues. Geboren wird er in Tennessee, seine Familie zieht jedoch später um, sodass er eine High School in Indianapolis besucht. So lernt er bereits im Kindesalter zwei Arten von Rassismus kennen: den südlichen und den nördlichen.

Robertsons Mutter übt drei Jobs gleichzeitig aus, um ihre drei Söhne zu ernähren. Als sich der kleine Oscar zum Geburtstag einen Basketball wünscht, reicht das Geld der Familie nicht aus. Bis er in der Schulmannschaft spielen kann, trainiert Robertson seinen Distanzwurf, indem er mit Kordel zusammengebundene Lumpen in einen Flechtkorb vor dem Haus wirft.

Erfolgreich, aber nicht gefeiert

Das Training scheint sich auszuzahlen: 1955 gewinnt er mit seiner High School Crispus Attucks überlegen die Meisterschaft - als erste rein schwarze Schule in der Geschichte Indianas. Im Jahr darauf wiederholt das Team dieses Kunststück und verliert dabei kein einziges Spiel in der gesamten Saison. Ebenfalls eine Premiere in Indiana. Trotzdem sind Robertson und seine Teamkollegen in Indianapolis keine gefeierten Idole. Ihre Titel müssen sie außerhalb der Stadt feiern. "Man sagte uns, die Schwarzen würden ansonsten in der Innenstadt randalieren", so Robertson.

Dass er in Spielen gegen andere Schulen von Fans und Gegenspielern beleidigt wird, blendet Robertson aus: "Es hat mich nicht gekümmert", behauptet er. "Es hat mich nur noch härter spielen lassen." Der damals 18-Jährige ist nicht schüchtern oder ängstlich. Beobachter beschreiben ihn als zu stolz, als dass er sich von seinen Gegnern hätte provozieren lassen.

Dominanz am College

Als er als amtierender "Indiana Mr. Basketball" 1957 zum College von Indiana fährt, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen und für die Hoosiers aufzulaufen, wird allerdings auch bei Robertson eine Grenze erreicht. Beim Treffen auf dem Campus tritt ihm der Hoosiers-Coach respektlos gegenüber, soll Robertson sogar beleidigen. "Ich wäre niemals dorthin gewechselt", blickt The Big O heute zurück. "Für Nichts auf der Welt".

Robertson entscheidet sich stattdessen für das College von Cincinnati und dominiert dort die meisten Gegenspieler. In drei Jahren wird er dreimal zum College Player of the Year gewählt, ist dreimal bester Scorer und zieht zweimal ins Final Four ein. Der ganz große Wurf bleibt ihm aber ebenso verwehrt wie der Respekt der weißen Gesellschaft.

"Ein Wunder, dass ich niemanden umgebracht habe"

Häufig muss er getrennt von der Mannschaft übernachten, da ihm die Hotels keinen Einlass gewähren. Als er mit seinen Bearcats in North Carolina gegen Wake Forest antreten soll, erhält er einen Brief des Ku Klux Klans, in dem damit gedroht wird ihn zu erschießen, sobald er über die Grenze fährt.

"Ich war ein junger Mann, spielte in einer rein schwarzen Schule Basketball, kam auf die Universität als erster Schwarzer in ihrer Geschichte und wurde vom Klan bedroht. Mir wurde immer wieder gesagt, ich dürfte bestimmte Sachen nicht tun. Es ist ein Wunder, dass ich niemanden umgebracht habe", meint Robertson. Der Guard bewahrt die Kontrolle, so gut er kann. Doch in seinem Innern rumort es.

Die Triple-Double-Saison

Auf dem Feld scheint Robertson weiterhin eine Klasse besser als (fast) jeder seiner Gegenspieler zu sein. Er gewinnt olympisches Gold und schon in seiner ersten NBA-Saison erreicht er für die Cincinnati Royals unglaubliche 30,5 Punkte, 10,1 Rebounds und 9,7 Assists pro Spiel. "Er war wie ein Oktopus am Ball", erklärt Pete Newell, sein Coach beim US-amerikanischen Nationalteam. "Es schien, als hätte er sechs Hände. Er dribbelte und hielt gleichzeitig die Gegenspieler auf Abstand. Du hast den Ball einfach nicht von ihm gekriegt."

Nur ein Jahr später gelingt Oscar Robertson ein Kunststück, das bis heute unerreicht ist. "Er hatte im Schnitt ein Triple-Double über eine komplette Saison. Damit kann ich mich niemals vergleichen", sagt Magic Johnson, der Robertsons Marke 1982 mit 18,6 Punkten, 9,6 Rebounds und 9,5 Assists pro Spiel bis heute am nächsten kam. "Ich fand erst heraus, wie gut Oscar wirklich war, als ich versuchte dasselbe zu erreichen wie er."

