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Pascal Roller im Interview

Extremer Stress und lange Extremitäten

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 18.04.2012 | 14:20 Uhr
Shaquille O'Neal versuchte sich beim All-Star-Game 2005 am einhändigen Freiwurf
© Getty
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Unter den Basketball-Stars grassiert die Freiwurf-Legasthenie. Blake Griffin ist nur einer von vielen Nachfolgern Shaquille O'Neals. Ist das amüsant - oder ein Armutszeugnis? Der ehemalige deutsche Nationalspieler Pascal Roller gehörte zu den sichersten Freiwerfern überhaupt und spricht über die Hintergründe: über lange Gliedmaßen, mentalen Stress und Holger Geschwindner.

SPOX: Im Internet sorgen Videos für Belustigung, in denen NBA-Profis wie Blake Griffin und DeAndre Jordan bei der vermeintlich leichtesten Aufgabe im Basketball, dem Freiwurf, peinliche Air Balls unterlaufen. Wie lassen sich solche Aussetzer erklären?

Pascal Roller: Ich habe schon einige Air Balls gesehen - im Internet, aber auch während meiner Karriere aus nächster Nähe. Grundsätzlich lässt sich sagen: Keine Facette des Basketballs ist derart vom Selbstvertrauen abhängig wie der stabile oder eben wackelige Freiwurf.

SPOX: Fehlendes Selbstvertrauen - ist Freiwurfschwäche so leicht zu erklären?

Roller: Es gibt außerdem einen physiognomischen Zusammenhang. Ich kenne leider keine wissenschaftlichen Untersuchungen, trotzdem fällt eines auf: Je länger die Arme und je größer die Hände sind, desto schwerer fällt einem Basketballer eine weiche und gefühlvolle Wurfbewegung - was sich direkt auf den Freiwurf auswirkt. Entsprechend sind vor allem die Spieler auf den großen Positionen davon betroffen.

SPOX: Point Guard Rajon Rondo gehört ebenfalls in diese Kategorie, obwohl er nur 1,85 Meter misst. Sein Ballhandling ist dank der langen Extremitäten herausragend, sein Wurf hingegen eines NBA-Superstars nicht würdig.

Roller: Die Freiwurf-Debatte sollte sich jedoch nicht zu sehr auf den körperlichen Aspekt konzentrieren. Das Wichtigste ist der mentale Aspekt. Freiwürfe können extrem oft wiederholt und so zu trainieren versucht werden, dennoch entscheidet es sich letztendlich im Kopf. Wer schon einmal an der Freiwurflinie stand und entscheidend versagte, muss das schnell verarbeiten. Wenn dies nicht gelingt, setzt sich im Kopf ein Komplex fest. Und dieser Komplex wird mit der Zeit immer größer und kann nicht beliebig ausgeschaltet werden. Darunter leiden nicht nur Rookies, sondern auch erfahrene Profis.

SPOX: Wie fühlt es sich an, zu einem wichtigen Freiwurf an die Linie zu gehen?

Roller: Der Freiwurf ist eine ganz spezielle Situation, die es in der Form im Basketball sonst nicht gibt. Man darf sich Zeit lassen und einen Punkt erzielen, ohne dass ein Gegenspieler stört. Daraus ergibt sich gleichzeitig extremer Stress: Wer versagt, ist selbst schuld. Alle Augen in der Arena blicken auf einen und die Gefahr ist riesig, sich zu blamieren. Zumindest neigen vor allem verunsicherte Basketballer dazu, so zu denken.

SPOX: Ist das die Erklärung dafür, dass bei vielen Leistungsträgern des deutschen Meisters Brose Baskets Bamberg die Freiwurfquoten in der Euroleague deutlich niedriger sind als in der BBL? P.J. Tucker, Tibor Pleiß und Brian Roberts treffen zwischen 14 und 22 Prozent schlechter.

Roller: In der BBL ist Bamberg ein anderes Team: Hier treten sie als amtierender Champion und mit der entsprechenden Körpersprache auf. In der Euroleague gehören sie nicht zu den Favoriten, stehen aber aufgrund der größeren Konkurrenz mehr unter dem Druck, den eigenen Erwartungen gerecht zu werden. Da kommen Freiwürfen eine ganz andere Bedeutung zu.

SPOX: Wie lassen sich Freiwürfe trainieren?

Roller: Nur sehr schwierig. Es geht darum, die Stresssituation an der Linie nachzustellen. Daher werden häufig viele Trainingseinheiten mit einer Serie von Freiwürfen beendet, um einerseits runterzukommen und um andererseits die Fähigkeit zu lernen, trotz Müdigkeit die Konzentration aufrechtzuerhalten. Der echte Druck ist jedoch nicht simulierbar.

SPOX: Bei allem Verständnis für die Stresssituation an der Linie: Muss nicht von jedem NBA-Millionär erwartet werden können, zumindest 70, 80 Prozent der Freiwürfe zu treffen?

Roller: Es gibt zu viele Rollen im Basketball, die ausgefüllt werden müssen. Es gibt Basketballer, die per se keine guten Schützen sind, dafür andere Aspekte perfektioniert haben. Ein Beispiel: Ich versuchte schon als Jugendlicher, den Wurf zu perfektionieren, weil ich das Geräusch liebe, wenn der Ball durch den Korb fliegt. Dafür hatte ich nie Spaß daran, den Körper zu stählen, damit ich der beste Blocksteller bin - obwohl das genauso zum Basketball gehört. Daher würde ich nicht so hart pauschalisieren. Das Einzige, das ich von jedem Profi erwarte: Dass er fleißig trainiert. Wenn man immer 60 Prozent trifft, ist es nicht berauschend, zeigt aber den Willen, konstant am Wurf zu arbeiten. Wenn man allerdings in einer Saison 80 Prozent und in der folgenden nur 50 Prozent trifft, wäre es ein Indiz dafür, dass die Bereitschaft nicht vorhanden ist.

SPOX: Bayerns Spielmacher Steffen Hamann verwandelte in der vergangenen Zweitliga-Saison 86 Prozent der Freiwürfe. In der BBL stürzte seine Quote dann auf 50 Prozent ab, bevor sie zuletzt wieder auf 69 Prozent anstieg.

Roller: Steffen ist ein besonderer Fall: Er bringt die Erfahrung und die mentale Stärke mit, um ein guter Freiwurfschütze zu sein. Ihm fehlt jedoch die Solidität im Wurf. Ich kenne ihn schon lange und kann mir das nicht wirklich erklären. An manchen Tagen fällt bei ihm wenig. Außerdem spielt die Häufigkeit eine Rolle: Bei den Bayern ist er als Verteidiger, Leader und Vorbereiter gefragt und nicht als erste Scoring-Option, die ständig zum Korb geht und Freiwürfe zieht. Daher kann man nicht erwarten, dass er an die Linie geht und locker die Situation bewältigt.

SPOX: Sie selbst gelten als der Basketballer mit dem vielleicht saubersten Wurf der BBL-Geschichte - und den besten Nerven. In den Playoffs 2009/2010, als Sie mit Frankfurt gegen Bamberg ins Finale einzogen, trafen Sie 15 von 16 Freiwürfen. Nur: Der einzige Fehlversuch erwies sich als mitentscheidend für die Frankfurter Niederlage im dramatischen fünften Spiel. Wie kam es dazu?

Roller: Ich weiß nicht genau, wie das passieren konnte. Bei einem guten Schützen fliegt der Freiwurf zu kurz oder zu lang, wenn er vorbeigeht, aber eigentlich nie zur Seite. Entsprechend erschrocken war ich, als der Ball nach links abdriftete. Dennoch bewertete ich es nicht über. Mein Geheimnis war, dass ich es immer simpel gehalten habe. Statt mir Sorgen zu machen, fokussierte ich mich immer auf die Wurftechnik.

SPOX: Obwohl dem Freiwurf eine große Bedeutung zukommt, scheint der europäische Basketball die Wichtigkeit nicht zu erkennen. Stimmt der Eindruck? In der NBA arbeiten mehrere Shot Doctors, darunter der viermalige All-Star Mark Price.

Roller: Es stimmt, in Europa fällt mir spontan nur der ehemalige Heidelberger David Jones ein, der in Europa Shooting Clinics veranstaltet. Und natürlich Holger Geschwindner. In dem Punkt gibt es definitiv Nachholbedarf im europäischen Basketball.

SPOX: Geschwindner formte Dirk Nowitzki zum wurfstärksten Big Man der NBA. Warum geht niemand einen ähnlichen Weg?

Roller: Dirk ist das Extrem beim Arbeiten am Wurf. Ich begleite ihn seit Jahren und bekam mit, wie viel Zeit er und Geschwindner in die Perfektionierung und Weiterentwicklung des Wurfs investieren. Das ist vorbildlich. Auf der anderen Seite muss man klar sagen: Solch einen Luxus kann sich kaum ein Spieler leisten. Wer hat schon einen so kompetenten und einfallsreichen Individualcoach über eine lange Zeit zur Verfügung, um einen Plan nachhaltig zu verfolgen?

SPOX: Ricky Rubio bat Geschwindner um Hilfe. Wäre es ein interessantes Projekt gewesen?

Roller: Interessant auf jeden Fall. Rubio ist das klassische Beispiel für einen Basketballer mit langen Extremitäten und inkonstantem Wurf sowie unrundem Bewegungsablauf. Ich formuliere es so: Wenn die Schulmedizin versagt, schaut sich ein Patient nach alternativer Medizin um. In dem Stadium scheint Rubio zu sein. Einen Versuch mit Geschwindner wäre es wert gewesen.

SPOX: Sie kennen Geschwindner aus der Nationalmannschaft. Haben Sie ihn mal nach Rat gefragt?

Roller: Gott sei Dank hatte ich nie Bedarf an alternativer Medizin. (lacht)

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