Einzelkämpfer ohne Teamerfolg

Robertsons Statistiken erscheinen nahezu surreal. Neunmal in Folge schafft er es ins All-NBA First Team und hält über seine ersten fünf Jahre gesehen ein Triple-Double im Schnitt, mehr als 30 Punkte, 10 Rebounds und 10 Assists legt er pro Partie auf. Zum MVP wird er allerdings nur einmal gekürt. Ihm fehlt auf dem Feld das Flair. Er zeigt keine krachenden Dunkings oder No-Look-Pässe. Er besticht allein durch Effizienz. "Es war schrecklich, gegen ihn zu spielen", erinnert sich Walt Frazier. "Er hat dich mit dem Rücken dahin gedrückt, wo er dich haben wollte und dann einfach über dich hinweg geworfen."

Darüber hinaus bleibt der Teamerfolg aus. Die Kritik am Point Guard wächst, sowohl in den Medien als auch im eigenen Team. Der Superstar fordert den Ball für sich. Häufig schreit er Teamkollegen an, dass sie zu ihm passen sollen. Die Zeitungen schreiben, dass Robertson zu viel auf eigene Faust versuche, viel zu viel dribble. Noch heute zeigt sich The Big O uneinsichtig: "Ich kannte das Spiel besser als jeder andere. Wer sollte denn sonst den Ball haben?"

Machtkampf mit Cousy

1969 entschließen sich die Royals zu einer Veränderung ihrer Philosophie und verpflichten Bob Cousy als neuen Coach. Der ehemalige Celtics-Star steht für Siege und Teamerfolg, ändert aber auch die Spielweise des Teams und fordert mehr Ball Movement von seinen Spielern. Dass das Verhältnis zwischen dem neuen Trainer und dem Star des Teams kein gutes ist, verwundert niemanden. "Es war keine Sache des Egos", erklärt Cousy, "ich hätte Oscar natürlich so weiterspielen lassen können wie bisher, aber das war nicht der Plan, den wir verfolgten."

Als die großen Siege auch in diesem Jahr ausbleiben, kommt es zum Machtkampf, den Cousy gewinnt. In den Augen der Medien ist Robertson ein Verlierer, mit dem die Royals keine Erfolge feiern würden. "Plötzlich gab es da eine Kampagne, nach der ich in meiner Karriere nichts erreicht hätte", erinnert sich Robertson. "Ich war im All-NBA First Team. Jedes Jahr! Jedes Jahr, das muss man sich mal vorstellen."

Erster Titel nach zehn Jahren

Trotz allem scheint ein Umdenken beim Einzelgänger stattgefunden zu haben. Nach seinem Trade zu Milwaukee ist er zwar weiterhin der Leader des Teams, allerdings nicht mehr die erste Option im Angriff. Plötzlich sagt er Würfe an, anstatt sie zu nehmen.

Mit Big Man Lew Alcindor (später bekannt als Kareem Abdul-Jabbar) harmoniert der Point Guard nahezu perfekt. Gleich in ihrer ersten Saison gewinnen sie 66 Spiele, in den Finals benötigen sie nur vier Spiele gegen klar unterlegene Bullets. Nach zehn Jahren gewinnt Oscar Robertson endlich seinen Ring.

Kampf für mehr Spielerrechte

Der Höhepunkt seiner Karriere als Basketballer ist aus historischer Sicht jedoch nicht sein größter Beitrag zur Geschichte der NBA. Als Vorsitzender der NBA's Players Association kämpft Robertson in den Jahren nach dem Gewinn seines Meistertitels für mehr Rechte der Spieler in der Liga. 1976, zwei Jahre, nachdem er seine Karriere als aktiver Spieler bereits beendet hat, tritt die "Oscar Robertson Suit" tatsächlich in Kraft. Nach der Fusion der NBA mit der ABA wird der Grundstein für die heutigen Free Agency-Regeln in der Liga gelegt.

Es ist der Abschluss seines Kampfes gegen Ungerechtigkeiten im amerikanischen Basketball. Oscar Robertson nimmt im Basketball nicht dieselbe Rolle wie Jackie Robinson im Baseball ein, der als erster schwarzer Baseballer in der Geschichte der MLB zu einer Symbolfigur für die Rassenintegration im amerikanischen Profisport und der amerikanischen Gesellschaft wurde. Im Kampf gegen den Rassismus ist er stets ein Einzelkämpfer und verweigert seine Teilnahme an Gemeinschaftsprojekten der afroamerikanischen Spielergemeinde.

Doch es ist sein Wirken, das zur wohl größten Veränderung im System fühlt. Ein System, in dem die Teams ihre Spieler laut Robertson ein Leben lang besitzen. Ein System der modernen Sklaverei. Ein System, das für ihn ein Produkt einer früheren Ideologie ist. Eine Ideologie, die ihn sein Leben lang belastete.

Der Spielplan der Saison 2013/14

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